Lichtsicht in Bad Rothenfelde

Gradierwerk (1)

Bad Rothenfelde ist ein Kurort, der südlich von Osnabrück gerade noch in Niedersachsen liegt. Über Kurorte kann man vermutlich alles Mögliche erzählen, von Kurschatten und Fango und Tango, von Bäderärzten und Kurkliniken. Ich bin da völlig ahnungslos, habe nur gehört, dass es eine Krise der deutschen Kurorte gab, vielleicht auch noch gibt, weil Kuren nicht mehr so leicht bewilligt werden. Eigentlich kenne ich auch nur Menschen, die zur Reha fahren, niemanden, der eine Kur macht, wie das einst mein Vater noch getan hat. Oder hieß das damals nur Kur und heißt heute Reha? Egal.

Bad Rothenfelde, das auf mich nicht gerade einen betriebsamen Eindruck macht, was ein Kurort vielleicht auch nicht machen sollte, verfügt über eine bemerkenswerte Besonderheit, eine, die man allerdings nur alle zwei Jahre und dann auch nur in der dunklen Jahreszeit bestaunen kann: Eine Biennale, die unter dem Namen Lichtsicht internationalen Künstlern Projektionsflächen für ihre Projektionen bietet.

Und das geht so: Im Kurbereich des Ortes stehen das alte und das neue Gradierwerk. Das sind hohe hölzerne Konstruktionen, die mit Schwarzdorn vollgesteckt werden und über die Salzwasser läuft und verdunstet. Deshalb ist es durchaus gesund, die Gradierwerke entlang zu spazieren und die salzhaltige Luft einzuatmen. Raum genug ist dafür vorhanden, denn das alte Gradierwerk ist 420 Meter lang. Diese langen und hohen Flächen werden alle zwei Jahre zur Projektionsfläche, auf denen mit Hilfe diverser Projektoren Filme und andere Lichtkunstwerke gezeigt werden.

Gradierwerk (2)

2016 und 2018 haben wir uns die Lichtsicht angesehen, die jetzt noch bis zum 28.01.2018 stattfindet.

An einem Dienstagabend waren nicht gerade viele Menschen unterwegs. Es war kalt und es war dunkel. Kalt war jetzt nicht so schön, aber die dunkle Nacht trug dazu bei, dass die gezeigten Werke besonders gut zur Geltung kamen. Einige verfügen auch über Ton, also Musik oder Geräuscheffekte.

Die Wirkung ist nur schwer zu beschreiben. In Teilen wirkt es auf mich so, als würde ich an einer endlos langen Leinwand vorbeigehen, auf der ein Film läuft, der mir rätselhaft bleibt, weil ich immer nur Teile der Geschichte verfolgen kann, selbst wenn ich stehenbleibe, denn dann passiert wieder weiter vorn oder weiter hinten etwas, das sich meinem Blick entzieht. Macht aber nichts, es gibt ja auch Führungen, die etwas zu diesen Werken erklären.

Durch die Projektion auf die Schwarzdornflächen, die durch die ständige Berieselung wie von Eiskristallen überzogen aussehen, ergibt sich ein grobkörniges Bild, eine ganz eigene Struktur.

Gradierwerk (3)

Neben den Gradierwerken gibt es auch noch drei andere Lichtinstallationen im Ort. Einmal ein Gebäude, das unter großem akustischen Aufwand in seine einzelnen Steine zerlegt zu werden scheint, einen See, in dem ein PKW zu versinken droht, dessen auf die Scheiben projizierten Insassen um ihr Leben kämpfen und eine Wasserfontäne, auf der nacheinander drei verschiedene Projektionen gezeigt werden. Einmal sind es Porträtfotos, dann ein explosives Farbspektakel

Fotos: Manfred Voita

und schließlich der Waterdancer. Bei dieser Projektion wird zu Musik ein Tänzer in die Fontäne projiziert, der mal mehr, mal weniger deutlich in den Wassermassen zu erkennen ist und offensichtlich zu den Publikumsfavoriten gehört.

Fotos können zum einen wegen der Dimensionen der Originale, zum anderen aber wegen der fehlenden Bewegung nur andeuten, was da in Bad Rothenfelde zu sehen ist.

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12 Gedanken zu “Lichtsicht in Bad Rothenfelde

  1. Du präsentierst immer wieder Dinge, von denen ich noch nie gehört hatte, jetzt also Gradierwerke. Diese erstaunlichen Konstruktionen sind schon bei Tag beeindruckend, wie ich jetzt bei Wikipedia gesehen habe, als Projektionsfläche für Lichtspiele etwas ganz Besonderes. Vielen Dank fürs Zeigen.

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    • Salz war wichtig, also musste, wo immer es möglich war, Salz gewonnen werden. Nicht überall ging das mit Meersalz oder Steinsalz. Gradierwerke und Salinen waren dann ein Weg, aus salzhaltigem Wasser Salz zu gewinnen. Ich bin auch erst in Rheine darauf gestoßen, als wir bei einem Spaziergang zufällig vor einem Gradierwerk standen. Jetzt schätze ich die feuchte, an die See erinnernde Luft rund um das Gradierwerk.

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  2. An diesem alten Gradierwerk bin ich als 6- oder 7jähriger vorbeigelaufen, um die salzige Luft zu tanken. Damals – das ist ja fast 100 Jahre her – gab es noch keine Lichtspiel. Aber trotzdem sind sie mir im Gedächtnis geblieben. Ich war dort zu „Erholungsverschickung“ – gibt es so etwas noch? Zu klein und zu dünn geraten, sollte ich mich dort kräftigen. Danke für die Erinnerungsauffrischung!

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  3. Auch meinerseits mal wieder: Chapeau! Du präsentierst hier wirklich immer wieder sehr Interessantes.
    Ob die Reha heute die Kur ersetzt habe ich mich auch schon mal gefragt, denke aber doch, da ist ein Unterschied – schon von der Idee her. In der Reha soll die Arbeitsfähigkeit (oder bei alten Menschen die Fähigkeit, sich selbst zu versorgen) nach einer OP oder einer schweren Krankheit WIEDERHERGESTELLT werden. Die Kur (jedenfalls die von der Bundesversicherungsanstalt bezahlte) dient der ERHALTUNG der Arbeitskraft. Zur Reha war ich umständehalber schon, zur Kur nie. Man munkelte damals, um eine Kur genehmigt zu bekommen, müsse man unbedingt oft genug seinen Arzt aufsuchen und über Erschöpfung, Nervosität und was weiß ich noch klagen.
    Davon abgesehen, dass der Mensch ohne Salz nicht leben könnte, ist Salz als Küchenzutat auch sehr in Mode gekommen, und die einschlägigen Geschäfte bieten unendlich viele Sorten aus den verschiedensten Teilen der Welt an. Ich lese gerade einen Krimi, der in den Salzgärten auf der Guérande-Halbinsel spielt.

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