Wehrlos

Foto: Elfie Voita

 

Unterwegs, um Abschied zu nehmen. Ein schwerer Gang, wie man so sagt. Umsteigen in der kleinen Stadt, in der ich meine Jugend verbracht habe. Eine halbe Stunde Aufenthalt. Ich schaue mich um, habe das Gefühl, mich hier auszukennen, wohl nur noch ein Gefühl, was weiß ich denn vom Leben in der Stadt, von den Menschen in der Stadt.

Dabei habe ich hier gelernt, wie sich Heimat anfühlt. Nein, nicht damals, sondern erst viel später, wenn ich als Besucher zurückkehrte. Für ein paar Tage, ein paar Stunden. Liebe geht angeblich durch den Magen, Heimat möglicherweise auch, ich spüre sie im Bauch. Nein, ich könnte den Punkt jetzt nicht benennen, nicht darauf zeigen, aber er ist da, reagiert sofort. Mein kleines, warmes Heimatgefühl, vielleicht so wie, nein, ganz anders, an einer anderen Stelle als das Glück, das vibriert und kribbelt wie ein leises Lachen und das ich auch so zuverlässig erkennen kann.

Plötzlich ist Heimat um mich herum, alles voller Erinnerungen, voller Gefühle von Frühling und Sommer, von Jugend und Freundschaft und erster Liebe. Ja, klingt kitschig, nach Rosamunde Pilcher, aber dann muss das wohl so sein. Einmal nur, versprochen. Ganz ohne Melancholie, ohne Bedauern, ohne den Wunsch, noch einmal siebzehn zu sein und so verliebt wie damals, wie es im Schlager heißt.

Die Stadt, die Häuser, die Straßen, es spielt keine Rolle, was sich seither verändert hat, meine Stadt trage ich in mir, solange ich mich erinnern kann und an diesem Tag, in diese Stunde überwältigen mich die Erinnerungen, durchströmen sie mich, stürmen auf mich ein, vielleicht weil der Schmerz mich aufmerksamer gemacht hat, weil ich an diesem Tag mehr bei mir bin.

Dann kommt der Bus und die Reise geht weiter. Ein anderes Leben endet und ihm schulde ich nun Liebe und Aufmerksamkeit.

8 Gedanken zu “Wehrlos

      • Und doch sind es Worte, die etwas in uns zum Klingen bringen, das sich nicht in Worte fassen lässt.
        Über diese Gefühle von Heimat hinaus schreibst du „Abschied nehmen“, „ein schwerer Gang“, „ein anderes Leben endet“ und man ahnt, dass heimatliche Gefühle nur die Begleiterscheinung von etwas Größerem sind, einer Lebenserfahrung, die tiefer empfinden lässt als sonst. Ich will nicht fragen, denn hättest du mehr mitteilen wollen, hättest du es getan.

        So überwiegt für mich die Freude, wieder von dir zu lesen, lieber Manfred. Herzlich Willkommen zurück. Ich habe dich vermisst.

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  1. Hallo Manfred,
    wenn ich im Urlaub durch die Straßen der Stadt gehe, geht es mir wie dir. Heimatgefühle. Und in den letzten Tagen habe ich oft an euch gedacht. Fühlt euch gedrückt.
    Deine Cousine im weit entfernten Bayern 😉

    Gefällt 1 Person

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