Friesland (7): Drachten, Dada, Rinsema

Anfang der zwanziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts hatte Drachten rund 5.500 Einwohner. Es gab Autos, es gab eine Bahnverbindung, es gab Arbeit. Man verhungerte nicht in Drachten. Aber Drachten war auch nicht gerade ein pulsierendes Zentrum, ein kreativer Hotspot. Es gab da allerdings eine Werkstatt, die nicht nur für ein abgelegenes friesisches Dorf ungewöhnlich war.

Thijs und Evert Rinsema waren Schuhmacher, beide hatten nur die damals übliche minimale schulische Ausbildung absolviert und mochten sich dennoch nicht auf ihr Handwerk beschränkten. Autodidakten waren sie, Thijs malte, Evert schrieb und ihre Werke konnten in der Werkstatt erworben werden.

Evert Rinsema hatte während seines Militärdienstes im ersten Weltkrieg – was für ein Jahrhundert, in dem man Weltkriege durchnummerieren musste – Theo van Doesburg kennengelernt, den Begründer der Kunstrichtung „De stijl“. Van Doesburg besuchte die Brüder Rinsema in Drachten und beeinflusste Thijs mit seinen Ideen und seiner Arbeit. Über van Doesburg entstanden Kontakte zu anderen Künstlern und so gelangte auch Kurt Schwitters nach Drachten. Schwitters soll, so wird im Kunstmuseum Drachten erzählt, die Wohnung der Brüder ausschließlich durch das Fenster betreten haben.

Im Drachtster Courant, der örtlichen Tageszeitung, erschien 1923 eine kleine Anzeige: „Ein Dada-Abend mit K. Schwitters, Freitag, 13. April, 8 Uhr abends, Eintritt 1 Gulden, De Phoenix in Drachten.“

Schwitters Ursonate erklang an diesem Abend, dem Finale der Dada-Bewegung, zumindest des Dada-Zuges, der Dada-Tournee, die Schwitters durch die Niederlande geführt hatte. Einen Bericht, wie das damals war, wie die Presse reagierte, findet man im Museum in Drachten, das eigentlich für Dada und de Stijl geschaffen wurde, einen Text, der nachzuempfinden sucht, wie das damals war, findet man hier.

Und weil Schwitters so wichtig für Drachten war, heißt das Museum heute auch Museum Dr8888.

Eigenes Bild

Thijs und Evert, die beiden Schuster, die nicht bei ihren Leisten bleiben mochten, blieben in Drachten, als die Kunstwelt sich wieder abwandte, machten Schuhe und machten Kunst, verkauften Schuhe und verkauften Kunst und wurden nach ihrem Tod vergessen.

Wie sich das gehört, wurden sie wiederentdeckt. Und so hat Drachten nicht nur sein Papageienviertel, seinen Platz in der Dada-Geschichte, sondern auch zwei bemerkenswerte Künstler: Thijs und Evert Rinsema.

Hier gehts zur Friesland (6)

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7 Gedanken zu “Friesland (7): Drachten, Dada, Rinsema

    • Ich bin auch fast ahnungslos nach Drachten gefahren und war dann von dem kleinen Museum mit dem beziehungsreichen Namen sehr angetan. Als Besucher wird man nach dem Kauf der Eintrittskarte von einem „Gastgeber“ angesprochen, der ein paar Informationen zum Haus gibt.

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  1. Eine wirklich interessante Anmerkung Deinerseits: Wie sich das gehört, wurden sie wiederentdeckt.
    Vielleicht ist das wiederentdeckt Werden ja dem verstanden Werden viel förderlicher als das nicht vergessen Werden.

    Wieder ein sehr lesenswerter Bericht. Vielen Dank dafür.

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    • Die selbstverständliche ständige Präsenz eines Künstlers macht ihn leicht unsichtbar, während der vergessene Künstler eine Euphorie auch bei Menschen auslösen kann, die dem Museum oder der Kunst eher fern stehen. In Drachten stellten viele Einwohner fest, dass sie einen Rinsema besaßen. Viele nahmen an Veranstaltungen teil, die sich dem Werk der Brüder widmeten.

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  2. Nachtrag: Der Ledermond gefällt mir ja gut.
    Auf meinem Schreibtisch liegt ein kleines Stückchen Leder in der üblichen Form einer Tierhaut. Das war als „Etikett“ an einem Gürtel, den ich mir vor einigen Monaten gekauft habe. Ab und zu schnuppere ich daran, und heute habe ich festgestellt, dass der Ledergeruch nur noch ganz schwach ist. Jetzt frage ich mich, ob ich einen neuen Gürtel brauche – nicht, weil ich für den alten zu dick geworden bin, sondern wegen des Riechobjekts auf dem Schreibtisch. Manchmal bin ich auch ein bisschen dada.

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