Meinungsstark und faktenschwach

Cooper–Hewitt, Smithsonian Design Museum [Public domain]

Ich kannte mal eine Frau, die Geschichten erzählte und sich wunderte, wenn Menschen sich später bei ihr beschwerten, weil manches nicht so war, wie sie es erzählt hatte. Dabei hatte sie sich überhaupt nichts Böses dabei gedacht, wenn sie ihre Geschichten erzählte. Sie log nicht, sie dachte sich auch nichts aus, sie erzählte einfach, was sie für wahr hielt, also ihre Interpretation dessen, was sie sah, hörte und erlebte. Ihr Problem mit ihren Mitmenschen löste sich in Wohlgefallen auf, als ihr jemand vorschlug, sie solle doch einfach in Zukunft ihre Geschichten mit „Ich denke“ oder „Meiner Meinung nach“ beginnen.

Wenn ich gerade in freundlicher Stimmung bin, dann denke ich, dass unseren Medien damit auch schon geholfen sein könnte. Natürlich sind Journalisten davon überzeugt, dass wir als Publikum im Schnitt ahnungslos sind und Nachrichten nicht verstehen können, wenn man uns nicht gleich dazu sagt, wie man eine Nachricht einzuordnen hat. Wenn man uns also zur Nachricht auch gleich den Kommentar lieferte. Meinungsstärke ist das Wort dafür. Faktenstärke wäre vielleicht auch mal einen Versuch wert.

Ich hab ja nichts gegen Meinungen und Kommentare, aber ich will das nicht die ganze Zeit über vermischt haben, vor allem dann nicht, wenn es eine separate Rubrik gibt, die sich Kommentar nennt. Ja, ich weiß, dass es sowas wie Objektivität nicht geben kann und dass niemand alle Quellen kennen und erst recht nicht alle Informationen veröffentlichen kann. Aber wie wäre es denn mal mit dem Versuch der Ausgewogenheit?

Nein, ich meine damit nicht die innenpolitische Auseinandersetzung, die einst um den sogenannten Rotfunk lief oder die Stoppuhr, die bei Kandidatenduellen für gleiche Redezeiten sorgen soll.

Mir fällt immer stärker auf, wie über das Ausland berichtet wird. Wenn ich mir vorstelle, dass dort ebenso über Deutschland informiert wird, dann mag ich nicht mehr verreisen.

Nehmen wir mal an, in einem skandinavischen Land würden nur noch die Gesprächspartner der Deutschen Umwelthilfe als Repräsentanten der deutschen Öffentlichkeit gehört, in Ungarn dafür nur die Pegida-Demonstranten und Radikale, die von der AfD vor die Tür gesetzt wurden. Dann noch jeweils ein in Deutschland gänzlich unbekannter Hochschullehrer, der an seiner Hochschule nicht mal mehr gefragt wird, wenn es um die Besetzung des Ausschusses für die Bedienstetenkantine geht.

Aber es ginge noch besser: In Rumänien berichtete ein Mitarbeiter eines Instituts für europäische Politik über die Lage in Deutschland und hinzu geschaltet würde der Deutschlandkorrespondent des rumänischen Rundfunks. Oder ein Hotelier, der regelmäßig Gäste aus Deutschland hat. Nachrichten? Nein, danach sollte sich niemand richten.

Anlass für diesen Text war die EU-Präsidentschaft, die seit Anfang 2019 von Rumänien ausgeübt wird. Einem Land, aus dem bekanntlich nur Schwarzarbeiter, Zwangsprostituierte und Zigeuner kommen, während das inländische Leben von Bestechenden und Bestochenen bestritten wird. Und natürlich einem heldenhaften Präsidenten, der sich den Machenschaften der Regierungschefin in den Weg stellt.

Das war, kurz gefasst, das Rumänienbild, dass in deutschen Medien verbreitet wird. Ich kenne das Land nicht. Ich kenne Rumänen. Ich kenne sogar Moslems, die gläubig sind und trotzdem in näherer Zeit keine Anschläge planen. Ich kenne auch Russen. Manche von denen mögen Putin. Ich kenne Italiener, die Berlusconi schätzten, Türken, die Erdogan wählen. Ich will ja überhaupt nicht sagen, dass die alle richtig liegen. Aber die Welt ist bunter, als unsere Medien uns glauben machen.

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21 Gedanken zu “Meinungsstark und faktenschwach

    • Das ist die andere Seite des Problems. Wenn kommentiert wird, also wenn deutlich gesagt wird, dass es sich um einen Kommentar handelt, dann kann man darauf wetten, dass die allgemeine Haltung der Zeitung durchschlägt. Da gibt es kaum Spielräume für andere Haltungen.

