Fehlerfrei

Eigenes Foto

Ein typischer Wintertag, regnerisch und lauwarm. Ein Knirps in gelber Warnweste wies mich ein, ich parkte hinter Flatterband auf einer durchweichten Wiese. Hergebracht hatte mich ein Insidertipp: Es gäbe da einen Bauern, der Tannen aus eigenem Anbau verkaufe, so frisch, dass die während des Verkaufsgesprächs noch in der Heimaterde wurzelten. Ich müsse nicht mal selbst Hand anlegen, hatte man mir versichert, da gäbe es hilfsbereite Mitarbeiter, die den vor mir angewiesenen Baum fällen würden. Oder erntet man Weihnachtsbäume vielleicht? Ein Geheimtipp war das jedenfalls nicht, wie ein Blick auf den Parkplatz zeigte. Bratwurst und Glühwein waren im Angebot und irgendwo lief natürlich auch Last Christmas.

Das letzte Weihnachtsfest war übrigens nicht so gut. Nicht, dass ich dafür verantwortlich gewesen wäre. Das lass ich mir nicht anhängen. Erfolg ist mein zweiter Vorname, mein Lebenslauf ist makellos. Ich kenne alle Tricks. Immer wieder habe ich umformuliert, gefeilt und poliert. Das brauchte natürlich ein Weilchen und als er fertig war, mein Lebenslauf, als er in einem Stapel von Bewerbungen geleuchtet, was sage ich, geglüht hätte, war es Zeit für mich, in Rente zu gehen. Aber Scheitern als Teil meiner Biografie? Fake News!

Ich will ja nicht unbescheiden sein, aber wenn ich etwas gelernt habe, dann doch, dass ich möglicherweise nicht Herr meines Lebens bin, aber doch meiner eigenen Geschichte, und die erzähle ich gewiss nicht als eine zufällige Abfolge von Ereignissen, die mir passierten, während ich gerade davon träumte, dass alles ganz anders werden müsste. Ja, John Lennon hat das mal so ähnlich formuliert, aber deshalb ist es ja nicht gleich falsch. Da ist kein Raum für Scheitern, gut, vielleicht für Experimente, für das Vortasten in neue, unerforschte Räume, für das Lernen aus Erfahrungen.

Während man noch mit dem Kopf in den Wolken steckt, merkt man ja nicht, wie sich an den Füßen schon Moos ansetzt, also bildlich gesprochen. Das war  allerdings nicht ganz das Bild, nach dem ich suchte, klar geht es um Moos, aber… Erde, genau das war es, diese Erdung durch suboptimal verlaufene Begegnungen mit der Realität. So muss man das doch sehen. Die dreihundert Euro, die ich verloren habe, weil Holland in der letzten Minute des Spiels noch den Ausgleich schoss, verdammte Hacke, aber wenn, dann ist da Deutschland gescheitert, für mich war das eine Investition in meine Zukunft. Lernen, wie schon gesagt. Manchmal ist Lernen eben schmerzhaft.

Apropos: Wenn ich an meinen Vater denke, der lernte einfach nicht. Jahr für Jahr kaufte er einen Weihnachtsbaum. Wie viele andere auch, aber mein Vater erwischte immer den, der, wie man ihn auch drehte, schief stand. Oh Tannenbaum! Weil mein Vater aber ein begeisterter Handwerker war, dem zum richtigen Handwerker nur das Geschick fehlte, vom richtigen Werkzeug mal ganz abgesehen, konstruierte er in den darauf folgenden Tagen ein Netz aus Seilen und Schlingen, Haken und Ösen, in dem der Weihnachtsbaum hing wie die Spinne im Netz und mit dem wir, hätte der Weihnachtsmann je versucht, uns persönlich zu bescheren, einen unerwarteten Fang gemacht hätten.

Sowas passiert mir nicht. Obwohl ich die handwerklichen Talente meines Vaters geerbt habe – und ich hätte lieber seine leuchtend blauen Augen gehabt – murkse ich nicht mit dem Weihnachtsbaum rum. Meine handwerkliche Unfähigkeit hat, wie soll ich es sagen, die nächste Stufe erklommen, ich versuche es gar nicht erst mit dem Werkzeug, ich habe meine Probleme im Umgang mit den Handwerkern. Aber da kann von Scheitern unmöglich die Rede sein, da geht es um Genetik.

