Texte, schlaflosen Frauen in tiefer Nacht vorzutragen

Max Liebermann [Public domain]: Theodor Fontane

Manchmal schläft man nicht so gut. Ich schon, ich schlafe eigentlich immer gut, meistens schon, bevor mein Kopf das Kissen berührt. Meine Frau ist da anders, sie will es nicht, aber sie liegt manchmal da und wartet auf den Schlaf, der offenbar was anderes zu tun hat und nicht zu ihr kommen will. Das ist sicher blöd, weil sie jetzt gerade Zeit hätte und auch nichts anderes auf dem Programm steht. Das Büro ist zu, niemand will um drei Uhr in der Früh angerufen werden, nicht mal der lästigste Klient versucht es um diese Zeit. Warum eigentlich nicht? Wieso verabreden die Schlaflosen nicht nächtliche Sprechstunden, dann könnten sie am frühen Morgen, wenn der Schlaf dann endlich zu ihnen gefunden hat, noch etwas liegen bleiben. Aber nein, sie drehen sich wie Würstchen auf dem Rost, zupfen an der Bettdecke und denken.

Ich vermute, das Denken macht es nicht besser. Denken ist ohnehin lästig, bei Dunkelheit und einer der Schlaflosigkeit geschuldeten miesen Grundstimmung kennt es, so wurde mir berichtet, fast immer nur eine Richtung, die in die tiefere Dunkelheit. So werden alltägliche Sorgen zu schier unüberwindlichen Hindernissen aufgebläht. Der Schlaf, der vielleicht gerade irgendwo in der Nähe war, findet die Schlaflose hellwach aufrecht im Bett sitzend und zieht gleich wieder unverrichteter Dinge von dannen.

Das ist dann der Moment für meinen Auftritt. Sensibel wie ich nun mal bin, bemerke ich beim Blick auf den Wecker oder der Rückkehr von einem der Prostata geschuldeten nächtlichen Toilettenbesuch, dass meine Frau wach ist. Gut, ich bemerke es nicht, sie sagt es mir. Nun gibt es zwei mögliche Verläufe: Ich lege mich, voll des guten Willens, mich mit ihrer Schlaflosigkeit zu beschäftigen, wieder hin und schlafe augenblicklich wieder ein. Das ist, um der Wahrheit die Ehre zu geben, der Normalfall. Manchmal, also genau einmal, tue ich aber, was getan werden muss. Ich setze mich auf und beginne zu erzählen.

Man könnte annehmen, dass eine Schlaflose darauf nun gerade nicht gewartet hat, dass sie nicht auch noch akustisch belästigt werden will, aber nein, ich erzähle natürlich nicht von all den spannenden Dingen, die ich im Laufe des vergangenen Tages erlebt oder erfahren habe und erst recht nicht von meinen Sorgen. Okay, nur deshalb nicht, weil ich sie nicht zum Lachen bringen will. Ich erzähle ihr von einer Sendung, die ich in der Mediathek des RBB gefunden habe, ein Mehrteiler mit dem Titel „Die Entdeckung der Heimat“ über Theodor Fontanes Wanderungen durch die Mark Brandenburg. 2019 war das Fontane-Jahr.

Also erzähle ich ihr davon, wie Fabian Hinrichs sich auf Fontanes Spuren begab. Rittergüter, Adelsgeschlechter, märkische Dörfer und Seen. Heldengestalten und Sagen. Hinrichs weist darauf hin, dass die fünf Bände der Wanderungen wohl kaum jemand ganz gelesen habe, dass aber ein Zauber von ihnen ausginge. Ich nehme an, es muss der Zauber sein, der Dornröschen umfing, denn bei meiner Frau wirkt er sofort. Ich höre, dass ihr Atem ruhiger wird, sie leistet der Monotonie meines Berichts keinen Widerstand. Sie schläft.

Am folgenden Morgen plagt mich das schlechte Gewissen. Habe ich dem RBB Unrecht getan? Habe ich Fontane als Schlafmittel missbraucht? Ich weiß es nicht. War es nur die Präsentation durch den RBB oder war es der Meister selbst? Also an den Rechner, das Projekt Gutenberg aufgerufen und Fontane gelesen. Der alte Herr liest sich schon mal viel lebendiger, als der RBB uns glauben machen wollte.

Als Ikone der Mark taugt er dennoch nur eingeschränkt, denn in seinem Vorwort, also in dem zur zweiten Auflage, stellt er sich die rhetorische Frage, ob man in die Mark reisen solle und ja, er rät dazu, falls fünf Bedingungen erfüllt seien. Nein, ich werde die jetzt nicht abarbeiten. Aber dies sei zitiert:„Es ist mit der märkischen Natur wie mit manchen Frauen. »Auch die häßlichste« – sagt das Sprichwort – »hat immer noch sieben Schönheiten.« Ganz so ist es mit dem »Lande zwischen Oder und Elbe«; wenige Punkte sind so arm, daß sie nicht auch ihre sieben Schönheiten hätten. Man muß sie nur zu finden verstehn. Wer das Auge dafür hat, der wag es und reise.“

So ist die Mark? Reden wir nicht über das Frauenbild, das hier transportiert wird, ach, reden wir überhaupt nicht darüber. Ich bin nicht gleich aufgebrochen, aber ich habe das erste Kapitel gelesen. Der alte Zieten. Husaren. Grabmäler und Herrenhäuser. Nein, fünf Bände, die so angelegt sind, liest wohl keiner durch. Aber bei Nacht darüber reden, jederzeit!