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  1. Irgendwann in den 1990-er Jahren teilte die damals noch stolze Frankfurter Rundschau mit, man werde in Zukunft kursive Überschriften setzen, falls ein Bericht einen hohen Meinungsanteil enthalte. Derlei Aufrichtigkeit ist den Leitmedien leider abhanden gekommen. Nachricht und Kommentar werden munter vermischt und heraus kommen verzerrte Bilder, wie du sie aufgeführt hast. Journalisten bedienen Erwartungshaltungen innerhalb von Redaktion, Verlag oder Rundfunkanstalt, um Karriere zu machen, und wer das perfekt bespielt, sahnt Journaliastenpreise ab, wie am Fall Claas Relotius zu sehen.
    PS: Ich habe mich gefreut, wieder was von dir lesen zu können.

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    • Diese Aktion der FR habe ich nicht mitbekommen. Bei Lebensmitteln steht ja häufig am Ende der Zutatenliste der Hinweis: Kann Spuren von Erdnüssen enthalten. Solche Kennzeichnungen bei Presseerzeugnissen wären wirklich sinnvoll. Die reine Nachricht kann es nicht geben, weil schon die Auswahl zwischen verschiedenen Nachrichten ein Vorgang ist, der mit Überzeugungen zu tun hat.

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      • Ich glaube, das ging vielen so, weil der Chefredakteur die Bedeutung der kursiven Überschrift nur einmal im Editorial erklärt hat. Die Kennzeichnungspflicht für Texte ist eine hübsche Idee, nur wüsste ich nicht, wie die bgei Meldungen/Berichten aussehen könnte, wenn Subjektivität schon durch die Auswahl bedingt ist. Zumindest bei Reportagen wäre ein Hinweis möglich, ob der Autor alles mit eigenen Augen gesehen hat oder ob er sich literarische Freiheiten erlaubt hat wie im Fall René Pfister und Seehofers Modelleisenbahn https://de.wikipedia.org/wiki/Ren%C3%A9_Pfister oder bei den Reportagen des Claas Relotius.

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      • Pfister hatte ich nicht mitbekommen, aber warum Menschen es unverständlich finden, dass ein Preis, der für Reportagen vergeben wird, zurückgenommen wird, wenn der Autor keine Reportage geschrieben hat, sondern Primär- und Sekundärquellen ausgewertet hat, das finde ich unverständlich.

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  2. Ich halte es seit je mit Lukacs ideologiebegriff oder eher noch mit Ulrich Enderwitz, Die Medien und ihre Information. – Kurz: ideologie ist notwendig (falsches Bewußtsein): Und trotzdem sind doch sehr viele Menschen (für Menschen)! In diesem Sinne: Voran!

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    • Ja, es ist klar, dass die herrschende Meinung eben immer auch die Meinung der Herrschenden ist. Weil aber das Denken erlaubt ist, gab es immer Nischen und die Veränderung der Medienlandschaft stellt die Qualitätsfrage neu. Es geht nicht mehr so weiter.

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  3. Am besten ist, man hat eine eigene Meinung:
    das schützt vor Indoktrinierung anderer. Ich
    fühle mich da ziemlich immun – aber auch
    mich nervt die Meinungsmache in den
    „Qualitätsmedien“, die im Grunde
    keine solchen mehr sind. Zum
    Fall Relotius und Co. hatte
    ich ja bei mir im Blog
    Stellung bezogen.

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    • Eigentlich brauchen wir Qualitätsmedien, irgendwer muss Staat und Wirtschaft, ach was, der gesamten Gesellschaft auch auf die Finger gucken und ab und zu muss mir auch jemand einen Denkanstoß verpassen. Es gibt noch immer kluge Köpfe, die eine Diskussion weiterbringen können, aber es ist Glückssache, sie zu finden.

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      • Aber diese Zeitungen haben in den letzten Jahren schon sehr an Qualität verloren. Es ist jetzt dort eine andere Generation am Werk, die lieber schnell auf Trends hüpft, als ordentlich zu recherchieren – natürlich gibt es löbliche Ausnahmen. Aber ich mache mir schon Sorgen um den allgemeinen Verfall der Presse-Kultur, der natürlich oft auch ökonomische Gründe hat (Thema „Synergie-Effekte“, Einsparung von Personal, Bespielen mehrerer Blätter von einer Redaktion aus, etc.pp). Die lassen sich einfach zu sehr von den sozialen Medien vor sich her treiben, anstatt die eigenen Qualitäten, als da wären fundierte Recherche und Hintergründ-Informationen, zu pflegen. Man muss nicht über jedes Stöckchen springen, dass einem die vermeintliche Tages-Aktualität hinhält…

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