Winter ohje

Ich lehne Dinge nicht einfach so ab, nur weil ich sie eben… äh.. ablehne. Doch, das tue ich auch, jetzt noch rasch ein Argument dafür suchen… Willensfreiheit? Ja, genau. Die sollte doch auch die Freiheit beinhalten, etwas nicht zu wollen. Einfach so nicht zu wollen. Ohne lange Rechtfertigungen. Ohne das nervige „Probier doch mal, du kannst doch sonst überhaupt nicht beurteilen ob…“. Nee. Will ich nicht. Abgelehnt. Winter lehne ich nicht auf diese Art ab, nicht so wie Brathähnchen oder Mario Barth. Leicht angewidert. Nein, Winter habe ich ausprobiert. Nein danke, für mich bitte nicht.

Dabei mag ich Schnee, mochte ihn schon immer. Eis allerdings lieber in einem Schälchen mit Schokoladensauce und einem langstieligen Löffel serviert. Eine geschlossene Schneedecke und munteres Flockengestöber verderben mir die Freude keineswegs, solange die Tür schön geschlossen bleibt und niemand auf die Idee kommt, einen Schneemann zu bauen. Dabei ist das Bauen von Schneemännern die einzige Wintersportart, die ich nicht rundheraus ablehne – und ausgerechnet die wird nicht im Fernsehen übertragen. Drei Kugeln und etwas Deko… ach ja, wie auf meinem Schälchen, nur eben etwas größer.

Erinnert sich jemand? Unglaubliche Schneemengen. Von der Außenwelt abgeschnittene Ortschaften. Medizinische Hilfe und Nutella wurden eingeflogen. Abgeknickte Strommasten und wenn der Strom dann endlich wieder da war, gab es trotzdem nur zwei Fernsehprogramme. Skispringen oder „Erzählen, spielen, basteln mit Tante Erika“. Es fehlte nicht fiel und ich wäre nach draußen gegangen. Schlimme Zeiten und ein gutes Gedächtnis, eine fürchterliche Kombination. Wie schon gesagt, ich mag Schnee. Mich stört nur die Kälte an Fingern und Füßen und nein, man kann sich nicht dagegen anziehen, nicht gegen die Vorstellung, dass es da draußen kalt ist.

Ein phantasiebegabtes Kind muss auch nicht erst den Hügel runterrodeln um festzustellen, dass der Durchlass im Stacheldrahtzaun doch zu schmal ist. Jedenfalls, wenn jemand mit seinem Schlitten in der Mitte des Durchlasses stehenbleibt, um seine Handschuhe und Mütze zurechtzurücken. Jemand wie ich. Immerhin kann ich Blut sehen. Fremdes zumindest. Ich weiß zwar nicht, was ich dann tun soll, aber hinschauen kann ich lange. Blut und Schnee, heulende Kinder, schimpfende Eltern. Da ist das Thema doch durch. Kindheitserfahrungen? Die sollte man als Erwachsener doch längst abgehakt haben? Ich hätte da aus der Erinnerung noch einen Volkswirtschaftsprofessor, der sich den Arm brach, als er einen Schneeadler zu produzieren versuchte. Nein, der intellektuelle Zugang zum Thema ist mir auch versperrt.

Natürlich habe ich meine Töchter auf einem Schlitten mit verrosteten Kufen über einen dürftig weiß gesprenkelten Schotterweg gezogen und sie hatten den Anstand, verhalten zu jauchzen. Das war’s dann aber auch schon. In der Familiengeschichte gibt es Schnee nämlich eigentlich immer nur in Verbindung mit Wolfsgeheul. Und Kosaken, die hinter der nächsten Schneeverwehung lauern.

Selbstverständlich sehe ich ein, dass der Winter für irgendetwas gut sein muss. Für den Einzelhandel zum Beispiel. Oder die Bergrettung. Oder bei Kopfschmerzen. Ich jedenfalls zeige ihm die Schulter. Die kalte natürlich.

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6 Gedanken zu “Winter ohje

  1. Lieber Manfred, da haben wir was gemeinsames in Sachen Winter und Kälte. Es ist nicht nur unangenehm, sondern man erkältet sich so leicht, was mit zunehmenden Alter so gefährlich werden kann. In den letzten Tagen ist es so kalt geworden hier in der südkalifornischen Halbwüste. LG, Merrill

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  2. „Etwas nicht zu wollen“ ist wohl sehr hoch zu würdigen. Schotterwege etwa, trotz Kinderjubelei; natürlich muß Nutella eingeflogen werden, sonst kann selbst ich kein Blut sehen. – Winterzeit, Schneemannzeit. – Vor Jahren saß ich in BurgSteinfurt fest, Winter, Schnee, in Massen, nur Bratwurst am Markt und Pils im Cafe Niveau, ansonsten: die berühmte Schneekatastrophe ca. 2006. WDR hat dokumentiert. Und in diesem Sinne: Dank für die noch bessere Unterhaltung am Wochenende. Meine Bergrettung! Grüße!

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  3. Bei vorfrühlingshaftem Himmelsblau und Sonnenschein mag man dir nicht widersprechen. Grundsätzlich mag ich Naturgewalten, liebe die optische Sensation einer tiefverschneiten Landschaft oder der Stadt, bevor geräumt wurde. Hinter dem Fenster zu stehen und zu schauen, derweil man die Oberschenkel an der Heitung warmt, ist eine angenehme Weise, Winter zu erleben. Heuer hatten wir in Hannover fast gar keinen Schnee. Ist auch blöd. Der Volkswirtschaftsprofessor, der sich den Arm brach, als er einen Schneeadler versuchte zu machen, ist ziemlich kurios. Ist es beim Hinlegen passiert oder hat er zu heftig mit den Armen gerudert? Dann wäre er ein Fall von Osteoporose.
    Der Kosak hinter der Schneewehe gefällt mir. Wie geht die Erzählung?

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  4. Wer nicht mag, der mag nicht. Das muss so sein dürfen. Ich halte mich zurück und versuche dich nicht vom Gegenteil zu überzeugen.
    Eis im Schälchen…da bin ich wieder bei dir. Und gerade kommen die Krokusse raus, du hast es fast geschafft 😉

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  5. Natürlich kann man zum Winter verschiedene Meinungen haben. Aber das da, das ich sehe, wenn ich aus dem Fenster schau, als Winter zu bezeichnen, nein, das wär übertrieben. Das ist alles mögliche … nur kein Winter … 😉

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