Falschmützer

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Es begann schon dunkel zu werden und meine Eltern wollten aufgeben. Typisch Eltern. Als meine Schwester verloren gegangen war, also nicht verloren, sondern bloß nicht nachhause gekommen war, konnten sie vom Suchen einfach nicht genug bekommen. Erst am Fenster gewartet, dann unruhig geworden und schließlich los. Den üblichen Weg meiner Schwester. Aber da war sie nicht. Nicht auf der Straße und nicht im Wald. Bei ihrer Freundin war sie und hatte die Zeit vergessen. Und alle waren froh, als sie tralala wieder da war, vergnügt und ohne schlechtes Gewissen. Aber die kleine Schwester, die kriegte natürlich nicht den Arsch voll.

Es war weit. Obwohl Entfernung, Größe und Zeit subjektiv sind und ein Weg für kurze Beine länger ist und eine halbe Stunde mindestens eine Stunde dauert, wenn man sieben oder acht Jahre alt ist, behaupte ich, dass mein Schulweg verdammt lang war. Erst das kleine Stück bis zur Straße, dann die Bohlostraße hinunter, bis die Bebauung aufhörte und auf der rechten Seite nur noch ein paar Gärten lagen. Vorbei an dem Hof auf der linken Seite, bei dem wir Eier holten. Ein Stückchen weiter stand ein altes Fachwerkhaus, das vermutlich eine ländliche Schönheit war, uns aber nur deshalb etwas bedeutete, weil gleich dahinter eine Tollkirsche wuchs und blühte und Früchte trug.

Eine Tollkirsche. Gift und Gefahr und Tod! Was Tod bedeutete, das wussten wir, denn immer mal wieder lag ein toter Vogel auf unseren Wegen, der genauestens betrachtet, aber wegen des Leichengifts auf keinen Fall angefasst werden durfte. Wer tot war, wurde beerdigt. Ordnungsgemäß mit einem Kreuz aus kleinen Zweigen und ein paar Gänseblümchen. Die gab es ganzjährig.

Früher, als die Welt noch so groß war und die Zeit stillstand, wenn man nicht aufpasste. Große Ferien, Geburtstage oder Weihnachten wären doch überhaupt nicht gekommen, hätte ich bei meinen Eltern nicht immer wieder nachgefragt und so dafür gesorgt, dass die Zeit ein Ziel bekam. Außer Vögeln starb niemand, auch nicht an Tollkirschen, die aussahen, als seien sie extra für dumme Kinder beim Sommer in Auftrag gegeben worden.

Das Fachwerkhaus stand an einer Weggabelung, dort hörte die vertraute Welt auf und mündete in eine Fernstraße ein, eine Bundesstraße vielleicht, auf der manchmal sogar Lastwagen unterwegs waren. Ein kleines Stück des Schulwegs führte neben dieser Straße durch den Wald, dann gab es einen Trampelpfad in den Wald, den wir kannten, schon ewig kannten, also vielleicht seit der Einschulung. Gleich war alles anders, das Licht, die Luft, der Boden unter den Füßen und die Geräusche. Natürlich durften wir nicht allein diesen Weg nehmen, durch den finsteren Nadelwald, der selbst im Frühling ein bisschen unheimlich war, fast so unheimlich, wie der Keller oder Frau Meier, die keinen Hals hatte.

Gleich nach der Einschulung war mir Annette anvertraut worden, die Tochter der Leute, bei denen wir die Eier kauften und bei denen ich sowieso auf dem Weg zur Schule vorbeikam. Irgendwie war ich sie losgeworden, es war schließlich völlig ausgeschlossen, mit einem Mädchen zur Schule zu gehen. Keine Ahnung, ob ich sie mit Steinen vertrieben oder an die Füchse verfüttert habe, ob sie aus Gram zuhause blieb oder die Schule wechselte. Ich weiß nicht, was aus ihr geworden ist, ob sie immer noch allein durch den Wald irrt und mit bloßen Fingernägeln Verwünschungen in die Rinde der Bäume kratzt oder in einem kleinen Blockhaus eine Auffangstation für verlaufene Kinder mit angeschlossener Backstube betreibt.

Ich ging mit Hajo. Hajo war adoptiert, was er nicht wusste, was keiner wusste, aber Hajo hatte eine Schwester, die auf Elvis stand und die vielleicht wusste, dass Hajo adoptiert war, aber ich wusste nicht, wer Elvis war und die Schwester war mir egal. So alte Schwestern konnte es überhaupt nicht geben. Schwestern waren jünger, so wie meine. Später zog Hajo weg und ich wäre vielleicht gern mit Annette zur Schule gegangen, aber soweit war es noch nicht. Am Ende des Wäldchens, das wir zu durchqueren hatten, stießen wir auf eine Wohnstraße, die von einem Spitz verteidigt wurde, einem grässlichen weißen Ungeheuer, das uns jeden einzelnen Tag zur Hölle machte. Danach wurde es einfach. Links runter, rechts ab und dann war es auch schon wieder geschafft. Auf dem letzten Stück kamen von überall Kinder, manche zu Fuß, andere mit ihren Fahrrädern, aber nur die Großen und auf der anderen Straßenseite die Katholiken.

Schultasche auf dem Rücken, kurze Hose, ein von der Oma gestrickter Polunder, aus Wolle, die vermutlich mit dem Flüchtlingstreck übers Haff gekommen und schon in verschiedenen Formen durchs Land getragen worden war, und eine kleine runde Mütze, eine Art Topflappen mit einem Zielscheibenmuster, das bestimmt die Eichhörnchen belustigt haben dürfte. Diese Mütze war meine Seligkeit, mein ein und alles und sie war weg, als ich wieder nachhause kam. Suchkommando. Den Schulweg runter. Nichts. Stundenlange Suche nach einem textilen Schatz, einer Wollkrone, aber nichts, überhaupt nichts. Dann ein Lkw, der an uns vorbeifuhr und der Fahrer trug meine Mütze. Sagten meine Eltern.

Bis jetzt gerade habe ich ihnen geglaubt.

16 Gedanken zu “Falschmützer

      • No. Wer anders als der rückblickende Erwachsene sollte das Lebensgefühl des Kindes in Worte fassen? Das Kind könnte es nicht, selbst wenn es die Notwendigkerit sehen würde. Da aber die Zeit stillsteht und nur durch das kindliche Nachfragen ein wenig vorankommt, wie du treffend schreibst, ist es ja völlig in der Situation gefangen. Erst der erwachsene Autor kann das in der ganzen Dimension erfassen.

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      • Da kann ich dir nur zustimmen. Denkbar sind aber auch Kommentare, in denen jemand lobt, dass damals die Kinder noch nicht mit dem SUV zur Schule gebracht wurden und uns Bewegung nicht geschadet hat.

        Gefällt 2 Personen

  1. „Das Fachwerkhaus stand an einer Weggabelung, dort hörte die vertraute Welt auf und mündete in eine Fernstraße ein, eine Bundesstraße vielleicht, auf der manchmal sogar Lastwagen unterwegs waren.“ – Ein wunderschöner Satz!

    Gefällt 1 Person

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