Das Kontor (4)

Das Kontor

Teil 4 und Schluß

Wiard begreift, während er die ersten Worte überfliegt, dass er den letzten Willen seines Vaters in Händen hält, in dem dieser – weder Frau noch Sohn bedenkend – seinen gesamten Besitz dem Großvater – Jelde Siebo Poppinga – hinterlässt; Wiard hat das bisher kaum bekümmert, seiner Mutter aber war es stets rätselhaft geblieben. Er blättert weiter, stößt auf ein zweites Schriftstück, ebenfalls gesiegelt, gleich hinter dem ersten Schreiben – blitzartig erkennt er, dass es jüngeren Datums ist; es gibt ein zweites Testament, eines, in dem der Vater seinen letzten Willen neu geregelt und seine Familie zu Haupterben seines Nachlasses eingesetzt hat. Ungestüm reißt Wiard die Blätter an sich, steht im Nu bei der Mutter, die kaum Zeit findet, sich über das unvermutete Auftreten ihres Sohnes zu wundern, denn der bestürmt sie mit der guten Nachricht vom Ende ihres Elends. Die Mutter tritt, um das Testament besser lesen zu können, näher an die Kerze heran , dann – noch ehe sie sich versieht,  erfasst ein Windstoss die Kerzenflamme, sie flackert, ein Funke springt auf das trockene Papier –  ist die Hoffnung auf eine bessere Zukunft zu Asche, das bisher schon schwere Schicksal vollends untragbar geworden.

In eben diesem unglücklichen Moment tritt unerwartet der Großvater ein, erfasst mit raschem Blick die Szene, erkennt den aufgeschlagenen Ordner und weiß sein Geheimnis entdeckt, ohne zu erahnen, was mit dem wertvollen Dokument geschehen ist. Jelde Siebo Poppinga erbleicht, gleich darauf aber schießt ihm das Blut ins Gesicht und wie er zu einer wütenden Attacke ausholen will, hält er plötzlich inne, sinkt, sich ans Herz greifend, ächzend zusammen.

Wiard flüchtete, ohne recht zu verstehen, was sich vor seinen Augen abgespielt hatte, in sein Kämmerchen, hörte das Kommen und Gehen, den Arzt, den Pfarrer, den Bestatter, den Notar. Schon fürchtete er sich vor dem Waisenhaus, sah die Mutter verstoßen, da endlich kam sie zu ihm, tröstete ihn und erklärte ihm in einfachen Worten, dass sie, da der Großvater kein Testament hinterlassen habe, nun das Erbe antreten würden, genauer gesagt er, Wiard, das einzige Enkelkind.

All dies durchlebte der alte Mann auf der Bank am Stadthafen und war sich vollkommen bewusst, dass er damals durch seine Neugier sein Schicksal und das Los seiner Mutter zum besseren gewendet hatte, zum anderen aber auch den Tod des Großvaters wohl wesentlich mitverschuldet haben mochte. Er stand auf, ging bis zur Kaimauer, blickte auf das nur wenig bewegte Wasser und zog aus der Innentasche seiner Jacke einen Briefumschlag hervor, dem er ein fast zerfallendes Stück Papier entnahm, beschrieben in einer beinah vergessenen Handschrift, das er damals ebenfalls aus dem Ordner entnommen hatte: Das Testament seines Großvaters, in dem dieser all sein Hab und Gut der Kirche vermachte und das nie jemand zu Gesicht bekommen hatte. In Gedanken versunken zerkrümelte Wiard Jassen Poppinga das Blatt über dem Hafenbecken.

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11 Gedanken zu “Das Kontor (4)

  1. Ich habe nochmal alles in einem Rutsch gelesen und muß sagen, daß ich mich besser hineinfinde in die verwinkelte Sprach: Ist sie zu Anfang noch ungewohnt, gleitet man hinein, erfaßt wohl intuitiv den Rhythmus, und dank der schnellen Dramaturgie fühlt man sich bald wie in einer gut geschmierten Achterbahn, durch die man juchzend rauscht. Am Ende angekommen, atmet man auf – puh, ist ja nochmal gutgegangen – und möchte am liebsten gleich wieder vorn einsteigen.

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  2. Ende gut, alles gut, und auch die Form überzeugt. Der Text hat Tempo aufgenommen, und es ist, als würde jedes Komma die Handlung vorantreiben. Schön wie er im letzten Absatz alles zur Ruhe kommt wie auch der nun alte Mann, was sich im Text spiegelt im Bild vom „nur wenig bewegten Wasser.“

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    • Danke. Es ist ein wenig eine Heimweh-Geschichte. Für mich als Teilzeit-Ostfriesen war Leer für einige Jahre Heimat, eine hübsche Hafenstadt mit Geschichte, die zu Geschichten einlädt. Der Schluss hat sich entwickelt, da sind es manchmal wirklich die Figuren eines Textes, die darüber befinden, wie etwas ausgeht.

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  3. Pingback: Das Kontor (3) | Manfred Voita

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