Julian Barnes

Chislehurst, Royal Parade By Ian Capper, CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=14285386

Ich habe mal wieder ein Hörbuch gehört. Das stimmt so nicht, ich höre fast täglich im Zug und auf dem Bahnsteig und auf dem Weg vom Bahnsteig in die Schule und von der Schule zum Bahnhof und auf dem Fahrrad vom Bahnhof nach Hause meine Hörbücher. Auf dem Fahrrad höre ich selbstverständlich ordnungsgemäß nur mit einem Ohr hin. Gehört habe ich unter anderem Sunset Park von Paul Auster, die Pfaueninsel von Thomas Hetche, In Zeiten des abnehmenden Lichts von Eugen Ruge und jetzt gerade Julian Barnes: Vom Ende einer Geschichte, gelesen von Manfred Zapatka.

Es ist nicht so, dass ich in der Stadtbücherei nur in der Kiste mit den Empfehlungen von Denis Scheck wühle, unsere Stadtbücherei ist einfach klein und da lässt es sich nicht vermeiden, dass man auch mal ein ordentliches Stück Literatur mit nach Hause nimmt. Es befinden sich auch Hörbücher aus den Kategorien Angst & Schrecken, Wut & Blut und Adel, Lust & Liebe im Angebot. Und ich will nicht verschweigen, dass ich nach Lust & Laune auch in diesen Kategorien wühle.

Zurück zu Julian Barnes. Vor Jahren habe ich schon etwas von ihm gelesen, auch zwei der Krimis, die er unter dem Pseudonym Dan Kavanagh geschrieben hat, danach habe ich ihn, obwohl mir seine Texte gefallen haben, einfach übersehen. Bis die Stadtbücherei ihn mir präsentierte, naja, nicht direkt präsentierte, sondern in einem Stapel komplett unannehmbarer anderer Werke platzierte hatte.

Ich ging also mit durchaus positiven Erwartungen an das Hörbuch heran und wurde nicht enttäuscht. Manfred Zapatka musste ich googeln. Wieder einmal ein bekanntes Gesicht, ein inzwischen älterer Herr, der den älteren Herren Tony Webster liest. Mit einer manchmal brüchigen Stimme, in einem angenehmen Tempo und völlig unaufgeregt. Es ist eine unaufgeregte Geschichte,  die Julian Barnes uns erzählt, eine Geschichte der Jugend und des Älter- und Altwerdens. Eine Geschichte, die sich mit der eigenen Geschichte und dem, was unser Gedächtnis daraus macht, befasst, ja, die davon lebt, wie wenig unsere Erinnerung und unser Selbstbild oft mit dem gemein hat, was tatsächlich einmal war.

Wir erleben Tony Webster als Schüler und Studenten und dann Jahrzehnte später, nach seiner Scheidung, konfrontiert mit seiner Jugendliebe und dem Tagebuch eines früh verstorbenen besten Freundes. Es ist eine englische Geschichte und manches davon ist sicher auch typisch englisch, das meiste allerdings ist typisch menschlich.

Es ist ein kluges Buch, das auch mit den Erfahrungen der Generation arbeitet, die in den sechziger Jahren aufwuchs. Sinngemäß sagt Tony Webster an einer Stelle, dass die Sechziger eben nicht überall die Sechziger waren und je nachdem, wo man lebte, sich genauso anfühlten wie die vierziger oder fünfziger Jahre.

Wir Leser bauen, wenn ein Roman funktioniert, eine positive Beziehung zur Hauptperson auf und ich frage mich gerade, was mir an Tony Webster gefallen hat. Vielleicht ist es einfach nur seine Bereitschaft, sich zu erinnern, die Lücken und Fehler in seiner Erinnerung so gut es geht mit Wahrheit zu füllen und die Verantwortung für seinen Teil der Geschichte zu übernehmen.

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