Friesland (6): Drachten & De Stijl

Theo van Doesburg [Public domain], via Wikimedia Commons

Von Leeuwarden aus unternahmen wir einen Ausflug nach Drachten. Man muss nicht in Drachten gewesen sein, jedenfalls nicht wegen Drachten. Die Drachtener mögen das anders sehen, es gibt jedenfalls außergewöhnlich viele Fotos aus Drachten auf der entsprechenden Wikipediaseite. Je mehr ich von diesen Bildern betrachte, umso trauriger werde ich.

Wieso wir dann hinfuhren?

Weil ich es mir vorgenommen hatte.

Unterwegs nach Drachten, es war ein kalter, windiger Tag, fuhren wir über eine wenig befahrene, ziemlich neue Straße. Ich mag es, wenn das Navi nicht mehr weiß, wo wir gerade sind und uns einen Punkt im Nichts anzeigt, zwischenzeitlich kurz wieder einen Straßennamen aufgreift, um gleich darauf wieder in unerforschter Wildnis auf jeden weitere Anweisung zu verzichten. Wir kamen trotzdem an. Eine endlose Straße führte in die Stadt, die inzwischen die zweitgrößte frisische „Stadt“ geworden ist, trotzdem aber nicht zu den elf Städten Frieslands gezählt wird. Selbst Sloten mit seinen 740 Einwohnern darf sich zu dieser Elite Frieslands zählen, zu den Städten, die das Stadtrecht erhielten. Alles andere sind Gemeinden, Dörfer, zufällige Ansiedlungen. Drachten war ein Dorf, das in den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts zu wachsen begann. Und so sieht es auch aus. Nichts passt mehr. Alles ist groß. Also nicht groß im Sinne von großstädtische, nur eben zu groß für ein Dorf. Über 40.000 Menschen leben dort.

Dort halten keine Züge, sie spielen dort keinen Profifußball und wenn Drachten einmal in den Nachrichten auftaucht, liegt es daran, dass ein verwirrter Mann seine Wohnung explodieren ließ, schrieb Flip van Doorn in Trouw.

Theo van Doesburg, in Deutschland bekannt, weil er 1921/22 in Weimar am Bauhaus unterrichtete, hatte 1917 die erste Ausgabe der Zeitschrift De Stijl  herausgegeben und damit eine Kunstbewegung begründet, zu deren prominentesten Vertretern Piet Mondriaan und Gerrit Rietveld gehören.  In Drachten konnte van Doesburg das erste Mal die architektonischen Ideen der Gruppe De Stijl umsetzen. An dieser Stelle betreten zwei Drachtener die Bühne, ohne die Drachten weder eine prominente Rolle für De Stijl gespielt hätte. Zwei Brüder, beide Schuhmacher, die neben ihrem Handwerk ihre Kunst betrieben.

Evert Rinsema schrieb Gedichte und Aphorismen, sein Bruder Thijs malte und entwarf Möbel. Van Doesburg hatte Evert in der niederländischen Armee kennengelernt und besuchte die Rinsemas nach dem Ende des 1. Weltkriegs häufig in Drachten. Evert Rinsema war es, der den Kontakt mit einem städtischen Architekten herstellte. 1920 erhielt van Doesburg den Auftrag, eine Reihe von Wohnhäusern zu entwerfen. Wer das Rietveld-Schröder-Haus   in Utrecht gesehen hat, hat eine Vorstellung von den Konzepten, die damals entstanden sein müssen, zu früh und zu radikal für Drachten. Was blieb, war eine Häuserzeile, wie sie überall in Holland stehen könnte, die sich allerdings in der Farbgestaltung einiger äußerer Elemente deutlich abhebt, so dass die Straße im Volksmund den Namen Papageienviertel erhielt.

Door EelcoS73 – Zelf gefotografeerd, CC0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=19943433

Die Innenausstattung, also die Farbkonzepte für die 16 Häuser, konnte van Doesburg aber umsetzen lassen.  Ein Film, der im Museum Drachten gezeigt wird, dokumentiert, wie Künstler, Handwerker und Restauratoren versuchen, eines der Häuser wieder in den ursprünglichen Zustand zurückzuversetzen, ein Projekt, das im Laufe des Jahres 2018 abgeschlossen werden soll.

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5 Gedanken zu “Friesland (6): Drachten & De Stijl

  1. Gut, dass ihr trotzdem hingefahren seid, denn sonst hättest du nicht erinnert an Drachten, de Stijl und Theo van Doesburg. Er war auch eng befreundet mit Kurt Schwitters. Zusammen mit ihm unternahm er 1923 eine Dada-Tournee durch die Niederlande, um Dada bekannt zu machen. Meines Wissens endete die Tournee in Drachten, was auch das Ende von Dada in den Niederlanden war. Obs an Drachten lag?

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  2. Tja, ich habe mich bei Piet Mondrian an die frühe Covergestaltung des zu Klampen Verlags erinnert, auch heute noch in der Philosophiereihe zu erahnen, und ich weiß, daß die Geburtsstadt von Mondrian seit 1905 in den Amateurligen des besten Nachbarlandes der Welt spielt. – Ohne Holland fahr ich höchstens an die Ostsee! 😉

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    • Wer hatte nicht irgendwann ein Mondrianposter an der Wand, okay, vielleicht auch einen Miro, wenigstens aber Zappa auf dem Klo! Amersfort ist ein sehenswertes Städtchen, bei dem natürlich gilt, was für die meisten sehenswerten Städte gilt: Es ist die historische Altstadt, die schön ist, der Rest ist beliebig.

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  3. Pingback: Friesland (7): Drachten, Dada, Rinsema | Manfred Voita

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