Das Kontor (3)

Von Stephen Taylor – Dorotheum, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=19584148

Teil 1

Das Kontor

Fortsetzung

Dieses Büro nun war für das einzige Kind im Hause, besagten Wiard also, ebenso tabu, wie für alle anderen Bewohnern des Hauses, als da waren die Mutter des Jungen, Taalke Poppinga, und die angenommene Tochter des Alten, Okka Tammena, die im gleichen Alter wie Wiards Mutter gewesen sein mochte.

An jenem fatalen Tage weilt der Großvater in der Stadt, um wichtige Geschäfte abzuwickeln, von denen ein Kind nichts versteht, sucht seine Anwälte auf, bespricht sich mit seinem Bankier, jedenfalls aber ist niemand in der Nähe, der verhindern kann, das kindliche Neugier einen Weg in das verbotene Reich des gestrengen Hausherren findet. Während Wiard, durch eine halbhohe Theke vom übrigen Raum getrennt und vor den Blicken der Erwachsenen verborgen, die Aktenwände daraufhin abzuschätzen sucht, was daran so bedeutsam und geheimnisvoll sein mag, ein Buch nach dem anderen herauszieht und enttäuscht zurück stellt, weil nur langweilige Zahlenkolonnen die Seiten füllen, in der exakten Handschrift des Großvaters pedantisch genau in die vorgedruckten Kästchen eingetragen, hört er plötzlich ein Geräusch. Schritte… die Tür öffnet sich. Es kommt jemand. Kehrt etwa der Großvater zurück? Schon sieht Wiard die strenge Miene des alten Herren vor sich, fühlt sich von harter Hand hoch gezerrt und durchgeschüttelt – doch es ist die Stimme seiner Mutter, die er vernimmt. Sie spricht mit Okka, Tante Okka, wie der Junge sie nennt, der es nicht anders, nicht besser weiß. Doch was offenbart sich ihm dort, in seinem Versteck? Ein Vorhang zerreist, eine ganz andere, dunklere Welt eröffnet sich ihm. Nach dem frühen Tod des Vaters fand die kleine Familie im Hause des Großvaters Unterschlupf; wiewohl der alte Mann wenig großväterliche Regungen zu verspüren schien, so zweifelte Wiard bis zu diesem Tag nie daran, in diesem Hause willkommen zu sein.

Nun muss er mit anhören, dass auf Heller und Pfennig notiert und festgehalten wird, was er und seine Mutter verbrauchen, ihr ganzes Dasein also quasi auf Kredit gegründet und mittlerweile eine Schuld aufgelaufen ist, von der seine Mutter nicht weiß, wie sie jemals wieder zu tilgen sein wird. Für den Jungen viel erschreckender aber ist der Vorwurf, dass seine Mutter am Tod des geliebten Vaters mitschuldig sei. Später, Jahre später, würde sie ihm erklären, dass dieser Vorwurf unausgesprochen schon immer zwischen dem Großvater und ihr gestanden habe, Okka aber spricht die fixe Idee des alten Jelde Siebo Poppinga erstmals offen aus. Der Vater starb, soviel ist gewiss, als er auf einer Seereise für die Reederei des alten Poppinga einen Umweg über die kanarischen Inseln in Kauf nahm, um seiner Frau von dort ein Präsent mitzubringen, dessen Art nun für immer vor ihr verborgen bleiben wird. Weil aber diese Reise ihretwegen, wenn auch weder auf ihr Betreiben noch mit ihrem Wissen stattgefunden hat, gilt die Mutter dem Großvater als die eigentliche Ursache des Unheils, das seinem einzigen Sohn widerfahren ist und ihn selbst schwer getroffen und verhärtet hat.

Der Junge hockt im Büro des Großvaters, überwältigt vom Schrecken des gerade unfreiwillig Abgelauschten; achtlos, fast mechanisch, fahren seine Finger weiter über die Seiten des Buches, das er in Händen hielt, als die beiden Frauen den Raum betraten, da fällt sein Blick unverhofft auf ein gesiegeltes Schreiben, in dessen Briefkopf er den Namen seines Vaters liest.

Teil 4 und Schluß der Geschichte

5 Gedanken zu “Das Kontor (3)

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