12 Gedanken zu “Texte, schlaflosen Frauen in tiefer Nacht vorzutragen

  1. Hallo Herr Voita,
    ich lese sehr gern Ihren Geschichte. Ich erwarte immer den nächsten. Ich entdecke mit Ihre schriftliche auch ein paar aus dem traditionellen und alltäglichen deutschen Alltag.
    Wünsche ich Ihnen auch frohes Fest, einen guten Start in das neue Jahr 2020 und guten Rutsch.
    Freundliche Grüße
    Ruxandra Minea
    Von meinem iPhone gesendet
    >

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    • Hallo Frau Minea,
      vielen Dank für Ihre freundliche Reaktion. Schön, dass Sie Spaß an meinen kleinen Texten haben!
      Ich wünsche auch Ihnen und Ihren Lieben einen guten Rutsch ins neue Jahr und ein glückliches Jahr 2020.

      Ihr
      Manfred Voita

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  2. Das kommende Jahr schaffen wir auch hellwach, denn so siehst´s doch aus: „Der Schlaf, der vielleicht gerade irgendwo in der Nähe war, findet die Schlaflose hellwach aufrecht im Bett sitzend und zieht gleich wieder unverrichteter Dinge von dannen.“ – Und so kann man weitermachen!

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  3. Fontane ist moderner, als die meisten Leute denken.
    Zumindest in seinen Romanen. Die fünf Bänder der
    Wanderungen habe ich allerdings nicht gelesen.
    Bei Schlaflosigkeit nie im Bett bleiben – etwas
    machen und später wieder einsteigen ! Dies
    empfehle ich deiner Frau aus Erfahrung.
    Viele meiner Blog-Beiträge entstehen
    in solchen nächtlichen Sitzungen. 😉

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    • Ich habe nur wenig von ihm gelesen, aber moderner als die Präsentation des rbb ist er bestimmt. Im Regal wartet auch Fontane noch auf seinen Auftritt. Bei mir ist es übrigens so, dass ich über Schreibprojekte nachdenke, wenn ich mal, was wirklich selten ist, nicht gleich einschlafen kann. Falls mir allerdings bei diesen Gelegenheiten etwas einfallen sollte, muss ich mich am nächsten Morgen über Eselsbrücken zu meiner Idee zurückhangeln.

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  4. Lieber Manfred,
    eigentlich nur mit acht Jahren Volksschule „gebildet“ und ärmlich von der Fürsorge lebend, war bei uns zu Hause für Bücher kein Geld (und auch kein Interesse) übrig. Bis eines Tages ein Vertreter des Bertelmann-Verlages an der Wohnungstüre meine Mutter zum Beitritt des Bücherbundes überredete und wir bei Nichtabnahme der verpflichtenden Bücheranzahl pro Quartal automatisch einen „Quartalsband“ zugesandt bekamen. Einer dieser Bände war die Ansammlung aller (oder vieler) Werke Theodor Storms.
    Darin las ich tatsächlich schon als Kind gern.
    Und als eines Tage in der Schule das „Inserat im August“ besprochen wurde,
    konnte ich damit glänzen, dass ich es schon kannte:

    __________Inserat im August___________
    „Die verehrlichen Jungen, welche heuer
    Meine Äpfel und Birnen zu stehlen gedenken,
    Ersuche ich höflichst, bei diesem Vergnügen
    Womöglichst insoweit sich zu beschränken,
    Daß sie daneben auf den Beeten
    Mir die Wurzeln und Erbsen nicht zertreten.“
    ___________________________________
    Den dicken Fontaneband habe ich bis heute behalten. 🙂

    Alles Gute Dir und denen, die zu Dir gehören!
    Lo

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    • Lieber Lo,
      danke für deine guten Wünsche. Meine Schulzeit sah ähnlich aus, einschließlich Bildungsferne und Bertelsmann. Bei mir war es aber nicht Fontane, sondern ein Buch mit dem Titel „Wir sind das Abendland“, ja, ich weiß, das klingt heute nach Pegida und der Autor war wohl auch nicht ganz unbelastet aus der NS-Zeit in die Bundesrepublik gerutscht, aber für mich war das der Einstieg in die griechische und römische Götterwelt, in die italienische Malerei, die Geschichte überhaupt. Als Handelsschüler hatte ich da plötzlich Namen und Ereignisse parat, die meinen Deutschlehrer ziemlich verblüfften. Meine Rechtschreibung hat ihn allerdings auch verblüfft.
      Ein gutes neues Jahr für Dich und alle, die dir lieb sind.
      Manfred

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