Bach, Husten und Böller

Wie rettet man sich ins neue Jahr, wenn man mit Alkohol, Raketen und Kabarett durch ist? Selbst Dario Fa läuft nicht mehr im Theater. Was also dann? Einige Hundert Menschen in Münster haben einen Plan!

In der Apostelkirche in Münster findet das 29. Orgelkonzert in der Silvesternacht statt. Der Kantor Klaus Vetter stellt wie immer ein abwechslungsreiches Programm zusammen, das eine Stunde dauert und um 23 Uhr beendet ist. Ausverkauft. Eine akute Erkältungskrankheit stellt kein Hindernis für den Konzertbesuch dar, sondern gehört eher zu den Vergabekriterien für die Karten. Aber wenn stören Hustenattacken, wenn vor der Tür schon mal die Generalprobe für das Jahresabschlussfeuerwerk stattfindet?

Ein wenig irdisches Jammertal muss wohl sein, auch wenn an diesem Abend nicht gebetet oder gepredigt wird: Es ist kalt in der Kirche. Das ist vermutlich eine protestantische Grundbedingung dafür, dass neben geistlichen Werken auch muntere bis witzige Werke auf dem Programm stehen.

Ich kenne mich mit Orgelmusik aus. Also ich erkenne sie sofort, wenn ich sie höre. Als Orgelmusik, jetzt nicht gleich den Komponisten.

Auf Bach kann man immer mal tippen. Bei zwei von fünf Titeln passte das auch diesmal, keine schlechte Quote. Damit habe ich mich hoffentlich hinreichend disqualifiziert, um hier jetzt einfach drauflos schreiben zu können.

„Komm süßer Tod“, natürlich von Johann Sebastian Bach, spielt Klaus Vetter in einer Bearbeitung von Virgil Fox, die Vetter für die Orgel der Apostelkirche umschreiben musste, weil… und schon sind wir am Thema, darüber will ich nämlich erzählen… es in Amerika Orgeln gibt, die ein paar Nummern größer sind.

Nun habe ich als Kind Autoquartett gespielt, hätte vermutlich auf ein Orgelquartett auch keine Lust gehabt, aber es gibt ein paar Daten, die sich immerhin vergleichen lassen. Die Orgel des Doms in Münster hat zum Beispiel 74 Register und 5.889 Pfeifen und die ist für meinen Geschmack schon ganz schön groß. Die weltgrößte spielbare Orgel, Wanamaker Grand Court Organ, steht in Philadelphia. Selbstverständlich nicht in einem Dom oder einer Konzerthalle, sondern im Innenhof eines  Macy’s-Kaufhauses. 374 Register (+17 Extensionen, +16 Transmissionen), 463 Pfeifenreihen, 28.522 Pfeifen. Über 5.889 Pfeifen verfügt, wie gesagt, der Dom zu Münster.

Und was macht man mit so einer Überorgel? Genau, man begleitet das Shoppingvergnügen mit Livemusik. Natürlich nicht nur. Es wird auch richtig gespielt, also vor Publikum, dass sich nicht gleichzeitig zwischen zwei Frittensoßen entscheiden muss. Ich mag meinen Bach strenger, nicht so romantisch, wie die Wanamaker-Orgel ihn anbietet.

Die bescheidenere Orgel der Apostelkirche klang für meine jazz- und rockgeschulten Ohren jedenfalls genau richtig.

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19 Gedanken zu “Bach, Husten und Böller

  1. Hallo Wolfgang,
    falls Du noch Platz für gute Wünsche zum neuen Jahr hast:
    hier sind welche: Glück, Gesundheit und weiterhin viele gute Einfälle zum Aufschreiben!
    KIrchenorgeln bringen mich immer wieder zum Staunen: nicht nur von ihrem gewltigschönen Klang her, sondern auch die handgemachte Technik. In meinem Beruf musste ich oft den Versicherungswert von Kirchenorgeln mithilfe von Experten schätzen lassen, denn schon ein einziger Sturm, der ein Kirchendach aufreisst und Regen in die Orgel rinnen lässt, kann sehr teuer werden. So kam ich häufig in den Genuss, diese wunderschönen Instrumente mit Respekt aus der Nähe zu betrachten.
    Viele Grüße!
    Lo

