Tür und Tor (1)

von Evaristo Palacios [CC BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)%5D, vom Wikimedia Commons

„Bitte, sehen Sie selbst: Leer! Vollkommen leer.“ Julia Hoffmann deutete auf die Tür, meinte aber die Wohnung, die sich hinter dieser Tür befand.

Lenny Krämer, der Vermieter des inmitten der fachwerkgeprägten Altstadt  gelegenen  denkmalgeschützen Steinhauses , in dessen erster Etage die Hoffmanns wohnten, war rasch zur Stelle gewesen, nachdem ihn Frau Hoffmann mit bebender Stimme angerufen hatte. Inzwischen war ihre Aufregung in Wut umgeschlagen. Zornig stieß sie mit dem Fuß gegen die kunstvoll verzierte Wohnungstür, die langsam aufschwang und den Blick freigab auf eine große leere Fläche. Eine vollkommen leere Fläche. Nicht einmal Staub schien sich noch in dem Raum zu befinden.

„Haben Sie das veranlasst?“

Krämer hätte ihr gern gesagt, dass der Zorn ihr sehr gut stand, fürchtete aber, mit einer derartigen Anmerkung eher zur weiteren Eskalation beizutragen, so beschränkte er sich darauf, ratlos den Kopf zu schütteln.

„Die Bilder maile ich unserem Anwalt, Herr Krämer!“ Daniel Hoffmann, der mit seinem Handy Fotos der Wohnung  gemacht hatte, fühlte sich berufen, seinen Beitrag zur aktuellen Krise zu leisten.

„Ich kenne Ihren Anwalt nicht, aber ich nehme an, dass er über genügend Phantasie verfügt, um sich eine leere Wohnung vorstellen zu können.“

„Mehr haben Sie dazu nicht zu sagen?“ Frau Hoffmann besaß erkennbare Steigerungsmöglichkeiten, wenn es um Lautstärke und Schärfe des Tons ging.

„Wir brauchen wohl zuallererst eine Auflistung aller Gegenstände, die Ihnen gestohlen wurden. Für die Polizei und für die Versicherung. Ich nehme doch an, dass Sie versichert sind?“

„Klar.“ Daniel Hoffmann klang fast beleidigt.

„Nur…“ Julia Hoffmann schien unter einem plötzlichen Druckabfall zu leiden.

„Die Möbel…“ ergänzte sie und schlagartig wirkte auch Daniel deutlich zahmer.

„Es waren die Möbel aus dem Tapetenzimmer. Also eigentlich nicht unsere Möbel.“

„Tapetenzimmer?“ echote Krämer. „Sie haben aber doch drei Zimmer, Küche, Bad und ein separates WC gemietet.“

„Es sind eben vier Zimmer, Küche, Bad und das Extraklo.“ stellte Daniel fest.

Jetzt war es Krämer, der schwieg. Schließlich fuhr er sich mit der Linken durchs schüttere Haar, lehnte sich an die Wand, holte tief Luft und erklärte dann, dass es bei dem Mietvertrag offenbar eine Verwechslung gegeben habe, was ihm sehr unangenehm sei. „Sie haben da wohl ein Exemplar erwischt, dass seit langem nicht mehr gebräuchlich ist. Damit haben wir… keine guten Erfahrungen gemacht. In den neuen Verträgen heißt es „Küche, Bad, drei Zimmer, ein separates WC“, in den alten steht noch dieses unglückliche „mit allen Räumen vermietet“.

Sie waren inzwischen zu den Fenstern auf der Straßenseite gegangen und blickten auf das herbstlich gefärbte Laub der Bäume auf dem nahegelegenen Friedhof.

Fortsetzung folgt

3 Gedanken zu “Tür und Tor (1)

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