Bewegende Bilder

Als unsere erste Tochter gerade mal stehen konnte, kauften wir uns eine Videokamera. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Eine Videokamera des Jahres 1989 hat nichts zu tun mit den kleinen digitalen Camcordern, die man inzwischen auch kaum noch sieht, weil die meisten Videos einfach mit dem Handy aufgenommen werden. Es war ein Gerät groß wie ein Toaster, in das VHS-C-Kassetten eingelegt wurden, die wiederum mittels eines Adapters im Videorekorder abspielbar waren. Die Kamera ist längst entsorgt, einen Videorekorder besitzen wir noch, obwohl wir damit nichts mehr aufnehmen. Es gibt eine Kassette, die wir uns alljährlich in der Weihnachtszeit ansehen… wollen. Meistens kommen wir nicht dazu oder der Rekorder steht gerade neben meinem Rechner, so wie jetzt, weil ich die VHS-C-Kassetten digitalisieren will.

Seit vielen Jahren. Zweimal habe ich Hard- und Software dafür angeschafft, inzwischen ist die Technik so weit, dass das ganz gut geht. Leider sind die Kassetten auch so weit, dass es nicht mehr so gut geht. Egal. Nein, ich werde jetzt nicht von der Kindheit unserer Töchter erzählen, das ist auch überhaupt nicht notwendig, wir haben ja jetzt digitalisierte Videos aus den frühen Jahren.

Diese Aufnahmen haben aber einen seltsamen Nebeneffekt, den wir nicht bedacht haben: In den Neunzigern waren unsere Töchter klein und wir jung. Wollen wir die Bilder unserer Töchter sehen, schieben wir uns auch immer wieder mal durchs Bild. Will man das?

Natürlich gibt es auch Fotos, die hinreichend peinlich sind, nicht wegen der langen Haare, eher wegen der Mimik, der Haltung, der gesamten Situation, in der sie oft entstanden sind – und das jetzt auch noch mit Ton und in Bewegung? Ich rede zu viel, mag meine Stimme nicht. Okay, ein kleineres Problem, es gibt Menschen, für die die Stimme noch das kleinste Problem sein dürfte. Meine, nicht ihre. Ich nörgele vor mich hin, korrigiere meine Tochter ständig, hoffentlich eine berufsbedingte Macke, zur Zeit der Aufnahmen war ich schon ein paar Jahre als Dozent tätig.

Alle anderen gefilmten Personen sind übrigens super, gehen cool mit der Situation um, sehen ganz natürlich aus und tragen ihre im Zweifelsfall zeitbedingt sehr merkwürdige Kleidung mit Fassung.

Ich überleg, ob ich meine Auftritte mit Musik hinterlege, nein, überdecke: Auftritt Manfred, Videoton runter. Musik hoch. Vielleicht Klaviermusik, genau, wie bei den frühen Stummfilmen. Wenn ich mich dann noch neu kolorieren könnte, schwarzweiß, dann… nee, auch dann nicht.

5 Gedanken zu “Bewegende Bilder

  1. Freund Lo hart mal das chinesische Sprichwort zitiert: Die Erinnerung mal mit goldenem Pinsel. Da kann eine gnadenlos authentische Videoaufnahme die ganze schöne Illusion zerstören. Man muss es einfach gelten lassen. Der heutige Blick ist nicht der Blick, den man damals hatte. Aus dieser Perspektive wäre die heutige Zeit ebenfalls seltsam und vieles, was wir ganz normal tun, erschiene höchst grotesk.

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  2. Wie im Lesen das Schmunzeln und Lachen zunimmt! Jawohl, ich nehme mitfühlend Anteil.
    „Alle anderen gefilmten Personen sind übrigens super.“ Genau! Selbst habe ich auf Walkman-Cassette noch die Stimme meines damals zweijährigen Sohnes, und einmal habe ich vom Anrufbeantworter zu meiner Burgsteinfurter Zeit bald alle während eines Urlaubs angerufen habenden Bekannten ebenfalls auf Cassette übertragen. Man gönnt sich ja sonst nichts zwischen den Jahren, als in sowas rumzustöbern. Die erste Musikcassette – eine Agfa Superferro Dynamic 60 – von Mai 76 beherbergt etwa Steely Dan, Triumvirat und Alvin Lee. 152 am chronologischen Stück habe ich noch, und das Abspielgerät tut´s seit 1985: ein auf Wohnzimmer gestylter Ghettobluster von Sony. – – – „Musik hoch.“

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