Eine Stimme aus der Vergangenheit

Musikkassetten gehören zu den Medien, die aus unserem Alltag verschwinden, wenn sie nicht sogar schon fast vollständig verschwunden sind. Meine Töchter kennen sie noch, haben als Kinder noch selber Kassetten besprochen und Musik aufgenommen. Vielleicht sogar so, wie man das in den siebziger Jahren mit dem Kassettenrecorder und dem Mikrophon tat.

Natürlich quatschte dann während der Aufnahme jemand rein. Schlimm genug, wenn das der Moderator war, der den Namen der Band oder des Titels zur Sicherheit noch mal wiederholte, viel schlimmer, wenn es ein Elternteil war, das mit der Aufforderung, sofort das Chaos in der Küche zu beseitigen, die perfekte Aufnahme versaute. Manche Leute kauften Musik auf Kassette, okay, wer heute seine Musik als MP3 auf dem Smartphone hört, wäre auch mit dem Klang eines Walkman zufrieden gewesen.

Ein Freund machte mich während des Studiums auf den Kassettenbrief aufmerksam. Er korrespondierte so mit weiter entfernten Freunden. Wir produzierten gemeinsam ein paar dieser Kassetten und als es uns nach dem Studium in verschiedenen Städte verschlug, lag es nahe, uns Kassettenbriefe zu schicken. Irgendwann schlief diese Übung ein und ich hatte sie fast vergessen.

Jetzt habe ich wieder einen Kassettenbrief bekommen. Post aus der Vergangenheit. Mein Freund Dieter schickte mir eine Kassette, die ich selbst Anfang 1993 produziert hatte. Musikalisch stimmt noch alles, ich kann gut mit der Mischung leben. Jazz, Rock und die Regenballade von Achim Reichel, das Stück vom Schnattermann. Was ich nicht wusste, Fluch des Internets, stammt die Regenballade von Ina Seidel, die Hitler persönlich auf die Liste der sechs Gottbegnadeten auf. Hmm, das kriege ich bestimmt nicht mehr aus dem Kopf, wenn ich künftig noch mal den Schnattermann hören sollte.

Inhaltlich aber: Ich hätte jederzeit abgestritten, dieses Jahr überhaupt erlebt zu haben, keinerlei Erinnerungen abrufbar, aber wie ich mir da so zuhörte, stellte ich fest, dass es kein x-beliebiges Jahr war. Es war ein wichtiges Jahr, eines mit vielen Veränderungen, mit Unsicherheiten, mit Katastrophen, die ich damals nicht in vollem Umfang verstanden habe.

Nein, es ist nicht mit Tagebucheintragungen zu vergleichen, denn ich habe ja nicht für mich, sondern für einen guten Freund produziert, aber dafür kommt die Dimension der eigenen Stimme dazu, ich höre mich formulieren, zögern, höre viel mehr, als ich damals sagen wollte. Ich glaube, ich sollte sämtliche Kassetten, die ich je besprochen habe, zurückfordern. Und sämtliche Texte, die ich je geschrieben und veröffentlicht habe. Demnächst. Ich mach das so, wie mit der Rettung des Klimas. Bestimmt, aber nicht gleich.

9 Gedanken zu “Eine Stimme aus der Vergangenheit

  1. Kassetten sind Zeitdokumente. Ich erinnere mich gut, dass Verliebte füreinander Musikkasetten zusammenstellten. Ich besitze noch eine mit handgeschriebenem Inhaltsverzeichnis. Schön ist es auch, Kasetten zu hören, die mal von den eigenen Kindern mit Mikro aufgenommen worden sind. Dann ist es halb so wild, wenn plötzlich ein Elternteil in die Aufnahme hereinplatzt. Mehr Authentizität können wir aus unserer Vergangenheit nicht haben. Leider besitze ich gar kein Abspielgerät mehr, genauso für die Floppydisks und auch für die 31/2 Zoll-Disketten.

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  2. Das Zusammenstellen einer Musikkassette war immer ein anspruchsvolles Unterfangen – neben musikalischem Grundwissen und Geschmack war auch die Beherrschung eines komplexen Regelwerks gefordert. Denn die Kassette sollte ja möglichst oft einsetzbar sein ( in der intimen Zweisamkeit, im Auto, beim Essen mit Freunden etc.) ohne dabei aber beliebig und/ oder langweilig zu werden.

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    • Das Mixtape war tatsächlich noch eine ganz andere Herausforderung. Habe ich natürlich auch ab und an gemacht. Unsere Kassettenbriefe waren zwar auch im Auto zu gebrauchen, aber doch eher für das ein- oder zweimalige Hören, weil die gesprochenen Texte dann eben bekannt waren und eher störten.

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  3. Ich habe noch meine Kinder auf Kassette aufgenommen, um ihre Kleinkinderstimmen für die Ewigkeit zu bewahren. Dachte ich. Ich habe noch eine Stereoanlage mit Kassettendeck, aber außer mir wohl niemand! 😉
    Ich frage mich, ob frühere Generationen auch so viele Relikte aus der Vergangenheit belächelten.

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    • So eine Kassette habe ich auch, liegt gerade neben der, die ich zurück bekommen habe. VHS-Kassetten mit Filmen unserer Töchter liegen auch noch rum. Aber ich habe auch das Tefifon in Erinnerung. Ein längst ausgestorbenes Wiedergabegerät für eine Art Musikkassetten. Meine Eltern besaßen das in den 50er Jahren. Ich habe es gerade mal gegoogelt. Den Namen hatte ich noch im Kopf, mehr aber nicht.

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  4. Die von dir beschriebenen Aufnahmen kenne ich noch gut. Es gab schon MTV, aber niemals hätte ich als Teenager die Hoheit über den Fernseher im Wohnzimmer bekommen. Ich hörte noch die Hitparade, als Freunde bereis Videorecorder hatten. Auf Musikkassetten nahmen wir trotzdem alle auf. Die Cosmicübertragungen gab es nur im Radio. Oder live, aber ich war noch keine 18.
    Kassettenbriefe kenne ich nicht. Schade. Sie scheinen mir wertvoll zu sein.

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