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    • Den Wolfgang zu Beginn deines Kommentars nehme ich mal so hin. Seltsamerweise passiert mir das sehr oft. Ich scheine etwas Wolfganghaftes auszustrahlen.
      Danke für deine guten Wünsche. Ja, Kirchenorgeln sind immer wieder sehr eindrucksvoll. An dieser Stelle bietet sich dann auch noch einmal die Verbindung zu Ostfriesland an, denn dort in der Krummhörn sind sehr viele sehr alte Orgeln erhalten geblieben. Schlicht deshalb, weil die Gegend einmal so wohlhabend war, dass man sich schöne Orgeln leisten konnte, dann aber so arm wurde, dass man mit den alten Orgeln weiterleben musste.

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      • Ach Du liebe Güte!
        Lieber Manfred, ich weiss gar nicht, wie ich auf Wolfgang gekommen bin. 😦
        Betrunken war ich nicht.
        Ich muss Dich wohl schlicht mit Goethe verwechselt haben.
        Wie biege ich das nur wieder hin?
        Ich zitiere einen meiner Lieblingssätze aus dem „Haus von Montevideo“ von Curt Götz:
        „Ich sehe ein, dass ich eine Strafe verdient habe und bitte um eine gehörige solche!“
        😉
        Ein anderer Satz daraus: „Lohengrin popelt“

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      • Wenn das strafwürdig wäre… Im Alltag erlebe ich es ständig, dass mein Nachname variiert wird, fast so, als sei er ein Thema, über das man improvisieren kann. Von Freitag bis Folter bin ich schon alles gewöhnt.
        Was den Vornamen betrifft, früher hatte wir Nachbarn rechts und links neben uns wohnen, die beide Wolfgang hießen. Selbstverständlich wurde also angenommen, dass ich auch nur so heißen könnte. Ich bin also fast ein Wolfgang h. c.

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    • Die Apostelkirche war ursprünglich ja die Kirche der Minderbrüder, also der Minoriten. Dieser Orden hat während der großen Pest im Jahre 1382 in der Stadt ausgeharrt und getan, was ein Orden tun konnte, während alle anderen Geistlichen sich aus dem Staub gemacht hatten. Konsequenterweise wurde dann natürlich diese Kirche Angang des 19. Jahrhunderts an die Evangelischen übergeben. Strafe muß sein, man kann ja nicht so unsolidarisch gegenüber der eigenen Klicke sein und dann erwarten, seine Kirche behalten zu dürfen, nur weil viele Minoriten 1382 ihr Leben ließen.

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      • Auch nach dem 2. WK war die Kirche erste Hilfe der Stadtbevölkerung. Bei der großen Barlachaustellung war ich dort öfters Auskunft und Aufsicht. Letztes Jahr prunkte sie mit einer Luther Statue, die zum Theater hinguckte.

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  2. Deine Ansätze zu einem Orgelquartett, finde ich faszinierend, obwohl ich mir den Klang der weltgrößten spielbaren Orgel nicht wirklich vorstellen kann. Sie stünde für mich auch am falschen Ort. Das alte Jahr mit brausenden Orgelklängen zu verabschieden, hat jedenfalls Stil.

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  3. Wehe einer verhunzt mir meinen Bach.
    Je einfacher und werkgerechter, desto
    besser. Alles andere geht gar nicht… 😉

    Ich war Sylvester zu Hause.
    Ausgehen kann ich das ganze Jahr.
    Einfach zu viele Durchgeknallte
    unterwegs in dieser Nacht… 😀
    Und mein feines Gehör
    verträgt diese Knallerei nicht!

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      • Aber wirklich, wenn Du die Bilder aus Berlin siehst – das ist nicht mehr normal. Hier wurde extrem viel geballert, aber ich wohne etwas von der Haupttraße weg in einem kleine Stichsträßchen, da verirrt sich niemand rein – zum Glück. In der City wars wohl auch ziemlich heftig… 🙄

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