Feuerlichkeiten (1)

Von Alexander Sharp, Illustrator. – The Project Gutenberg., Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3206208

Da war nur ein Haus, dieses kleine Haus, gleich neben einer mächtigen schneebedeckten Tanne. Erste Zeilen, Bruchstücke von Liedern und Gedichten fielen mir ein.

„Von drauß vom Walde komm ich her…“.

Es schien Licht in dem Häuschen zu brennen,

„Still erleuchtet jedes Haus…“

Schnee, nun, was konnte der Schnee schon tun? Er rieselte natürlich leise. Doch es blieb nicht bei

„Scheeflöckchen, Weißröckchen“,

denn es begann stärker zu schneien, immer stärker, endlich tobte ein wahrer Schneesturm und das kleine Haus mit den heimelig erleuchteten Fenstern, gerade noch zum Greifen nahe, war kaum noch zu sehen und auch der Weihnachtsmann, der mit seinem Schlitten oben am Himmel seine Bahn zog, verschwand in den wirbelnden weißen Massen. Einen Moment noch schaute ich hin, dann stellte ich die Schneekugel wieder ins Regal.

„Winter ade…“

Apropos Weihnachtslieder: Ist es eine Art Naturgesetz, dass man immer nur eine Strophe, einen Vers kennt – oder geht das nur mir so? Zum Beispiel:

„Morgen kommt der Weihnachtsmann, kommt mit seinen Gaben.“

Also schaute ich mal nach und wie ging es weiter?

„Trommel, Pfeife und Gewehr,
Fahn und Säbel und noch mehr,
Ja ein ganzes Kriegesheer
Möcht’ ich gerne haben.“

Na, dann war es ja vielleicht doch besser, nur die erste Zeile zu kennen. Aber abgesehen vom Singen und Auswendig lernen: Welche Mühe sich Eltern doch geben, Weihnachten für ihre Kinder – und natürlich auch für sich, vielleicht sogar vor allem für sich – zu einem Erlebnis, einem möglichst unvergesslichen Erlebnis werden zu lassen! Was mich betrifft, so kann ich bestätigen, dass die Mühe sich ausgezahlt hat. Zu fünfzig Prozent zumindest, denn was meine eigenen Bestrebungen als Vater angeht, mag ich das nicht beurteilen, aber für meine Kindheit kann ich nur aus vollem Herzen, nein, besser aus beschwerter Seele sagen: Ja, die Weihnacht meiner Kinderjahre wird mir unvergesslich bleiben.

Die Weihnacht, weil in der Rückschau die Feste ineinander fließen, miteinander verschmelzen, zu einer Gesamtweihnacht werden, einem einzigen Fest, einem Potpourri aus Wunschzetteln, Weihnachtsbaumkäufen, Plätzchenbacken in einer überheizten Küche, Schnee, Strohsterne basteln, Glanzpapier falten und Theateraufführungen im Stadttheater. Und alles kulminierte schließlich am Heiligen Abend.

„Wir warten aufs Christkind“ hieß die Fernsehsendung, mit der man uns Kindern die Zeit bis zum frühen Abend vertreiben wollte. Eine Sendung, die regelmäßig so langweilig war, dass sie die Zeit eher zu dehnen als abzukürzen schien. Frauen, die sich von wohlerzogenen Fernsehkindern mit Tante anreden ließen, an bayerischen Kachelöfen saßen und Hausmusik mit Blockflöten und Gitarren präsentierten. Heute heißt das volkstümliche Musik und läuft im Musikantenstadel um 20.15 Uhr, nach der Tagesschau, also dann, wenn die Kinder im Bett sein sollten – und das zu recht! Warum wir damals nicht umschalteten?

Teil 2

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3 Gedanken zu “Feuerlichkeiten (1)

  1. Nicht nur du, kennst nur die ersten Zeilen. Auch nach über 35 Jahren bewusst erlebte Christmette, murmle ich bei Stille Nacht nach der ersten Strophe nur leise mit. Ganz zu schweigen von anderen Liedern.
    Schöne Erinnerungen, die heute wunderbar auf mein Sofa passen.

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  2. Pingback: Feuerlichkeiten (2) | Manfred Voita

  3. „Verschmolzen zu Gesamtweihnachten“ ist gut gesagt. Manche Erinnerung steht sozuzsagen exemplarisch für alle Feste. Wie du weiß ich nicht, welche Erfahrungen für die Kinder von Belang waren. Manchmal erzählt eines davon, und ich bin jedesmal erstaunt, weil ich just dies überhaupt nicht mehr weiß.

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