Das Kontor (1)

Das Kontor

Von Unbekannt – Heinrich Schmidt: Politische Geschichte Ostfrieslands. Rautenberg, Leer 1975 (Ostfriesland im Schutze des Deiches, Bd. 5), Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=9093704

Unser Geruchsempfinden besitzt die bemerkenswerte Eigenschaft, weit über jene Sekunde hinaus zu wirken, in der uns ein besonderes olfaktorisches Erlebnis zu teil wird und ganz im Gegensatz zu dem als so viel dramatischer empfundenen, ja im eigentlichen Sinn erlittenen Schmerz einen festen Platz in den uns meist fest verschlossenen Gemächern unserer Erinnerungen zu belegen, in welchen wir keineswegs, wie wir allzu gern glauben, nur wertvolle Schätze aufbewahren, sondern die auch, wenn nicht gar hauptsächlich, aus Rumpelkammern bestehen, in denen, wie Kraut und Rüben durcheinander geworfen, das ferne Echo glücklicher Momente neben beiläufigen Eindrücken lagert, die dort ganz ohne unser eigenes Zutun, ja sogar ohne das wir verstehen, warum gerade dies oder jenes denn so des Erinnerns wert gewesen sein soll, oftmals ein Leben lang darauf warten, sich noch einmal im hellen Licht des Bewusstseins zu sonnen. Ist aber dieser Augenblick gekommen, dann lässt ein Hauch des fast verflogenen Duftes eines seltenen Parfums wie durch Zauberhand ein längst vergangen und vergessen geglaubtes Stück des eigenen Lebens vor uns erscheinen, deutlich und klar, so reich an Details, das es uns fast scheinen mag , wir bräuchten nur einen kleinen Schritt zu tun, um dort wieder anzukommen, wo kein Lebender je wieder hingelangen wird  – dabei doch so fern, so unerreichbar wie eine Fata Morgana in einer asiatischen Wüste.

Eben dies stieß Wiard Janssen Poppinga zu, als er in der Altstadt des kleinen ostfriesischen Hafenstädtchens, in das ihn sein Weg nun schon seit Jahrzehnten nicht mehr geführt und das er einst für seine Heimat gehalten hatte, ein prächtig restauriertes Bürgerhaus betrat, um in der dort seit Generationen ansässigen Buchhandlung nach der antiquarischen Ausgabe eines längst vergriffenen Buches mit Faksimiles alter Seekarten zu forschen.

Noch auf der Schwelle verharrte er, hörte nicht einmal mehr das Glöckchen, das dem Antiquar, einem etwas kauzigen, aber ungemein geschäftstüchtigen Greis, den Eintritt eines Besuchers ankündigte und wusste für ein kleines Weilchen nicht, was ihm da soeben widerfahren war, dann aber drang es zu ihm durch: Wiard Janssen Poppinga erspürte, ja erschnupperte sich ein Bild aus seinen Kindertagen, die urplötzlich, obwohl seit fast einem ganzen Menschenleben vergangen, mit unvermitteltem und unerwarteten Schmerz wieder auflebten.

Er machte auf dem Absatz kehrt und eilte, den Buchhändler verblüfft zurücklassend, den der so unverhofft wieder entschwundene Kunde vage an jemanden erinnerte, raschen Schrittes die Straße hinab, hinunter zum Stadthafen, dort, wo immer schon Bänke mit Blick auf das Wasser gestanden hatten, von denen er einst die Ankunft großer Frachtschiffe beobachtet hatte, die Waren aus fernen Ländern brachten und Matrosen, die ihn in fremden Sprachen nach Mädchen fragten, von denen er nichts zu sagen wusste, wo er von einer Zukunft auf dem Meer, von Geheimnissen und Abenteuern, von Marrakesch und Katmandu geträumt hatte.

Teil 2

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13 Gedanken zu “Das Kontor (1)

    • Danke. So ein Versuch, sich mit eigentlich überholten stilistischen Mitteln herumzuschlagen, hilft auch, besser zu verstehen, wieso solche Texte trotz ihrer Länge lesbar sein können – und warum man das dann trotzdem besser nicht mehr so schreibt.

