Kopfsalat

Sie liegt, das weiß sie genau. Jemand spricht. Sie versteht nichts. Wenn man auf den Kopf gefallen ist, kann es schon mal etwas dauern, bis man Griechisch versteht. Oder Deutsch.

„Wo bin ich denn hier?“

Jemand lacht. Dann öffnet sich eine Tür und da ist eine grüne Wiese unter einem hohen blauen Himmel, eine, die da nicht sein kann, wie sie gerade noch denkt, da erhält sie einen kleinen Schubs und findet sich zwischen Butterblumen und Margeriten, zwischen Sauerampfer und Klee.

Nicht weit weg von ihr steht ein Baum, einer, zu dem sie soll, denn ein leuchtender Pfeil schwebt direkt darüber. Eine himmlische Leuchtreklame, denkt sie. Äpfel, viele Äpfel und leere Körbe, die darauf warten, mit Äpfeln gefüllt zu werden. Und während sie das denkt, sind alle Körbe bereits voll. Das ging ja leicht. Einer, ein grüner mit leuchtend roten Wangen, lacht sie an. Der muss mit. Das weiße Kaninchen hoppelt an ihr vorbei, sie folgt ihm, geht, ohne das Gras zu berühren hinüber zum Backofen.

„Die Reihenfolge stimmt doch nicht.“ denkt sie, da klopft das Kaninchen mit mehlbestäubter Pfote schon zornig auf den Backofen.

„Ob die Geißlein gar sind?“

Langsam verblasst das Kaninchen und für einen Moment bleiben zwei lange gelbliche Nagezähne zurück.

Plopp. Auch die sind verschwunden.

Hatte sie nicht auch einen Namen, vorhin noch? Bestimmt.

Jetzt streicht sie sich mit der Hand, die sich doch recht pelzig anfühlt, den Schweiß von der Stirn und schaltet den Backofen ab, öffnet die Tür und schon springt ein Brot heraus und flüchtet sich ins hohe Gras.

„Es hollt davon.“ Sie lauscht dem Klang ihrer Worte nach, vielleicht auch dem ihrer Gedanken, falls die klingen können. „Hollte. Hollte. Hollte.“

„Hölle, Hölle, Hölle“ ergänzt ein Zwergenchor, aber sie ignoriert ihn. Das geht ganz leicht.

„Holle“, da ist ja auch schon das Haus. Eine Art Fachwerktempel. Ob die Grimms sich das so vorgestellt haben?

Betten machen, Kissen schütteln, Schnee schieben. Sie ist müde, so unendlich müde. Keine Goldmedaille für Pechmarie. Und schon ist da wieder – nichts.

„Was denn? Lass mich!“ Ist es doch das Pech, dass ihr übers Gesicht fließt? Sie wischt es weg. Klares Wasser, das ihr Frau Holle… nein, wer ist der Kerl? Rudolf. Und wer ist Rudolf? Und warum schüttet er ihr Wasser ins Gesicht?

„Wo?“

„Wo ich herkomme?“ Rudolf hilft ihr hoch, sie sitzt nun, betastet die große Beule an ihrem Kopf.

„Außen rum. Ist doch alles nur noch Fassade hier. Du bist in einen alten Schacht gefallen, ein paar Männer haben mir den Weg hierher gezeigt – und da bin ich.“ Rudolf lacht.

„Ja.“ Britta sortiert Gelenke und Gedanken, bewertet Schmerzen und stellt fest, dass alles heile ist. Vielleicht mit Ausnahme des Kopfes.

„Ich hab so ein wirres Zeug geträumt.“ Sie steht auf, pustet ein paar Federn zur Seite und reicht Rudolf den Apfel.

3 Gedanken zu “Kopfsalat

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