Maarten `t Hart

Mit Bedauern wurde mir bewusst, dass ich nur noch wenige Seiten der Kurzgeschichtensammlung von Maarten `t Hart zu lesen hatte. Jeder, der gern liest, kennt das wohl. Ein Buch geht zu Ende und man muss man Abschied nehmen von einer Welt, die immer vertrauter wurde. Kurzgeschichten verursachen dieses Gefühl gewöhnlich nicht in so starkem Maße, aber „De moeder van Ikabod“ ist sehr autobiografisch geprägt, so dass jeder, der nicht nur „Das Wüten der ganzen Welt“ gelesen hat, in eine bekannte Gedankenwelt eintritt.

Typisch für diesen Autor ist ein meist humorvoller, angenehm selbstironischer, aber auch eigensinniger Blick auf das moderne Leben, auf die Niederlande, aber auch auf den Literaturbetrieb, den Maarten `t Hart mit bösem Spott begegnet.

Kurt Vonnegut hat mit 75 seinen letzten Roman verfasst, der eigentlich auch nicht mehr so recht funktioniert hat. Wie lange schreibt Maarten `t Hart noch, frage ich mich und schaue in seine Biografie. Jahrgang 1944. Vor kurzem habe ich noch ein sehr resigniert wirkendes Interview mit ihm gelesen. Sein Garten verwildert, seine Gesundheit angeschlagen. Und „De moeder von Ikabod“ berichtet aus den letzten Jahrzehnten, von einem Schwedenbesuch Mitte der achtziger Jahre zum Beispiel.

Notiz an mich selbst: Es gibt einen guten Grund, noch mal ganz von vorn anzufangen und sein gesamten Werk erneut zu lesen. Na, stimmt nicht ganz, ich habe nicht alles von ihm, schon überhaupt nicht seine naturwissenschaftlichen Veröffentlichungen. Der Mann ist Biologe. Aber er ist auch ein großer Musikliebhaber. Einschränkung: Liebhaber der klassischen Musik. Bach und Mozart sind seine Helden und seine Romane und Erzählungen enthalten ständig Verweise auf ganz bestimmte Stücke.

Damals, beim ersten Lesen, hatte ich die Musik nicht im Regal. Heute ist das anders. Also so anders auch nicht, einiges habe ich im Regal, aber weil fast alles online verfügbar ist, kann ich während das Lesen einfach unterbrechen, um mir anzuhören, was Marten so beeindruckt hat. Es gibt ein paar Autoren, vermutlich sogar viele, die so gearbeitet haben. Ian Rankin machte das in seinen Inspektor Rebus Krimis auch. Maarten `t Hart würde sowohl die Krimis als auch die Musik, die Rankin seinen Ermittler hören lässt, verabscheuen.

Eins noch: Marten `t Hart ist ein vom strengen niederländischen Calvinismus geprägter Mann, der sich früh von der Kirche und der Religion losgesagt hat und sich oft mit Feuereifer mit biblischen Widersprüchen und kirchlichen Merkwürdigkeiten beschäftigt hat, der aber genau davon auch sehr profitiert hat, weil seine frühen Bücher in der calvinistischen Welt seiner Kindheit spielen. Manches von dem, was da erzählt wurde, wirkt heute urkomisch, war aber für lange Zeit zum Teil bittere Realität. Leider ist immer noch nicht alles übersetzt, aber „Das Pferd, das den Bussard jagte“, eine Sammlung kürzerer Texte, ist ein guter Anfang

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15 Gedanken zu “Maarten `t Hart

    • Vor Jahren habe ich ihn in Münster gehört, da hat er gelesen und ein Prof der Musikhochschule hat Orgel gespielt. Eine Veranstaltung des Niederländischen Seminars, die sie eigentlich in ihren eigenen Räumen machen wollten, bis ihnen aufging, das Maarten `t Hart in Deutschland kein Unbekannter mehr war.

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  1. Ein schöner Literatur-Tipp. Danke!
    Meine Leseliste wird lang und länger, meinem Konto wird bang und bänger.
    Persönliche Anmerkung: Mir gehen Kurzgeschichten oft viel länger nach als Romane. Wenn sie gut sind, graben sie sich für immer in mein Gedächtnis.

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    • Dann verschlimmert Maarten `t Hart das Problem, weil er oft selbst Literaturtipps gibt, seine Lieblingsbücher nennt (Bölls Brot der frühen Jahre zum Beispiel, aber auch englische oder schwedische Autoren) und außerdem natürlich reichlich Musik anspricht.

      Gefällt 2 Personen

      • Oje, mein Alptraum! Das meine ich natürlich in dem Sinne, dass ich, wenn ich einen Text mag, darin enthaltenen Literaturempfehlungen kaum widerstehen kann. Wir hatte das Thema kürzlich im Kontext „sympathischer Rezensent“. Man kauft oft Bücher, weil man die Rezension mit Vergnügen gelesen hat.

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  2. Es spricht ja nichts dagegen, sich ein Werk nochmals zu erschließen. Man ist ja inzwischen ein anderer, hat sich entwickelt und versteht vieles anders als beim ersten Lesen. Meine Vergesslichkeit macht es mir einfach, Wiederlesen ist für mich meistens wie neu lesen. Im Fall von Maarten `t Hart und dir wäre eine Möglichkeit, im niederländischen Original zu lesen.

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