Warum ich vor dem Edeka beinahe festgenommen worden wäre

Dabei hatte ich sie doch nur etwas geschüttelt. Aber der Reihe nach.

„Die Ärzte haben sie angerufen, weißt du das?“ hatte die kleine alte Frau zu der anderen kleinen alten Frau gesagt. Nicht das ich neugierig wäre, aber die Beiden sprachen wirklich sehr leise, deshalb musste ich ihnen in ziemlich geringem Abstand folgen, um überhaupt etwas verstehen zu können. Glücklicherweise hatten sie mich nicht bemerkt. Oder ignorierten sie mich etwa? Doch weshalb bemühten sie sich dann, so leise zu sprechen? Nein, entschied ich, Sie wollten nicht belauscht werden.

Was also hatten sie zu verbergen? Ging es um die Frau, die von den Ärzten angerufen worden war?

Es war doch bestimmt kein gutes Zeichen, wenn man von den Ärzten angerufen wurde. „Ihre Ergebnisse sind jetzt da. Es wäre gut, wenn Sie in die Praxis kommen würden, jetzt sofort.“ Was für ein Drama! Und nicht nur von einem Arzt angerufen zu werden, sondern gleich von den Ärzten. Also dem Facharzt für Neurologie, dem für Dyskalkulie, dem für Chirurgie und dem  für, was weiß ich, Hals, Nasen und Ohren. Das Telefon klingelt und am anderen Ende der Leitung spricht ein Ärztechor. Weil keiner von denen den Mut hat, die schlechte Nachricht allein zu überbringen. Geht das technisch? So eine Art Telefonkonferenz? Klar, geht. Nehmen wir also an, dass eine Frau von ihren Ärzten angerufen wurde, die ihr eine schlimme Nachricht überbringen mussten.

Möglicherweise war das aber auch nur so daher gesagt, dieses „die Ärzte haben sie angerufen“ und es handelte sich bloß um eine Gemeinschaftspraxis. Dr. Klingenberg, Dr. Wohlbach und Melzer zum Beispiel. Einer hat fast immer keinen Doktortitel. Es waren auch nicht die Ärzte, sondern nur die Arzthelferin. So würde das natürlich niemand erzählen: „Frau Hürter, die Sprechstundenhilfe der Gemeinschaftspraxis Dr. Klingenberg, Dr. Wohlbach und Melzer hat sie angerufen“. Unmöglich, das hätte jede Geschichte ruiniert.

Zurück zum Fall: Sie, die Angerufene, ist mit den von mir belauschten Damen so vertraut, dass sie einer von ihnen davon erzählt hat, es ist also keine entfernte Bekannte. Außerdem steht die Sprecherin in einem engeren Verhältnis zur Kranken, denn sie verfügt über einen Wissensvorsprung. Berücksichtige ich das Alter der Damen, kann es nicht um ihre Mutter gehen. Es könnte sehr wohl eine Tochter sein… nein, dafür war die Betroffenheit nicht groß genug. Eine Freundin? Dann wäre der Ton anders gewesen, schon betroffen, aber mehr so ein Ha-ich-weiß-was-Ton. Nein, eine Verwandte, eine Tante, Nichte… nein, keine Nichte, da wäre das Mitleid wieder ausgeprägter.

Also eine Tante, eine jüngere Schwester der schon verstorbenen Mutter oder des verstorbenen Vaters. Sie ist ernstlich erkrankt, es ist aber keine Krankheit, die man groß herausposaunt. „Hast du gehört, Tante Grete hat jetzt auch Krebs. So wie die geraucht hat.“ Nein, etwas Unangenehmeres. Nicht für Tante Grete, für die wäre der Krebs hinreichend unangenehm, nein, unangenehmer für die Erzählerin. – Oh!  – Etwas Angsteckendes! Irgendeine russische Steppenkrankheit, die sich von Mantel zu Mantel überträgt, die kleinen Frauen waren nämlich russische Mütterchen. Vielleicht. Ich will hier nichts behaupten. Italienerinnen waren das jedenfalls nicht. Und ich stecke noch den Kopf in die Infektionszone. Ich habe auch schon so ein seltsames Gefühl im Hals.

Wobei: Woher weiß ich denn, dass die Damen nicht meinetwegen so leise waren? Also nicht, weil da jemand lauschte, sondern weil ich lauschte. Weil sie etwas vor mir zu verbergen hatten? Und die Ärzte haben sie angerufen, obwohl es um mich geht. Mir trauen die nämlich nicht zu, dass ich die schlechte Nachricht verkrafte. Sie wird vor mir geheim gehalten. Die Ärzte haben sie angerufen und es ist ja wohl klar, wer mit sie gemeint ist. Meine Frau hat vertrauliche medizinische Informationen von den Ärzten erhalten, die sie mit zwei alten russischen Mütterchen teilt, aber nicht mit dem Betroffenen, nicht mit mir.

Meine Frau kennt viele russische Mütterchen. Väterchen auch. Berufsbedingt. Aber sie würde denen nicht erzählen, dass ich… oh Gott, was habe ich denn bloß? Jedenfalls würde sie das nicht ihren Klientinnen erzählen. Dann aber hieße das, das die Damen auf anderen Wegen an diese Information gelangt sind. Auf nachrichtendienstlichem Wege. Hatte ich schon erwähnt, dass die beiden Frauen Russinnen waren? Die Spioninnen, die aus der Kälte kamen. Unser Telefon wurde abgehört und die Ergebnisse anschließend im Supermarkt diskutiert. Vater oder Sohn Geheimagent starten ihren Lauschangriff gegen uns und unterhalten nach Feierabend mit den Resultaten ihre Agentenfamilie.

Doch wer sollte unser Telefon abhören wollen? Weil ich in den siebziger Jahren mal in der Ostberlin war und dort eine Buch von Charles Dickens gekauft habe, in dessen Deckel eine Mikrofilm eingeklebt wurde, der beweisen würde, dass die Revolution von 1989 von der Stasi und dem KGB geplant und vorbereitet worden ist, damit einstige Führungskader unauffällig den Westen übernehmen können. Das darf natürlich nie rauskommen und deshalb werden wir seit über vierzig Jahren überwacht. Oh je, was die alles mitanhören mussten.

Nein, in dem Dickens war kein Mikrofilm. Schade um das schöne Buch.

Also anders: Die Tochter ist Arzthelferin hat das Gespräch selbst geführt oder mitgehört und unter Umgehung aller Datenschutzregeln brühwarm zuhause darüber berichtet: Stell dir mal vor, der Mann von der Frau Voita… Ich muss mit meiner Frau reden, diese Ungewissheit halte ich nicht aus. Obwohl: Die Gewissheit halte ich vermutlich auch nicht aus. Die Ärzte haben ja zurecht meine Frau angerufen. Wie lebt man weiter mit einer schlechten Nachricht, die man nicht erhalten hat? Ich kündige meinen Job und… ach, ich bin ja schon Rentner. Außerdem: Ich war in letzter Zeit überhaupt nicht beim Arzt.

Jetzt aber schnell, ich muss hinter den beiden alten Damen her, die schulden mir eine Erklärung.

9 Gedanken zu “Warum ich vor dem Edeka beinahe festgenommen worden wäre

  1. Köstlich! Am meisten habe ich mich amüsiert über den Satz: „Irgendeine russische Steppenkrankheit, die sich von Mantel zu Mantel überträgt.“ Steht die Festnahme noch an? Was hast du getan, die Mütterchen beim Revers gefasst und heftig geschüttelt, damit sie mit der Wahrheit rausrücken?

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