Feuerlichkeiten (2)

von Rainer Halama (Eigenes Werk) [CC BY-SA 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)%5D, via Wikimedia Commons

zu Teil 1

Teil 2 und Schluß

Weil es vielleicht keine Alternative gab, weil es vielleicht nur ein einziges Fernsehprogramm gab?

Der Kirchgang bildete die nächste Etappe auf dem Weg zur ersehnten Bescherung.  Der religiösen Dimension des Festgottesdienstes will ich gar nicht weiter nachspüren, zumal ich mich an keines der gesprochenen Worte erinnern kann. Dafür  weiß ich noch genau, dass gleich links an der Eingangstür um Spenden für die armen Negerkinder gebeten wurde. Auf dem Kästchen, in das die Spendengroschen fielen, saß ein „Mohrenkind“ – Nickneger genannt – und neigte bei jedem Münzeinwurf das lockige Köpfchen.

Die Kirche war voll, eng und warm. Vorn standen der Pfarrer und der Weihnachtsbaum. Mit Hilfe eines langen Stabes, an dessen Spitze wohl ebenfalls eine Kerze brannte,  entzündete der Küster die Kerzen an diesem hohen Baum, dann konnte der feierliche Teil beginnen. Der erhabene Klang der Orgel, der einstimmende Chor, der etwas schleppende, aber wuchtige Gesang der Gemeinde und die triumphierenden Blechbläser: Diesem geballten Gefühlsangriff weihnachtlicher Stimmungsmusik konnte wohl niemand standhalten. Irgendwann aber steuerte die Liturgie auf die Predigt hin, es wurde leiser, schließlich stand der Pfarrer auf der Kanzel und sagte, was von ihm erwartet wurde, während meine Gedanken zunächst abdrifteten.

Säulen, Balken, Fenster wurden gezählt, die Quersumme der Nummern der angeschlagenen Gesänge gebildet, bis mein Blick am Weihnachtsbaum hängen blieb. Immer, egal in welchem Jahr oder in welcher Kirche, gab es eine Kerze, die viel kürzer war, die viel schräger hing als alle anderen und deren Flamme bedrohlich nach dem nächstbesten Zweig leckte. Sofort war es um meine Konzentration geschehen, ich konnte keine zwei Zahlen mehr addieren, keiner Linie an der Seitenwand von der Sakristei bis zum Schlussstein folgen. Jemand musste diese Kerze im Auge behalten und da ich schlecht nachfragen konnte, ob das schon jemand tat, musste ich wohl dieser jemand sein.

Der Höhepunkt des Gottesdienstes näherte sich, die Lichter verloschen, bis auf die Kerzen am Weihnachtsbaum natürlich, und stehend sang die Gemeinde das „Oh du fröhliche“. Wenn jetzt der trockene Baum Feuer finge und fast im gleichen Moment auflodernd und brennend in die Menge stürzte, wären die Menschen, geblendet von den Flammen durch die schwarze Finsternis der Kirche irrend, rettungslos verloren und ich, der ich das Unglück zwar kommen sah, hätte nicht einmal mit einem gellenden „Es brennt, es brennt!“ kaum die majestätischen Klänge des beliebten Weihnachtslieds übertönen können. Und selbst wenn man mich zwischen zwei Strophen bemerkt hätte, welche Panik wäre ausgebrochen! Kleinkinder niedertretend, Greise zur Seite stoßend und werdende Mütter zurück in das bereits aufflammende Gestühl drückend, hätte sich der Mob zum Hauptportal gedrängt. Doch durfte ich wegschauen, auch wenn meine Aufmerksamkeit vielleicht vergeblich sein würde? Niemals!

Man kann sich meine Erschöpfung vorstellen, wenn ich nach einer solchen herkulischen Anstrengung nach Hause gewankt war. Gerade noch hatte auf meinen Schultern die Sicherheit von hunderten von Menschen gelastet, nun harrte ich vor der Wohnzimmertür auf das Klingeln des Christkinds. Stunden später, so scheint es im Rückblick, war es dann so weit: Die Tür öffnete sich und gab den Blick frei auf liebevoll verpackte Geschenke, großzügig gefüllte bunte Teller und den festlich geschmückten Baum, auf dem – natürlich – echte Kerzen brannten. Eine von ihnen, die oben links, neigte sich bereits verdächtig.

4 Gedanken zu “Feuerlichkeiten (2)

  1. Pingback: Feuerlichkeiten (1) | Manfred Voita

    • Danke. Kinder sehen und erleben das, ohne die Worte dafür zu finden und wenn wir alt genug sind, um die Worte zu finden, ist uns oft genug das kindliche Fühlen, die Erinnerung an diese Kindheitserfahrungen abhanden gekommen. Was kaum besser ist, oft genug sind die Erinnerungen so verklärt, dass für die Ängste und Sorgen kein Raum mehr ist.

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      • Das stimmt. Manchmal ertappt man sich dabei, dass man an kindliche Erfahrungen denkt, sie als schön empfindet und nur noch leise ahnt, dass da längst nicht alles schön und friedlich war. Ich hatte eine wirklich gute Kindheit, aber die vielen Ängste die ich als Grundschulkind hatte, die würde ich heute nicht noch einmal wollen.

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