Mein schönstes Ferienerlebnis

Bild: Manfred Voita

Zuverlässig wurde nach dem Ende der Sommerferien, das seltsamerweise immer mit dem Wiederbeginn der Schule zusammenfiel, eine äußerst unglückliche Koinzidenz, wie ich damals fand, uns Schulkindern ein Aufsatz abverlangt: Mein schönstes Ferienerlebnis. Obwohl mich diese Themenstellung während meiner gesamte Schulzeit begleitete, okay, lassen wir die Handelsschule und die Fachoberschule außen vor, überraschte sie mich immer wieder. Wie ein Komet aus einem anderen Sonnensystem, fremdartig und nicht vorhersehbar. Eigentlich eine Art Strafarbeit dafür, dass wir es gewagt hatten, Ferien zu beanspruchen. Sechs Wochen lang. Und nicht ein einziges Mal an die Schule zu denken.

Neue Schulbücher, die Anlass boten, vor dem ersten Schultag ein Sachbuch zur Hand zu nehmen, gab es nämlich nur zum Schuljahresbeginn. Zu meiner Zeit war das noch im Frühling. Ich war immer mächtig gespannt auf die neuen Bücher, die ich allerdings erst in die meist ungewaschenen Finger bekam, nachdem Mutter sie sorgfältig in die Schutzumschläge gesteckt oder in eine Folie einschlagen hatte.

Jedes Mal hohe Erwartungen – und jedes Mal wieder eine Enttäuschung. Für mich als begeisterten Leser war gerade mal das Lesebuch akzeptabel, aber selbst da fand sich nichts von Karl May. Erdkunde bot Statistiken zu Bodenschätzen und Karten, daneben Zeichnungen. Gut, es waren die sechziger Jahre, die Fotografie steckte noch in ihren Anfängen, aber wie wollte man den so Kinder für die Welt begeistern? Ach, wollte man überhaupt nicht? Ach so, ja dann.

So waren alle Büche. Hochglanzpapier mit wenig Fotos und Texten, die kein Lehrer in seiner Freizeit akzeptierte hätte. Vermutlich war die Qualität auch völlig bedeutungslos, weil niemand annahm, dass jemand auf die Idee kommen könnte, eines dieser Bücher zu lesen.

Ein Aufsatz: Mein schönstes Ferienerlebnis. Wie gesagt, hätte ich geahnt, dass so was auf mich zukommt, ich hätte doch mitgeschrieben. Täglich ein paar Stichworte. Hühner gefüttert, Eier gesucht, Katze gestreichelt, Kratzwunden versorgen lassen, Stachelbeeren geerntet: Es war jeden Tag was los.

Nein, ich bin nicht auf dem Lande aufgewachsen, aber Sommerferien bedeuteten für viele Jahre, dass ich zu meiner Oma aufs Land fuhr. Ostfriesland. Gleich hinter dem Garten ein Feld, dahinter noch mehr Felder.

Am Horizont eine Bahnlinie. Dampfloks. Starfighter am Himmel. Der Überschallknall beim Durchbrechen der Schallmauer. Kinder aus der Nachbarschaft. Regen. Sonne. Wind. Ein Plumpsklo. Hausierer an der Haustür, die Bürsten und Knöpfe verkauften. Der Milchmann, dessen Wagen noch von einem Pferd gezogen wurde. Der Bäcker und der Fischhändler, die ebenfalls mit ihren Wagen in der Siedlung unterwegs waren. Der Briefträger auf dem Fahrrad, der vormittags immer seinen Schnaps bekam.

Manchmal eine Fahrt auf die Insel. Norderney, das war schnell zu erreichen. Oder das Zwischenahner Meer. Der Bücherschrank meines Onkels mit echten Romanen. Der Dachboden des Hauses meiner Oma mit diesem typischen sommertrocken Geruch, mit alten Koffern, die noch die Flucht aus Ostpreußen mitgemacht hatten, mit Büchern aus der Nazizeit, die dort überdauert hatten. Einkaufen am Samstagvormittag.

Aber erzähl das mal. Mach daraus einen Aufsatz. Mein schönstes Ferienerlebnis! Wie sollte das gehen? Das war nichts und das war alles.

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25 Gedanken zu “Mein schönstes Ferienerlebnis

  1. Ein solcher Aufsatz ist mir nie abverlangt worden. Zum Glück. Wir fuhren nie weg, es gab nichts zu erzählen außer Mist und später dann Dinge, die nicht aufsatzgeeignet waren. 😉
    Deine Schilderung dagegen gefällt mir ausgesprochen gut. Inhalt und Sprachstil sind lebendig und ansprechend, Orthographie und Interpunktion fehlerfrei. Ich gebe dir dafür eine glatte Eins. 🙂

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  2. Als Kind fuhr ich auch nie weg, konnte deshalb ebenso wenig erzählen wie du. Als Deutschlehrer habe ich das Thema: „Mein schönstes Ferienerlebnis“ nie gestellt, weil ich immer an die Nöte der Kinder gedacht habe, die eben nichts Besonderes erlebt hatten. Die waren an meiner Schule sowieso in der Minderzahl und hatten deshalb einen schweren Stand, schon allein, weil sie Kleidung von KIK trugen und keine Markensachen. Deine knappe Schilderung aus Impressionen deiner Ferien in Ostfriesland ergibt ein schönes Bild.

