Vorstellung

„Im Kreisverkehr in zweihundert Metern links abbiegen über die dritte Ausfahrt, dann haben Sie Ihr Ziel erreicht. Ihr Ziel liegt auf der linken Seite.“

Er stellte das Navi ab.

„Wieso brauchst du das Navi, um den Weg zu deinen Eltern zu finden?“ hatte Anne gefragt.

„Umgezogen, kürzlich erst“, hatte er geantwortet. Das war die Formulierung aus dem Handbuch, sie hatte sich auch gleich damit zufrieden gegeben. Warum auch nicht?

Sie kannten sich jetzt seit mehr als drei Monaten, alles war gut, passte einfach, da wurde es Zeit, sie der Familie vorzustellen. Sie hatte keine Eltern mehr, doch er hatte so von seiner tollen Kindheit geschwärmt, dass sie jetzt ganz gespannt darauf war, seine phantastischen Eltern endlich persönlich kennenzulernen. Dummerweise hatten die sich allerdings gerade scheiden lassen, waren völlig zerstritten und sprachen kein Wort mehr miteinander.

miet-eltern.com hieß die Lösung. Was die Japaner konnten, die zeitweilige Vertretung fehlender oder ungeeigneter eigener Freunde, Gäste oder Familienangehöriger durch Schauspieler, sollte doch auch in Deutschland funktionieren.

Er bremste, parkte und stieg aus.

„Nummer 24?“ fragte Anne.

„Ja?“

„Okay, lass uns wieder fahren. Die hab ich auch schon mal gebucht.“

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21 Gedanken zu “Vorstellung

      • Gehört zu den Dingen, die ich auch kaum verstehe. Wieso verkaufen Menschen alte Familienfotos? Wieso kaufen Menschen alte Fotos anderer Familien? Okay, da steht manchmal eine künstlerische Absicht dahinter, aber was soll das sonst?

        Gefällt 1 Person

      • Das sind zwei Fragen und die Antworten wohl ganz unterschiedlich. Es dürfte kaum vorkommen, dass jemand seine alten Familienfotos (auch Urlaubsfotos, Kindheitsfotos, …) verkauft. Eher werden solche Fotografien, wenn sie auf Trödelmärkten auftauchen, aus gewerblichen Wohnungsauflösungen stammen, und es gibt keine Angehörigen mehr, die an diesen Bildern interessiert sind. Alte Familienfotos, bei denen die ganze Familie Aufstellung genommen hat, interessieren mich auch sehr, wenn es sich nicht um meine Familie handelt. Der Schriftsteller Walter Kempowski hatte eine große Sammlung solcher Fotos und wir (Akademie) haben damals einen ganzen Raum voll davon ausgestellt. Ich hätte mir die Bilder stundenlang ansehen und zu jedem eine Geschichte schreiben können. Bei aller Inszeniertheit dieser Fotografien, sagten sie gerade deshalb soviel über die Menschen und ihre Beziehungen untereinander aus. Das war die Position auf dem Foto, die Haltung, die für so einen Fototermin sorgfältig ausgewählte Kleidung, der angelegte Schmuck, … So etwas kriegen wir Heutigen nicht einmal bei Hochzeiten und Kindstaufen zustande, weil wir dem einzelnen Foto wenig Bedeutung beimessen. Es wird ja so viel fotografiert.
        Ich bin wahrhaftig kein Sammlertyp, aber bei solchen Bildern kann ich es gut nachvollziehen.

        Gefällt 2 Personen

      • Die künstlerische Auseinandersetzung, die Inspiration, die von solchen Bildern ausgehen kann, finde ich sehr nachvollziehbar. Ich habe auch schon Geschichten nach Fotos geschrieben. Soziologisch geben diese alten Fotos sicher auch einiges her. Seltsam wird es für mich immer dann, wenn es um Dekoration geht. Da sträubt sich etwas bei mir, da geht es um Würde, was für ein hochtrabendes Wort, aber ja, es hat wohl damit zu tun.

        Gefällt 2 Personen

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