Geht doch

 

Von 阿格里科拉(Agricola) – 1556年出版的 中的一张插图。Übertragen aus zh.wikipedia nach Commons durch Shizhao mithilfe des CommonsHelper., Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=7530613

Wir brauchten einen Schrank. Nein, keinen Schrank, mir fällt nur kein zutreffenderes Wort ein. Wir besaßen nämlich eine Pumpe. Eine zweckmäßige und kostengünstige Lösung, wenn man seinen Garten vorschriftsmäßig wässern will. Eine unzweckmäßige Lösung, wenn sich herausstellt, dass das Wasser, das der Mann mit der Wünschelrute gefunden hatte, so eisenhaltig war, dass sich alles augenblicklich braun verfärbte, wenn es Kontakt zu diesem Wasser hatte. So ruinierten wir alle möglichen Sachen, die wir anschließend aufwändig wieder reinigen oder gleich neu kaufen mussten. Oder eben braun ließen. Die Pumpe war eine blöde Idee. Im vergangenen Winter ging sie den Bach runter, offenbar nach ein paar Frostnächten. Also kauften wir eine neue Pumpe.

Wozu eine neue Pumpe, um dieses furchtbare Wasser zu fördern? Egal. Es ist passiert und das bräunlich eingefärbte Teil können wir jetzt auch nicht mehr zurückgeben. Aber wir haben ja gelernt. Nicht viel, nur ein bisschen. Die neue Pumpe sollte nicht wieder dem Winter geopfert werden. Deshalb benötigten wir einen Schrank. Oder eben keinen Schrank, sondern eine Abdeckung, die wir so an die Wand schieben können, dass die Pumpe geschützt steht. Also einen Kasten, der an einer Seite – der Wandseite – offen sein sollte.

Ich bin kein Handwerker, nicht mal ein Heimwerker, aber wenn man keine Bezeichnung für das Ding weiß, das man braucht, kann man es nicht kaufen, sondern muss selber ran. Ich schwang mich zu der Behauptung auf, mir gegebenenfalls zuzutrauen, bei Gelegenheit einmal darüber nachzudenken, ob ich in der Lage wäre, den Bau… Bevor ich mit dem Satz fertig war, nahm Elfie Maß, machte eine Zeichnung, verlor die Zeichnung und machte alles noch einmal. Dann gingen wir in den Baumarkt, nachdem ich gelesen hatte, dass dort Zuschnitte hergestellt würden. Wir haben nämlich weder eine Werkbank noch eine geeignete Säge. Der Zuschneider, Säger – ah, eine Kindheitserinnerung aus dem Ruhrgebiet: Segers! – fragte uns nach dem Material und machte, da wir rat- und hilflos waren, gleich einen Vorschlag, den wir dankbar annahmen. Offensichtlich traute er uns überhaupt nichts zu. Vermutlich, weil er das Grauen in meinen Augen sah, als ich ihm zuzuhören versuche.

Wir hatten grob geschätzt, wie viele Schrauben wir brauchen würden, dass es sich um Holzschrauben handeln müsse und dass es Kreuzschlitzschrauben sein sollten, damit wir wenigstens eine Chance hätten, sie ins Holz zu drehen. Wir besitzen einen Werkzeugkasten mit äh… Werkzeug. Leider entpuppt es sich immer als völlig ungeeignet, wenn man irgendetwas braucht. Wir ergänzen unsere Ausstattung dann um irgendetwas, das farblich gut zum Werkzeugkasten passt, was sich aber beim nächsten Mal wieder als untauglich erweist.

Es dauerte auch überhaupt nicht lange, bis wir verstanden, dass die Unterschiede zwischen verschiedenen Schrauben nicht nur durch den Preis ausgedrückt werden, sondern etwas mit der Länge oder Breite oder möglicherweise ob sie rechts- oder linksdrehend sind zu tun haben mussten. Mit diesem neuen Wissen machten wir uns auf die Suche nach einem Schraubendreher. Jetzt habe ich dieses Wort verwendet, weil ich dachte, damit fehlendes handwerkliches Wissen durch präzise Wortwahl zu kompensieren, war mir aber nicht sicher, ob…, egal, ich hab’s gegoogelt. Und finde einen Beitrag, in dem jemand sich ausgiebig aus linguistischer Sicht mit denotativer und konnotativer Bedeutung herumschlägt, um anschließend denjenigen, die Schraubendreher sagen, etwas pedantisch-besserwisserisches an die Backe zu nähen. Wie nett. Was für ein schönes Beispiel, dass wir Kopfarbeiter uns aus allem rausquatschen können, auch wenn wir mal nicht das richtige Wort wissen und den Fachmann, der das richtige Wort kennt, dabei dann auch noch als Deppen dastehen lassen.

Also: Wir brauchten einen Schraubenzieher, ich will doch kein pedantischer Besserwisser sein, wenn ich nicht mal weiß, wovon ich rede. Prompt folgte das zweite Erweckungserlebnis des Tages: Schraubenzieher werden besser auch nicht nach Farbe ausgesucht. Es gibt tatsächlich einen Zusammenhang zwischen der Schraube, die man drehen möchte, und dem Werkzeug, mit dem gedreht werden soll. Man kann diesen Zusammenhang an geheim Codierungen auf den Packungen der Schrauben und denen der Schraubenzieher erkennen. Unglaublich, was Menschen alles erdacht haben, ohne mir Mitteilung davon zu machen. Bis dahin lief alles richtig gut. Mit einigem Stolz fuhren wir zurück, bis uns aufging, dass wir zwar Material, aber noch immer keinen  äh…Kasten hatten. Wir verschoben den praktischen Teil also auf das Wochenende. Um es kurz zu machen: Das Ding ist fertig. Wir mussten nur noch einmal in den Baumarkt, um die Zuschnitte an die Realität anzupassen, neue Schrauben zu kaufen und uns dort restlos zu blamieren, dann ging es. Jetzt ist die Pumpe geschützt und ich werde eisern schweigen, falls sie wieder kaputtgeht.

11 Gedanken zu “Geht doch

  1. Abenteuer des Alltags. Und Glückwunsch zum erfolgreichen Tischlern. Der semantische Unterschied zwischen Schraubenzieher und Schraubendreher ist mir klar, aber was soll am 2. Begriff falsch sein? Zumindest ist er hinsichtlich Drehrichtung neutral, wohingegen der Schraubenzieher ja wohl nur zum Ziehen der Schraube gedacht ist und zum Hineindrehen nur nebenher dient.
    Cool, eine eigene Pumpe im Garten zu haben – die Wasser fördert, das ein Wünschelrutengänger gefunden hat.

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  2. Gratulation, lieber Manfred. Völlig frei von Ironie und ernst gemeint. Als Tochter eines Handwerkers und umgeben von begnadeten Heimwerkern, kenn ich mich aus. Nein, nicht mit Werkzeug, Plänen und all dem, sondern mit deinem Erfahrungsbericht. Genau so. Bei mir immer. 😉

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  3. Der von mir ab nun und sofort für notwendig erachtete Roman „Der Schraubendreher“ ist wohl noch nicht erschienen. Dabei ist die Drehungsfigur total realitätsrelevant, wie obiger Artikel gerade an seiner Endbestimmung erweist. Erscheint erst mal der Roman „Der Schraubendreher“, wird sich jeder Baumarkt daran blamieren! Coole Pumpe, Kuhle Wampe – wußte schon Bert Brecht!

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