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    • Zu meinen Volksschulzeiten in Hagen, einer Industriestadt, war eine Ferienreise noch die große Ausnahme. Es ging zu Oma und Opa, Onkel und Tante, aber nicht an die See oder gar ins Ausland. Ich musste 16 oder 17 werden, bis ich mal in den Niederlanden war. Außergewöhnliche Urlaubserlebnisse hatte, wer mal mit einem Auto mitgenommen worden war. Aufmerksamkeit für den Alltag mit seinen Schwierigkeiten und seinen Freuden gab es nicht, dafür waren Lehrer wohl auch noch nicht ausgebildet.

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    • So einen Lehrer wie Jules hätte ich mir gewünscht, denn Urlaub und Verreisen, das saß nicht dran bei dem bißchen Fürsorgeunterstützung.. Zum Schulbeginn hatte ich nichts zum schönsten Ferienerlebnis beizutragen, ausser das Baden im Freibad, oder, wenn das Geld nicht reichte, dann eben im Rhein-Herne-Kanal. War aber trotzdem schön.

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  3. Da fällt mir gerade ein, wie ein Schüler irgendwo und irgendwann zum Thema Fereienerlebnis geschrieben haben soll: „Wir fuhren ins Sauerland. Dort fiel viel Schnee und Oma auch.“ 🙂

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  4. Ich komm schon vom Dorf, Großfamilie, Opa, Postler, mit Nebenerwerbslandwirtschaft: „Hühner gefüttert, Eier gesucht, Katze gestreichelt, Enten geärgert, Kirschen gepflückt, Schweine geschlachtet“. Permanentferien auf dem Minibauernhof. In Urlaub gefahren bin ich mit Papa am Küchentisch auf der Landkarte. In echt war´s Harz, Schwarzwald, Allgäu. Jugend in den 70ern. Immerhin wurde ich da Europa- und Weltmeister …

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  5. Ich war eigentlich als frühes Schulkind immer bei der Oma in Urlaub, es war ein Kleinbauernhof. Dort habe ich mit den Katzen gespielt die Hasen und Hühner gefüttert Ab und wann wurde auch schon mal ein Tier geschlachtet, aber das gehörte dazu. Deshalb waren meine Ferienerlebnisse für den Aufsatz
    immer ähnlich. Trotzdem war ich gerne dort, nicht so unter Kontrolle wie zu Hause. Das Beste war dann immer das Schwimmen in der Ruhr, besonders spannend in der Lernphase. Die Ferien waren in den 50ern und 60ern noch etwas beschaulicher. Aber diese Aufsätze wurden jedes Jahr aufs Neue geschrieben. LG , Petra

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  6. Auch mich haben diese Aufsätze noch begleitet. Wahrscheinlich müssen Kinder sie noch immer schreiben. Leider waren die Noten nie gut. Ich soll mich auf das Wesentliche konzentrieren stand meist darunter. Meine Lehrer waren wohl nie in Griechenland, sonst hätten sie verstanden, dass die Steine dort sehr wohl das Beste an den ganzen Ferien gewesen sind.

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  7. Lieber Manfred!
    Meine Ferien am Bauernhof waren teilweise ausgefüllt mit Arbeit auf den Feldern. Heuarbeit. Im Stall sowieso. Manchmal durften wir zur Tante radeln, die ein Schwimmbad hatte im Garten und dort einen Nachmittag verbringen. „Mein schönstes Ferienerlebnis“ wollte die Lehrerin von mir. Den Kirschbaum kletternd erobern, heimlich mit Opas Moped ausfahren, sich der Angst vor Schlangen stellen beim Himbeerpflücken in einem verwilderten Waldstück, mit Opa in der Werkstatt Leitern zimmern und in den Hobelspäenen wühlen, ein Rehkitz nach einer Verletzung großziehen, die kleinen Kätzchen im duftenden Heunest, auf Papa warten, der nach Mitternacht vom Dreschen heimkam, im Stadl vom Heuhaufen springen, die Kühe morgens zwei Kilometer durch ein einsames Waldstück zur Tagesweide treiben und abends wieder heimholen. Irgendwas fiel mir schon ein, das ich zu Papier bringen konnte. – Und die Noten waren gut. Das Ferienende auch. Ich bin gerne zur Schule gegangen (3 Kilometer) und freute mich darauf, Neues zu lernen.

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