Das letterdook der Everdiena Bielefeld

Foto: Manfred Voita

Manche Familien besitzen Ländereien, Fabriken, Häuser, Aktien, Goldbarren, Schmuck, Gemälde und vererben das alles natürlich an ihre Nachkommen. Wir besitzen ein Letterdook. Man kann es schön finden, man muss nicht. Es ist aber inzwischen gleich mehrfach Teil der Familiengeschichte meiner Frau, also ist es, falls es nicht schön sein sollte, immerhin ein Gegenstand, über den man sich unterhält und das seit mittlerweile 117 Jahren.

Im Jahre 1901 wurde das Letterdook von Everdiena Bielefeld, der Großmutter meiner Frau, in Heesterkante gestickt.  Everdiena Bielefeld wurde am 11.03.1887 geboren, war also 14 Jahre alt, als sie das Tuch anfertigte.

Das Tuch erzählt uns etwas über ihre Familie, die Familie erzählt uns aber noch mehr über das Tuch.

Everdiena, die ich nicht mehr kennenlernen durfte, sie starb ein Jahr, bevor ich meiner Frau begegnete, hatte frühzeitig beschlossen, das Tuch ihrer Enkelin, eben meiner Frau, zu hinterlassen. Everdiena Bielefeld war eine schmale kleine Frau, die einer stattlichen Zahl Kinder das Leben schenkte, ein hartes, von ihrem strengen calvinistischen Glauben geprägtes bäuerliches Leben im deutsch-niederländischen Grenzgebiet führte.

Unbekannter Fotograf

In den sechziger Jahren, vielleicht auch noch später, zogen niederländische Händler durch die Dörfer und kauften dort, was die Bauern ohnehin nicht mehr wertschätzten.

Schwere, alte Möbel, Bauernmöbel eben, Krüge, alles, was alt war und weg konnte. Ich erinnere mich daran, dass meine Schwiegermutter keine Antiquitäten in ihrem Haus haben wollte, weil sie nicht an die „gute“ alte Zeit erinnert werden wollte, weil die gute alte Zeit eine oft schlechte alte Zeit gewesen war, in der Menschen jung starben, in der es Kriege gab, in der Freiheit nie mehr als Religionsfreiheit gewesen war.

So wurde das Letterdook verkauft. Das sagt niemand in der Familie, das weiß aber jeder. Tatsache ist, dass es 1979 im Jahrbuch des Heimatvereins der Grafschaft Bentheim abgebildet wurde. Ein Lehrer aus Neuenhaus hatte es in Weerselo auf einem Flohmarkt gekauft und an eine Sammlerin weiterverkauft. Diese Sammlerin ließ dass mittlerweile nicht mehr gute Stück wieder herrichten. Wie kunstfertig diese Restaurierung ausfiel, kann ich nicht beurteilen, aber immerhin hat das Tuch nun fast weitere vierzig Jahre überstanden. Zwei Töchter der Everdiena Bielefeld legten zusammen und kauften das Tuch, das nun als Erbstück an meine Frau gefallen ist.

Was das Letterdook erzählt und was ein Letterdook überhaupt ist, das wird erst im nächsten Beitrag verraten.

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7 Gedanken zu “Das letterdook der Everdiena Bielefeld

  1. Gespannt bin ich auch. Um dieses Erbstück würde mancher Euch beneiden. Eine meiner Töchter ist ganz versessen auf familiäre Erinnerungsstücke. Noch heute hat sie keine Hemmungen, bei jedem ihrer Besuche die eine oder andere Schublade zu durchkramen, um mir vielleicht etwas abzuschwatzen. Sie tut das ohne jeden Arg. Mir zeigt es eigentlich, dass sie auch hier immer noch zu Hause ist. Ich dagegen käme nie auf die Idee, in Schubladen nach etwas zu suchen (außer nach dem verflixten Küchenthermometer, um die Temperatur des Fläschchens fürs Kind zu prüfen). .

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    • Ja, solche Erbstücke stellen natürlich eine Verbindung über die Zeit zu einer bestimmten Person her, über die man sonst wenig mehr weiß, als dass sie z. B. eine der Urgroßmütter meiner Töchter war. Geburts- und Sterbedaten, vielleicht noch ein paar Fotos. Mit dem Letterdoek ist sie im Haus präsent, ihr Name gehört zu unserem Alltag, weil wir ständig an dem Bild vorbeigehen.

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  2. Wie schön, dass das verkaufte Letterdook (Buchstabentuch?) wieder zurück in die Familie gefunden hat, und dass sich sein Weg verfolgen lässt. Bin gespannt zu lesen, was die einzelnen Buchstaben bedeuten. (Nebenbei: Gibt es eine Kultur des Letterdooks, gabe es Vorschriften, wie es zu sticken wäre oder ist es eine originäre Erfindung der Everdiena Bielefeld?)

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