Mit dem Bart, mit dem Bart, mit dem langen Bart.

Haus Doorn
Eigenes Foto

Nein, wir wollen unseren alten Kaiser Wilhelm nicht wiederhaben. Das wollten diejenigen, die diesem Lied in den zwanziger Jahren zu einiger Bekanntheit verhalfen, gewiss auch nicht, denn der so besungene Kaiser war schon 1888 gestorben. Wilhelm I. war der Großvater Wilhelms II. Im Dreikaiserjahr war auf den ersten Wilhelm sein Sohn, der dritte Friedrich gefolgt, der aber noch im gleichen Jahr starb und von seinem Sohn, dem zweiten Wilhelm abgelöst wurde.

Das muss man nicht wissen, aber wenn man schon mal die Gelegenheit hat, sich bei Kaisers umzusehen, dann beginnt man sich auch gleich ein wenig für die Familiengeschichte der Hohenzollern zu interessieren. Jedenfalls so weit, wie sie für unsere Geschichte relevant ist. Und mit unserer Geschichte muss man dann wohl auch gleich die Menschheitsgeschichte meinen, denn der Krieg, der 1914 mindestens mit Beihilfe des Kaisers ausbrach, betraf nicht mehr nur die üblichen Verdächtigen, also die „Erzfeinde“ Deutschland und Frankreich, die ständigen Unruhestifter auf dem Balkan oder die bröckelnden Monarchien in Wien und Moskau. Dieser Krieg wurde ein Weltkrieg.

Wir waren bei Kaisers zu Besuch, im beschaulichen niederländischen Exil Wilhelms in Doorn, in der hübschen Hügellandschaft bei Utrecht. Das Haus Doorn kaufte der Exkaiser von dem Geld  dass ihm die Demokraten zur Verfügung stellten, denen er ein heruntergewirtschaftetes Land und eine zerschossene Jugend hinterlassen hatte,  Nein, sie schenkten ihm nichts, es war schon sein Vermögen. Aber ihm den Zugriff darauf zu gestatten war gewiss eine Geste besonderer Großzügigkeit gegenüber dem Mann, der nur Hass für die Menschen empfand, die nach seiner Niederlage aufräumen mussten.

Ich stelle mir vor, in Doorn zu leben, im Haus Doorn, einem alten Rittersitz, den Wilhelm auf den Stand der Technik und Bequemlichkeiten seiner Zeit bringen ließ.

Ruhig ist es dort, großzügig, viele Zimmer, ein schöner Park, ein Rosengarten, ein See, Wald. Ideal für ein zurückgezogenes, aber komfortables Leben. Wilhelm konnte das wohl nicht so sehen, er kam aus Potsdam. Nicht direkt aus Potsdam, er nahm den Umweg über sein militärisches Hauptquartier, aber er war in Potsdam aufgewachsen. Platz war dort kein Thema.

Ha, vielleicht war es gar nicht nett von den Demokraten, ihm auch noch diverse Güterwagen mit Habseligkeiten nach Holland folgen zu lassen. Der Mann wollte so viel wie möglich davon in einem dafür viel zu kleinen Schlösschen unterbringen. Das Ergebnis sieht dann so aus, wie das Zimmer in der Seniorenresidenz, in dem eine Witwe alles, was ihr  in ihrer fünf Zimmer Wohnung lieb und teuer gewesen war, aufgebaut und aufgehängt hat. Rappelvoll und völlig überladen. Ein Schrumpfpotsdam.

Wir haben an einer Führung teilgenommen.  Speisezimmer. Schlafzimmer. Bibliothek. Selbst das WC im Schrank. Vorher sprach uns ein Niederländer an, einer, der sein Leben der Erforschung des Kaisers widmet, ein Begeisterter, der die Rolle des Kaisers völlig neu bewerten möchte. Möglicherweise kann man so werden, wenn man in Doorn lebt, einem kleinen Ort, der durch den Exilkaiser plötzlich im Rampenlicht stand. Wenn Geschichte genau dort passierte, wo man lebt und die eigenen Großeltern von der Majestät noch beim Spaziergang durch den Ort gegrüßt wurden.