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    • Das waren noch Zeiten, als man einfach so geschrieben hat und niemand darauf hinwies, dass die Aufmerksamkeitsspanne überschritten werden könnte. Ich muss gestehen, dass ich auch schnell skeptisch werde, wenn solche Bandwurmsätze geschrieben werden. Meistens kommen sie ja nur zustande, weil man zu bequem war, den Text zu überarbeiten. In diesem Fall wollte ich die Länge aber ganz bewußt.

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  1. Pingback: Das Kontor (2) | Manfred Voita

  2. Das Konzept des menschlichen Gedächtnisses als Rumpelkammer, in denen Erinnerungen wie Kraut und Rüben lagern, die von Gerüchen aufgerufen durchs Denken trudeln, das gefällt mir in der Einleitung deiner Erzählung gut. Denn als Leser ahnt man, hier nimmt sich der Autor Zeit, lässt seine allwissenden Erzähler mit einer längeren Reflexion beginnen, bevor er in die Handlung eintaucht,
    Daher ist die Satzkonstruktion der Einleitung kein Problem und macht neugierig auf das Kommende. Schwierigkeiten machten mir die nachfolgenden Konstruktionen mit ihren eingeschobenen Relativsätzen, den adverbialen Bestimmungen. Es wird dann beispielsweise das Enteilen des Protagonisten im letzten Absatz aufgehalten durch Elemente,von denen man ahnt, dass sie für den Verlauf der Handlung nicht von Belang sind, weshalb ich tagelang gezögert habe zu kommentieren, weil ich mich fragte, was diese Form der sprachlichen Artistik unübersichtlicher Satzkonstruktionen bedeutet. Darüber hinwegzusehen, fiel mir schwer, andererseits wollte ich dir mit Kritik nicht zu nahe treten.
    Gestern auf heute war mein mittlerer Soihn zu Besuch, und wir besprachen bis tief in die Nacht eine literarische Idee, die ich unterbreitet hatte. Seine kritischen Anmerkungen halfen mir, die Idee zu konkretisieren und vor allem Schwachpunkte zu erkennen und Lösungen zu entwickeln. Weils hilfreich war, wage ich jetzt diesen Kommentar in der Hoffnung, dass du etwas Positives daraus gewinnen kannst.
    Ich habe jetzt nachgelesen, dass im 2. Teil der Buchhändler, der sich durch den Protagonisten vage an jemanden erinnert fühlt, dass weder er noch diese Erinnerung in der nachfolgenden Erzählhandlung eine Rolle spielen, dass also der Relativsatz „den der so unverhofft wieder entschwundene Kunde vage an jemanden erinnerte“ das Enteilen des Protagonisten mutwillig aufhält. Drum glaube ich fast, bei der Form deines Textes handelt es sich um eine literarische Parodie, was du im Kommentar bei Videvitis beinah bestätigst. Ich frage mich aber, ob du den Inhalt, den du vor Augen hast, nicht verschenkst, ob er nicht eigentlich eine andere Form berdient hätte. Denn der Beweis, dass Schachtelsätze schlechter Stil sind, muss ja nicht mehr erbracht werden.

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    • Ja, es stimmt schon, dass ich hier mit einer Form spiele, die mir früher einfach passiert ist und die wir in älterer Literatur vorfinden. Im Unterschied zu meinen zufällig kompliziert verschachtelten Sätzen habe ich hier aber versucht, Länge zu konstruieren.
      Dabei spielt natürlich auch die Zeit eine Rolle, in der die Geschichte angesiedelt ist oder die durch die Sprache aufgerufen werden soll.
      Eigentlich gehe ich umgekehrt vor, ich überarbeite und versuche dabei, die Lesbarkeit zu erhöhen, indem ich die Länge der Sätze reduziere. Aber es hat Spaß gemacht, sich mal dies Form fallen zu lassen. Und nein, du wagst nichts mit deiner Kritik. Ganz im Gegenteil, ich schätze kritische Anmerkungen. Niemand ist so blind für den eigenen Text wie der Autor.

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  3. Pingback: Das Kontor (3) | Manfred Voita

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