Tür und Tor (3)

„Nein, es ist bloß keine Eiche. Es ist angeblich Weiche. Ein spezielles Holz, Mercator hat es wohl präpariert. Diese Möbel bleiben einfach nicht, wo man sie hinstellt. Weiche ist nicht das Gegenteil von Hartholz…“ setzte Krämer zu einer Erklärung an, doch Julia unterbrach ihn.

„Sondern es steht für entweichen, ausweichen, abhauen?“

„Genau.“

„Okay. Es waren ja nicht unsere Möbel. Schade, aber damit werden wir leben können. Klobiger alter Plunder. Weg mit Schaden.“ Daniel begann sich mit der Lage anzufreunden.

„Aber der Rest? Was ist mit unseren Sachen? Mit unseren eigenen Möbeln? Mit der Kleidung, den Büchern? Dem Katzenklo? Mit… ach, einfach mit allem?“

„Ja, das tut mir wirklich aufrichtig leid, aber es soll im Tapetenzimmer noch eine Besonderheit gegeben haben. Einen proaktiven Müllschlucker.“

„Wir reden hier doch über das Mittelalter? Proaktiv? Müllschlucker? Die haben doch damals ihren Plunder aus dem Fenster geschmissen.“ Daniel wies auf die Fenster, vor denen sie gerade noch gestanden hatten.

„Mercator soll ein sehr kreativer Denker gewesen sein. Und was er nicht mehr brauchen konnte, das war entweder zu gefährlich oder zu geheim, um einfach auf die Gasse gekippt zu werden. Glaube ich zumindest. Jedenfalls hat er wohl einen Müllschlucker gebaut. Einen lernfähigen. Nach einigen hundert Jahren trifft der jetzt selbstständige Entscheidungen. Offensichtlich hat er Ihre…“

„Dieser angeblich proaktive Müllschlucker hat unser gesamtes Hab und Gut als Müll deklariert und entsorgt? Das ist doch wohl der Gipfel der Dreistigkeit!“ Daniels Gesichtsfarbe ließ nichts Gutes für seinen Gesundheitszustand erahnen.

„Eine andere Erklärung habe ich leider nicht. Sie sollten jedenfalls auf keinen Fall versuchen, die Tür zum Tapetenzimmer zu öffnen. Falls sie überhaupt noch da ist. Wie gesagt, der Raum ist nicht-permanent.“

„Ah. So ist das also! Da haben Sie unsere Sachen versteckt? Und Sie glauben, dass Sie mit diesem Quatsch durchkommen? Sie räumen unsere Wohnung aus, stellen alles in das Tapetenzimmer und tapezieren die Tür zu? Für wie blöd halten Sie mich eigentlich?“

Daniel hämmerte wieder und wieder mit der Faust auf die Wand, bis es an einer Stelle dumpf klang.

„Ha!“ Er sah sich um, fand aber nichts, womit er die Wand bearbeiten konnte, also kratzte er mit seinen Fingernägeln ein Stück Tapete los, riss schließlich ganze Bahnen ab und legte eine schlichte Holztür frei.

„So. Jetzt wollen wir doch mal sehen. Julia, du rufst schon mal die Polizei.“ Dann warf er sich mit ganzer Kraft gegen die Tür, die augenblicklich nachgab. Ein halber Schrei war noch zu vernehmen, dann schloss sich die Tür wieder hinter ihm. Die Tapete schien über die Wand zu wachsen und gleich darauf war jede Spur des Tapetenzimmers getilgt.

Krämer berührte Julia leicht am Ellenbogen. „Ihm wird schon nichts passieren, da, wo er jetzt ist. Möchten Sie sich selbst davon überzeugen, meine Liebe, oder darf ich Ihnen vielleicht ein paar meiner neueren Erfindungen zeigen? Zum Beispiel meinen elektrischen Kuscheltierzerkleinerer?“

Ende?

6 Gedanken zu “Tür und Tor (3)

    • Als Autor? Wenn es zweckmäßig ist und den Leser auffordert, die Geschichte selbst weiterzudenken? Dieser Krämer hat sich während des Schreibens ohnehin schon einige Freiheiten erlaubt, die ich so nicht vorgesehen hatte. Der Übergang in eine glückliche Beziehung mit der plötzlich alleinstehenden Julia verbietet sich also. Aber eine Idee, wie es weitergehen könnte, doch, die hätte ich schon.

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