Friesland (8): Zurück

Eigenes Foto

 

Herinneringscentrum Kamp Westerbork

Einfach nur fahren, unterwegs sein, um dann anzukommen, ist langweilig. Dann sitzt man im Auto die Zeit ab. Beamen wäre praktischer. Der Reiz des Reisens liegt für mich aber auch darin, eben nicht einfach nur von A nach B zu fahren, sondern anzuhalten, einen Umweg zu machen, einem Ortsnamen oder einer Erinnerung zu folgen und zu sehen, wohin man kommt. Auf unserem Weg nach Leeuwarden waren Zwolle und Kampen Zwischenstationen, auf dem Rückweg haben wir uns für das Kamp Westerbork entschieden. Auschwitz, Dachau, Buchenwald, Bergen-Belsen, ich nenne Namen, die jeder kennt, Orte, die jeder besucht haben sollte. Besucht ist ein so falsches Wort dafür.

Aber ich war auch noch nicht an all diesen Orten und den vielen anderen Orten des Schreckens und der Grausamkeit, die ich nicht genannt habe, großen Lagern, Gestapohäusern, Gefängnissen. Manche davon sind weit entfernt, aber für Westerbork gilt das nicht. 200 Kilometer von Warendorf, 100 von Leer aus, wo ich lange gelebt habe. Es war immer erreichbar und jedes Mal, wenn ich auf der Autobahn das Hinweisschild sah, empfand ich es als eine Art Mahnung. Vielleicht ganz zu Recht. Vielleicht sollten wir uns verpflichtet fühlen, diese Orte zu sehen, uns dem auszusetzen, was diese Orte erzählen. Nun also Westerbork.

1939 richteten die Niederländer ein Lager für die überwiegende jüdischen Flüchtlinge aus Deutschland ein. Nicht zu nah bei den Städten, nicht in der Nähe des königlichen Sommerpalastes, also bei Hooghalen in Drenthe, in der Nähe des Dorfes Westerbork, nicht weit von der deutschen Grenze. Die ersten Bewohner waren Menschen, die versucht hatten, mit der St. Louis von Hamburg aus nach Kuba zu gelangen. Kuba hatte sich geweigert, die rund 900 Passagiere aufzunehmen, die USA weigerten sich, schließlich kehrte das Schiff nach Europa zurück und einige Staaten, darunter die Niederlande, erklärten sich bereit, die Menschen aufzunehmen. 22 von ihnen kamen nach Westerbork.

Nach dem Einmarsch der Wehrmacht 1940 wurde Westerbork zum Durchgangslager. Die scheinbare Harmlosigkeit des Lagers, das Werkstätten und das beste Krankenhaus der Niederlande aufzuweisen hatte, verbarg, dass fast alle, die dort interniert waren, in die Konzentrationslager gingen und kaum jemand überlebte. Die hervorragende medizinische Betreuung diente vermutlich nur dazu, innerhalb des Lagers die Ruhe zu bewahren, den Glauben aufrecht zu erhalten, dass es nur um die Umsiedlung ginge, nur um die Arbeit in anderen, ebenso alltäglichen Lägern.

Etty Hillesum, Edith Stein und Anne Frank sind drei Namen. Es ist richtig und gut, sie zu kennen. Eine wichtige Aufgabe, die sich die Menschen, die heute die Gedenkstätte leiten, gestellt haben, ist es, allen mehr als 100.000 Menschen, die in Westerbork waren, einen Namen und eine Geschichte zu geben, sie aus der Anonymität zurück zu holen.

In Westerbork ist wenig aus der NS-Zeit erhalten geblieben. Um das Lager erfahrbar zu machen, wird einiges nachgebaut, so ist z. B. mit Originalmaterial aus dem Lager eine der Baracken wieder aufgebaut worden. Der Zaun um das Lager ist neu gezogen, ein Wachturm errichtet worden. Leicht lässt sich dann sagen, dass, was da gezeigt wird, ja nur Attrappen seien, nicht die historische Wahrheit. Aber Westerbork war eben mehr, war etwas anderes, als ein Stück Heidelandschaft, das muss erfahrbar gemacht werden, gerade auch für Menschen, die mit der Geschichte nicht so vertraut sind, wie die Kriegs- oder Nachkriegsgeneration.

Es gibt Führungen in Westerbork, wir haben aus Zeitgründen an einer niederländischen Führung teilgenommen. In solchen Momenten wünscht man sich eine andere Nationalität, auch ohne dass irgendwer komisch geguckt hätte. Aber es ist unsere Geschichte in den Niederlanden.

Noch eine Anmerkung: Der Roman „Die Entdeckung des Himmels“ von Harry Mulisch spielt zum Teil in Westerbork. Eine der Figuren wird von dort während der NS-Zeit in ein KZ transportiert, eine der Hauptpersonen ist mit dem astrologischen Projekt verbunden, das mit seinen riesigen Radioteleskopen heute Teile der ehemaligen Lagerfläche nutzt.

 

 

 

 

 

Advertisements

6 Gedanken zu “Friesland (8): Zurück

  1. Was für ein Reisebericht! Danke. – Und das Schiff ohne Hafen. Unfassbar und doch so nah anbei. Mit Mulisch‘ Himmel fällt mir ein, das ich bei einer Motorradtour mal abseits der Strecke auf dem La Chaise Dieu gelandet bin. Bei blauem Himmel Gedanken an Lager. Tja. – Toller Bericht! Vielen Dank!

    Gefällt 1 Person

  2. Ja, denn – wie Manfred sagt – „der Reiz des Reisens ist der Umweg.“
    Ich war nie in Westerbork, aber ich stelle mir das nach Drachten vor wie meinen eigentlichen Weimarbesuch, der dann auf dem Buchenwaldgedenklager endete. Seltsame Zusammen- und Entgegenstellung. Was zum Denken.

    Gefällt mir

  3. Das Gefühl, das dich während der niederländischen Führung durch Westerbork befallen hat, kann ich gut nachvollziehen. Letztens sah ich im flämischen Fernsehen ein Radrennen durch Nordfrankreich. Die Kamerahubschrauber kreisten auch immer wieder über riesige Soldatenfriedhöfe, und ich fühlte Scham und wünschte mir, die Deutschen wären nicht für all den Tod und all das Leid verantwortlich.

    Gefällt 3 Personen

  4. Es ist gut das du auf reisen bist. Noch besser, dass du deine Eindrücke mit den Lesern hier teilst. Von München aus liegt Dachau fast vor der Tür. Ein jedes Schulkind muss da hin. Das ist gut und wichtig. Man sollte auch als Erwachsener noch einmal einen dieser schlimmen Orte aufsuchen, damit es nicht vergessen wird. Die bekannten Namen und alle anderen. Es sind so schrecklich viele.

    Gefällt mir

Das Absenden eines Kommentars gilt als Einverständnis dafür, dass Name, E-Mail- und IP-Adresse gespeichert und verarbeitet werden. Jetzt aber los:

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.