Bentham und der Utilitarismus

Von Henry William Pickersgill (died 1875) – National Portrait Gallery: NPG 413

 

Was ist eigentlich schief gelaufen? Der Plan war doch gut. An irgendeiner Stelle muss da jemand falsch abgebogen sein, aber so richtig. Geisterfahrermäßig.

Beinahe ununterbrochen fühlen wir uns an der Spitze der Entwicklung, ganz vorn, dort, wo der Fortschritt stattfindet. Also zumindest wir Europäer. Die Amerikaner, nee, die haben eh keinen Plan. Okay, ab und an eine schöne Design-Idee, obwohl, der Designer, der die Apple-Produkte gestaltet, ist natürlich Europäer. Wir sind eben vorn, auch wenn andere manchmal geschäftstüchtiger sind.

Nur hatten da ein paar Engländer eine Idee, nein, nicht den Brexit, viel früher, so etwa zur Zeit der Aufklärung, eine Idee, die bis heute nicht viel von ihrem Charme verloren hat, also zumindest für jemanden wie mich, der sich in philosophischen Fragen weniger gut auskennt. Was nicht heißen soll, dass ich mich mit anderen Dingen gut auskenne, nur eben besser. Also mit manchen, eher mit wenigen. Von Jeremy Bentham hatte ich jedenfalls noch nicht gehört. Goethe schon, der hielt allerdings nicht von ihm: „In seinem Alter so radikal zu sein, ist der Gipfel aller Tollheit.“

Frauenstimmrecht, Abschaffung der Todesstrafe, Pressefreiheit, sogar Tierrechte. Verrückt, der Kerl. Ich will ihn nicht idealisieren, Bentham hatte durchaus etwas für die Folter übrig. Das kann man ihm vorwerfen, vermutlich auch eine ganze Menge anderer schräger Ideen, aber der Mann hatte seinen Kopf schon ganz schön weit aus dem Fenster gesteckt und es gehört wohl einiges dazu, so mit den Denkgewohnheiten der eigenen Zeit zu brechen.

Utilitarismus nennt sich seine Denkschule. Im Kern geht es darum, dass menschliches Handeln dann richtig ist, wenn es dem Glück der größten Zahl dient. Es gibt unterschiedliche Richtungen, die sich darüber streiten, ob die gute Absicht oder das gute Ergebnis entscheidend sind, aber letztlich geht es um das menschliche Glück als einzigen Maßstab. Bentham war klar, dass sich Glück nicht ohne weiteres messen lässt, deshalb hat er einige Faktoren definiert, die zu messen wären und die als hedonistisches Kalkül bekannt sind. Also jetzt nicht mir. Das Glück der größten Zahl, wenn das kein interessanter Ansatz ist. Utilitarismus. Leider habe ich dann Herrn Bentham gegoogelt.

Auf seinen Wunsch, also einen Wunsch, den er hoffentlich noch zu Lebzeiten ausgesprochen hat, wurde Bentham mumifiziert. Leider war das Ergebnis nicht in jeder Hinsicht erfreulich, der Kopf wird seither getrennt aufbewahrt. Der Rest allerdings wurde angekleidet, mit Stroh ausgestopft, mit einem Wachskopf versehen und war damit fertig für die Ewigkeit. Und so nimmt Herr Bentham immer wieder einmal, wie es auch zu seinen Verfügungen gehörte, an den Sitzungen seiner Uni teil.

Ob das dem Glück der größten Zahl dienen mag?

PS: Ich habe hier bewusst auf die entsprechenden Bilder verzichtet. Wer mag, findet sie im Netz.

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7 Gedanken zu “Bentham und der Utilitarismus

  1. Ich bin erleichtert, dass du die Bilder nicht in den Beitrag integriert hast. Mir reicht hier meine Vorstellungskraft.
    Wie bei vielen guten Ideen, scheint mir auch diese nur auf den ersten Blick wirklich gut zu sein. Zu viele gedankliche Abzweigungen, die eingeschlagen werden können, machen sie schnell zu einer ziemlich egoistischen und am Ende gar nicht mehr so guten Idee.

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  2. Danke für deinen anregenden Text über einen Bereich, in dem ich mich auch nicht auskenne, aber jetzt dank dir und Wikipedia wenigstens eine Vorstellung habe. An Bentham faszinierend ist die Radikalität seines Denkens. Viele von uns sind beispielsweise noch nicht bei der Gleichberechtigung oder beim TIerrecht angekommen. Dier Idee vom „Glück der größten Zahl“ steckt unterschwellig im Sozialstaat, ist aber leider vom blanke Egoismus, den der Neoliberalismus predigt, überflügelt worden.

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    • Genau. Wir sind eben nicht immer ganz weit vorn, wenn es um das Glück oder auch nur die Verminderung des Leidens geht. Wirtschaftswissenschaften neigen wohl dazu, den jeweiligen Status Quo als die beste aller denkbaren Welten zu beschreiben. Nur noch ein wenig mehr Flexibilität auf dem Arbeitsmarkt, eine Erhöhung des Rentenalters, ein paar Privatisierungen, dann haben wir es geschafft. Dann betreten wir gemeinsam den Garten Eden. Oder die Hölle.

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  3. In Grossbritannien wurde die Gesellschaft mit Gewalt zu einem Anhängsel des Marktes umgeschult: Das Erziehungsmittel ist (nach Bentham) schlicht der Hunger: Von wegen freie Wahl am freien Markt! Die Angst vorm Verhungern, nicht die Lust am Tauschen zwingt die Menschen, sich auf dem Markt als Arbeitsware für Bergwerke und Fabriken anzubieten. Aber die Nationalökonomie besteht darauf: Die Gesetze des Geschäftsverkehrs sind auch die Gesetze der Natur, also Gottes.

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