Ein hartes Urteil

Es war nicht der Europäische Gerichtshof, es war nur das Gericht der Europäischen Union (EuG) in Luxemburg, das heute eine Entscheidung des Amts der Europäischen Union für geistiges Eigentum (EUIPO) bestätigte. Das EU-Amt ält den Filmtitel „Fack ju Göhte“ für eine „anstößige Beleidigung, die einen hoch angesehenen Schriftsteller posthum beleidigt“. Das Gericht geht einen Schritt weiter oder einen zurück, wie man das auch sehen mag. Es sieht, jedenfalls lese ich die Begründungen, die bisher veröffentlicht wurden, nicht Goethe als den Beleidigten, sondern uns, wir, die wir uns möglicherweise den Film angesehen haben und das, obwohl wir vom Titel schockiert waren.

Ja, wen und was muss man den heutzutage alles verteidigen? Muss man sich jetzt schon für die Freiheit einer Filmproduktionsgesellschaft einsetzen, ihre Filme, die ich nicht gesehen habe, mit einem aufmerksamkeitsheischenden Namen zu versehen und diesen dann auch schützen zu lassen? Nein, es ist nicht der Betriebswirt in mir, der hier für die Freiheit der Märkte eintritt, es ist eher das seltsame Gefühl, dass hier etwas aus dem Gleichgewicht geraten ist. Wir sind offenbar nicht geschockt über den Einsatz deutscher Panzer in Syrien, nicht über das Schreddern von Küken, nicht über unsere Waffenexporte oder den Klimawandel, wohl aber über den Filmtitel „Fack you Göthe“.

Hä?

Dachte ich mir. Aber dann kam die Einsicht. Es ist ganz genauso. Ein x-beliebiger Film schockt uns tatsächlich eher und weit mehr, als alle anderen Ereignisse. Das Gericht der Europäischen Union hat nicht nur Recht gesprochen, es hat uns komplett richtig eingeschätzt. So sind wir halt.

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19 Gedanken zu “Ein hartes Urteil

  1. Ich glaube ja, es ist wieder eine von den Geschichten, die von den Medien noch mal extra hochgepeitscht werden. Wenn ich die Kommentare im Radio richtig verstanden habe, dann ging es bei der Entscheidung des EuG ja nicht darum, den Filmtitel für unzulässig zu erklären. Die Produktionsfirma wollte mit diesem Titel alle möglichen Produkte vermarkten, und dem hat man einen Riegel vorgeschoben. Das ist kein Eingriff in die künstlerische Freiheit eines Autoren. Eine vergleichbare Entscheidung könnte auch getroffen werden, wenn Produkte (ohne Film zuvor) mit einem anstößigen oder diskriminierenden Produktnamen auf den Markt gebracht werden sollen. Abgesehen davon, dass ich diesen Filmtitel auch degoutant finde, so wird er – losgelöst vom Film, auf einem T-Shirt, Kosmetikprodukt, oder was auch immer – noch mal unverständlicher bzw. missverständlicher. – Ich denke es ist wieder mal much ado about nothing.

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    • Es geht mir auch nicht um die künstlerische Freiheit, die sehe ich auch nicht gefährdet. Natürlich wird da um Markenrechte gestritten, aber das da ein geschocktes Publikum zum Kriterium gemacht wird, das ist es, was mich ärgert. Rechtlich wird alles mögliche geschützt oder nicht geschützt, mir ganz egal, aber wenn mit unseren Gefühlen und Werten argumentiert wird, dann frage ich mich einfach, wo und wann die zählen.

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      • Ja, aber das ist doch klar. Unsere Gefühle und Werte zählen immer dann, wenn es politisch oder kommerzielle von Nutzen ist. Ich gerate aber selbst auch immer öfter an den Punkt, an dem für mich zählt, was mir in den Kram passt. Und dass nach jedem kassenfüllenden Film sich die Kaufhausregale mit Tassen, Federmäppchen, T-Shirts, Kochschürzen, Sofakissen und was weiß ich mit dem Filmtitel und Filmmotiven füllen, geht mir total auf den Keks – sogar dann, wenn mir der Film gefallen hat.

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      • Wer ist Rosamunde Pilcher? – Nee, mit mir ist gerade der Opportunismus durchgegangen. Ich finde das Gerichtsurteil gut, weil ich absolut keinen Bock habe, auf Monate hinaus bei jedem Einkaufsbummel gefühlte 487 mal „Fack ju Göhte“ zu lesen.

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  2. Im Studium habe ich mein Lieblingsgedicht von J.W.v.Goethe auswendig gelernt. Später lernte ich sogar die Goethe-Uni kennen, den schönen neuen Campus auch. Hier aber aus meiner Erinnerung einen Teil vom memorierten Gedicht:

    Im spielenden Bache
    da lieg ich wie helle
    verbreite die Arme
    der kommenden Welle – – –
    und spielerisch drückt sie die:
    die sehnende Brust
    Da führet mich Leichtsinn
    im Strome darnieder
    schon naht sich die zweite
    und streichelt mich wieder:
    dafühl ich die Freuden
    der wechselnden Lust

    Heute würde dieses Gedicht wohl verboten wie gerade
    Eugen Gomringers schöne Poesie: als Sex&Drugs&RocknRoll.
    Von den Illiteraten. Fack!

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  3. Der Titel würde mich nicht vor den Kopf stoßen,
    höchstens die Dumpfheit des Drehbuchs. Für
    solche Filme Geld auszugeben, wäre schade.
    Insofern schießt das Gericht wohl übers Ziel
    hinaus, denn der Streifen ist mir völlig egal ! 😛

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