Eisblumen

old_s [CC0], via Wikimedia Commons

Nein, hatte der Fensterbauer gesagt, das Fenster sei in Ordnung. Genauso dicht, wie die anderen im Haus. Neubau, sogar mit Door-Blower-Test. 100 Prozent. Trotzdem waren am nächsten Morgen wieder Eisblumen auf dem Fenster, nur auf dem in Finns Zimmer. Dem Zimmer mit den Dachschrägen und den beiden kleinen Fenstern, von denen er den See sehen konnte. Den See, der jetzt wieder zugefroren war, eine kalte, glatte Eisfläche. Finns Eltern hatten sich gefragt, ob er irgendwas gemacht hatte, irgendeinen Fehler, irgendeine Sache, die man mit solchen Fenstern nicht machen durfte. Der Fensterbauer hatte nur gelacht. Die gingen ja nicht mal auf, einmal wegen der Sicherheit, aber schon erst recht nicht, weil das Haus automatisch belüftet wurde. Passivhaus.

Trotzdem: Etwas war ja nicht richtig, also zog Finn ins Gästezimmer. Nicht in Annas Zimmer, das stand leer, mit fertig bezogenem Bett und ihren Kuscheltieren auf dem Regal. Das Gästezimmer fand er aufregend, ein bisschen unheimlich vielleicht, weil er die Schatten nicht kannte. Stand da nicht vielleicht doch einer in der Ecke? Und es knackte anders, ganz fremd. Doch während er die Schwärze genau beobachtete, musste er wohl eingeschlafen sein.

Am anderen Morgen waren die Eisblumen wieder da, nicht in Finns Zimmer, nicht in Annas Zimmer, sondern am großen Gästezimmerfenster. Seine Eltern sagten nichts. Es musste ja nichts bedeuten, es konnte ja nichts bedeuten. Eine Unregelmäßigkeit, die es zu beseitigen galt.

Ist vielleicht besser, wenn Finn für eine Weile hier unten bleibt, hatte sein Vater gesagt und seine Mutter hatte schnell genickt und gewusst, dass es wegen des Sees war, den er aus dem Gästezimmerfenster nicht sehen konnte.

„Still und starr ruht der See“ hatten sie vor Weihnachten noch gesungen, bis Finns Mutter zu weinen begonnen hatte. Aber das stimmte gar nicht. Finn wusste es besser, denn er hörte den See, hörte ihn in seinem Zimmer und hörte ihn auch im Gästezimmer. Ob die Eltern das auch hörten? Finn hatte keine Worte dafür. Ein Ton, hoch und langgezogen, der über den See zu laufen schien, lauter und leiser wurde. Ob der See wohl sang? Ob das Eis rief?

Schon war er draußen. „Schuld?“ hatte er damals gesagt. „Bin ich schuld?“ und sie hatten die Köpfe geschüttelt, hatten nichts sagen können, so, wie sie in der Zeit nur wenig gesagt hatten, nicht zu ihm und auch nicht zueinander, damals, vor langer Zeit, im letzten Winter, als der See auch zugefroren war. Er wollte sie nicht stören, sie brauchten Ruhe, sie hatten so viele Sorgen. Weit war es nicht, aber es war kalt, sehr kalt. So wie an dem Tag, über den niemand mehr sprach. Finn wusste die Stelle, würde sie nie vergessen. Da vorn, gleich am Ufer, nur ein paar Schritte hinaus aufs Eis. Vom Hügel war Anna auf dem Schlitten hinuntergesaust und er hatte laut gerufen, aber nicht Halt und Vorsicht, sondern schneller und noch schneller und dann war sie eingebrochen, mit dem Schlitten unter dem Eis verschwunden.

Gerufen hatte er, Hilfe, aber da war keiner und zu ihr gelaufen war er, aber das Eis hatte so schrecklich gekrackt und immer größere Stücke waren herausgebrochen und er hatte geschrien und geweint und dann wusste er nicht mehr. Jetzt sang der See für ihn, jetzt rief ihn das Eis.

Es gab keine Eisblumen mehr am nächsten Morgen, das war das erste, was Finns Eltern auffiel.

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15 Gedanken zu “Eisblumen

  1. Gruselig und ein buchstäblicher Tiefgang, den man nicht erwartet, nachdem alles mit Eisblumen beginnt. Man kennt sie noch aus früheren Zeiten, aber hier sind sie ein Zeichen und treten auf, wo sie es nicht dürften. Deine Kurzgeschichte erinnert entfernt an „Brudermord im Altwasser“ von Georg Britting, nur dass die Schuld dort eindeutig ist, wohingegen sie bei dir ganz subtil nur vorhanden ist.

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    • Den Brudermord im Altwasser kannte ich nicht, habe ich gerade gelesen. Ist natürlich im Netz verfügbar. Eine der frühesten Kurzgeschichten, wie Wikipedia sagt, sie funktioniert noch heute, weil sie eine Welt beschreibt, die sich nicht verändert hat, die Welt der Kindheit. Trotz Internet und Smartphone bleiben das Geheimnisvolle, auch das Gefährliche und wohl auch das Geheimnis mit dieser Lebensphase verbunden. Wenn dann noch Schuld hinzukommt, reicht das eigentlich für einen Roman.
      Danke für dein Lob. Den Text habe ich grob skizziert, während meine Teilnehmer eine Klassenarbeit schrieben. So hatten beide Seiten etwas davon, ich meinen Text und meine Teilnehmer einen abgelenkten Dozenten.

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      • Leichthändige Skizzen bringens meistens. Es ist ja alles Wesentliche schon da, muss nur ausgeführt werden. In deiner Kurzgeschichte gibt es diese geheimnisvolle, unwägbare Dimension, diese Welt, aus der Eisblumen als Menetekel geschickt werden. Warum?, fragt man sich als Leser. Es gibt keine direkten Hinweise auf schuldhaftes Verhalten. Warum also diese Botschaften aus dem eisigen Grab? Wenn einen eine Kurzgeschichte mit solchen Fragen zurücklässt, ist sie gut. Kompliment dem „abgelenkten Dozenten.“

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      • Es ist genau so, wie du es beschreibst. „Warum,?, fragt man sich als Leser.“ Es ist gut, dass man dann als Autor die Hoheit über den Text aufgeben muss. Die Frage, was man sich dabei gedacht habe, spielt überhaupt keine Rolle mehr, sobald sich ein Leser/eine Leserin mit eigenen Bildern und eigenem Textverständnis findet.

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  2. Erzählungen werden ja oft dann besonders gut, wenn sie abrupt um die Ecke biegen und sich ganz anders entwickeln als gedacht. Hier auf jeden Fall. Gruselig, bedrückend und mit vielen offenen Fragen. Gefällt mir ausgesprochen gut.

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