Wir verlassen Haus Doorn mit vielen neuen Eindrücken und mindestens so vielen neuen Fragen. Aber so ist das ja immer. Man hat keine Ahnung, lässt sich was erzählen und anschließend muss man noch viel mehr recherchieren und lesen, weil das, was man für eine zu vernachlässigende Bildungslücke hielt, in Wahrheit ein Grand Canyon der Ahnungslosigkeit ist.

Übrigens wartet der Sarg des Kaisers in Doorn darauf, dass in Deutschland die Monarchie wiederhergestellt wird und er endlich nach Potsdam zurückkehren kann. Vermutlich an dem Tag, an dem die Raben nicht mehr um den Kyffhäuser kreisen und Barbarossa sich auf den Weg macht, um das Reich zu retten.

8 Gedanken zu “Mit dem Bart, mit dem Bart, mit dem langen Bart.

  1. Mein „Grand Canyon der Ahnungslosigkeit“: Bisher war mir nur der Name Doorn ein Begriff. Eben habe ich festgestellt, dass Doorn östlich von Utrecht liegt und bei Youtube dieses historische Filmdokument gefunden, das zeigt, dass Wilhelm davon träumte, noch mal eine weltpolitische Rolle zu spielen.

    Danke für die Anregung!

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    • Sigurd von Ilsemann war Adujtant des Kaisers im Exil und hat Tagebuch geführt. Während der Führung wurde daraus zitiert und so schnell deutlich, dass Wilhelm die Spielregeln einer kaiserlichen Hofhaltung auf seinen kleinen Hofstaat übertragen hatte. Mahlzeiten, Besprechungen, Abendgestaltung. Danke für den Link, diesen Film kannte ich noch nicht. In der ARD-Mediathek gab es einen Beitrag aus der Reihe Geschichte im Ersten, der sich mit der Abdankung und Haus Doorn beschäftigte. In der niederländischen Reihe andere tijden gib es einen Beitrag zum Exil, der die Rolle der niederländischen Königin neu bewertet. https://anderetijden.nl/programma/1/Andere-Tijden/aflevering/769/Een-koninklijke-leugen
      Heute läuft übrigens im niederländisch-flämischen Gemeinschaftsprogamm bvn fast ausschließlich ein Erinnerungsprogamm, das sich mit dem Ende des ersten Weltkriegs beschäftigt.

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      • Danke für den Link. Ich hatte nicht gewusst, wieso Willhelm II. in den Niederlanden ins Exil gehen konnte. Wieviel angehnemer ist es, im Film die attraktive niederländische Historikerin , selbst den etwas fußlahmen Heimatforscher in Spa als die pickelhäubigen Kriegsverbrecher Wilhelm II. und sein Gefolge herum stolzieren zu sehen, und wie dankbar können wir sein, dass wir in einem friedlichen Europa leben.

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  2. Barbarossa heiratete Beatrix von Burgund 1156. Diese wurde wohl um 1140 geboren. Zum Zeitpunkt der Heirat war er so 36, sie 16. Oder doch 15? Daher wird zum Wohle des Herren B. gesagt, sie wäre wohl doch schon 16 gewesen. Sonst müsste man dem Herren B. bei seiner Widerkehr gleich den Prozess wegen Sex mit Minderjährigen machen. Und sollte sie doch mindestens 16 Jahre gewesen sein, sollte man untersuchen, ob es sich nicht zu „Sex in einer Zwangslage“ (StGB §182) gekommen sein sollte, dann würde er wohl erstmal in den Knast wandern und für immer mit dem Kainsmahl des KiFi stigmatisiert sein. Barbarossa taugt als Reichretter nicht mehr als andere Rechtsbrecher …

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  3. Gut, man kann mir unterstellen, vom Geschichtlichen nur wenig Ahnung zu haben. Aber für einen Kaiser, so viel ist aus meiner bescheidenen Sicht ganz sicher, für einen Kaiser ist das Häuschen doch ziemlich mickrig ausgefallen. Unsere Habsburger hätten einen weiten Bogen um diese karge Hütte getan …

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