Das Kontor (2)

 

Zu Teil 1

Von Juan J. Martínez – Flickr: [1], CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=27955217

Teil 2

Mit offenen Augen, aber ohne das rege Treiben auch nur zu bemerken, das sich auf dem der Kaimauer vorgelagerten Platze entwickelte, auf dem Schulklassen sich unter lautem Geschnatter sammelten, um eine Hafenrundfahrt mit einem der weißen Ausflugsschiffe zu unternehmen, die es noch nicht gegeben hatte, als er in jenem Alter war, der Kindheit nämlich, die wohl zu keiner Zeit so unbeschwert gewesen ist, wie es die Erwachsenenwelt aus reiner Vergesslichkeit oder Ignoranz zu behaupten nicht müde wird, fand er sich wenig später auf einer Bank neben der großen Klappbrücke, die man eher im Holländischen erwartet haben würde.

Dabei war es nichts Besonderes, nichts als Bohnerwachs, vergilbtes Papier, Stempelfarbe und …ja, wer hätte das zu sagen gewusst, ein kaum näher zu bestimmendes Etwas, ein Geruch, der wie ein Halluzinogen die alltägliche Realität verdrängt und Wiard Janssen Poppinga in eine andere Zeit katapultiert hatte, zurück zu jenem Tag, an dem sein Leben und das der ihm nahe stehenden Menschen so einschneidend verändert worden war.

Es war das alte Kontor seines Großvaters Jelde Siebo Poppinga, das, kaum hatte er das Antiquariat betreten und die jenem eigene Mischung von Gerüchen wahrgenommen, wieder vor seinem inneren Auge erstanden war – oh, nicht das er es jemals hätte vergessen können, ganz unmöglich, es gab kaum einen Tag in seinem bisherigen Leben, an dem er nicht jenes Vorfalls gedacht hätte, doch ist eine theoretische Betrachtung ein gänzlich anderes Ding als die Wahrnehmung mit den eigenen Sinnen, wie sie uns sonst höchstens noch in Träumen widerfahren mag.

Wiard Janssen Poppinga, inzwischen selbst ein Mann, der seine besten Jahre längst hinter sich gelassen hatte und nun seine Angelegenheiten ordnete, erblickte sich als Knaben im Hause seines Großvaters, des alten Reeders, eines hoch gewachsenen, hageren Mannes von gut siebzig Jahren, der die aktiven Geschäfte Jüngeren überließ und in seinem stattlichen Bürgerhaus von den angesammelten Erträgen seines langen, erfolgreichen Arbeitslebens zu zehren gedachte.

Der alte Herr, ein Mann unbeugsam wie ein Stock, dabei so wenig zu einem liebenswerten Opa geschaffen wie nur immer ein Mensch, hatte sich in einem großen Raum, in dem sich einst die Gesellschafter seiner Reederei versammelten, der nach dem Abschied aus diesem Unternehmen jedoch nicht mehr recht gebraucht wurde, ein Privatkontor anlegen lassen, von dem aus er seine – noch immer beträchtliche – Korrespondenz mit Geschäftsfreunden in der weiten Welt führte, wohl auch sein ansehnliches Vermögen verwaltete.

Teil 3

 

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5 Gedanken zu “Das Kontor (2)

  1. In Lübeck waren geschriebene Punkte seit dem Mittelalter mit einer Steuer belegt, zwei Taler das Schock, die das literarische Leben der Stadt bis ins zwanzigste Jahrhundert schwer belastete, ehe endlich ein begabter Sohn der Stadt aus der Not eine Tugend zu machen sich erbot, einer Not, die zuletzt zudem gänzlich ohne Not bestand, da die Einnahmen aus der Steuer bereits in der frühen Neuzeit fast völlig versiegt waren, eine Folge, die ebenso in jenen münsterländischen Sprengeln zu beobachten gewesen war, die, der wenig erfindungsreichen Natur des dortigen Menschenschlages geschuldet, die lübische Steuer einst in großer Hoffnung übernommen hatten, ohne jedoch für die mit der Steuer verbundenen Erschwerungen durch eine vergleichbare glückliche Fügung mit großen Romanen belohnt zu werden.

    Späten Spott wird dafür alljährlich den altvorderen Stadtvätern und Dorfschulzen zuteil, die über Jahrhunderte, in denen die schädlichen Wirkungen der Steuer jedem, der einmal in seiner Lektüre den Schritt in weisere Landstriche gewagt hatte, hätten unbedingt auffallen müssen, dennoch mit der ihrem westfälischen Blut geschuldeten Dickschädeligkeit festhielten, indem im November die Dichter ihrer Gemeinden Werklein verfassen, die jene Zeit karikieren, als die Punkte so teuer waren.

    Gefällt 1 Person

    • Fortsetzungstexte funktionieren tatsächlich meistens nicht so gut. Dickens hat seine Romane als Fortsetzungen für die Zeitung geschrieben, da hat er natürlich Cliffhanger produziert. Ich schreibe einen Text und zerlege ihn dann nur in kleinere, gerade noch akzeptable Blöcke, weil lange Texte im Netz nicht gelesen werden. Gerade Teil 2 des Kontors endet leider ohne Cliffhanger.
      Viele Grüße aus Warendorf

      Gefällt 2 Personen

  2. Pingback: Das Kontor (1) | Manfred Voita

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