Weihnachten ist natürlich auch für mich ein Thema. Weihnachtsbäume auch. Nachdem man mich mehrfach durch perfiden moralischen Druck dazu verleitet hatte, beschädigte Bäume zu kaufen, die nur mit Sekundenkleber, Zahnstochern und grünem Draht dazu gebracht werden konnten, ihre Spitze nicht vor dem ersten Weihnachtsfeiertag abzuwerfen – der perfide moralische Druck entstand übrigens durch einen deutlich reduzierten Kaufpreis und eine seltsame Art von Mitleid mit einer ramponierten Tanne – nachdem man mich also genau zweimal auf die gleiche Weise um einen sorgenfreien Blick auf den geschmückten Baum betrogen hatte, wollte ich mich vom Zwischenhandel unabhängig machen. Oh nein, ich ziehe nicht mit dem Beil in den Wald, denn sonst bekäme die Redensart „die Beine in die Hand nehmen“ eine ganz neue Bedeutung. Deshalb war ich so dankbar für den Hinweis auf den Bauern mit den Bäumen.

Wenn es schon lästig war, sich auf einer Wiese oder einem Parkplatz zwischen ein paar Bäumen zu entscheiden, dann war es fast unmöglich, sich in einem kleinen Wald einen Überblick zu verschaffen und eine kluge Wahl zu treffen. Während also das Auto auf der benachbarten Wiese immer tiefer im Schlamm versank, stapfte ich durch die Baumreihen. Die Natur gibt sich bei Tannen meistens keine große Mühe. Kahle Stellen, krumme Spitzen, mal zu breit, mal zu schmal, zu hoch, zu klein. Wo bleibt eigentlich die Gentechnik, wenn man sie mal braucht?

Egal, noch mal um eine Ecke und da war er: mein Baum. Dicht, grün, genau richtig.

Es ging dann auch alles sehr schnell.

„Der soll es werden? Sie können dann ruhig schon mal nach vorne gehen, zahlen und einen Glühwein trinken“

Bevor ich zu Ende genickt hatte, war der Baum auch schon ab.

„Verwechslungen? Machen Sie sich da mal keine Sorgen. In ein paar Minuten steht der Gute angespitzt und eingepackt für Sie bereit.“

So stellte ich mir das vor. Serviceorientiert und schnell. Ruck zuck einen halbwegs preiswerten Baum gekauft, auf den Dachgepäckträger damit und ab nach Hause.

Mit den Zweigen entfaltete sich ein Geruch, nein, das war nicht die harzige Note frisch geschlagenen Holzes… das war unangenehmer… ein schwerer, ich musste es so nennen: Gestank.

„Maststall“, stellte meine Frau fest, die auf dem Lande aufgewachsen ist und viele Tiere erkennt, auch wenn kein Schild am Zaun steht.

„Wo hast du dir den denn andrehen lassen?“

Ich beschrieb ihr detailliert, wo ich das Ding her hatte.

„Ganz offensichtlich ist dein Baum, unbehelligt von irgendwelchen Käufern, in der Abluft eines Schweinemaststalls zu einer Augenweide herangewachsen. Kerzengrade, grün, dicht und stinkend.“

Ziemlich sicher würde das Ding noch miefen, nachdem es alle Borsten, ich korrigiere: Nadeln verloren hatte. Oh Tannenbaum! Aber schließlich gab es Fichtennadelspray!

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7 Gedanken zu “Fehlerfrei

  1. Schöne Weihnachten, lieber Manfred.
    Der perfekte Baum…..wir hatten den auch nie. Wir mussten die Reste der Bäume nehmen, die mein Onkel im eigenen Wald geschlagen hat. Und das waren immer die, die halt weg mussten oder blöd am Weg wuchsen…nie die schönen. Auch heute noch bekomme ich sie angeboten und lehne mit sehr schlechtem Gewissen ab.

    Gefällt 1 Person

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