Kopflos

von Friedrich Schiller [Public domain], via Wikimedia Commons

Machen Sie sich keinen Kopf. Was für ein gedankenloser Ausspruch! Hätte man sich doch einen machen können, aber nein, keiner hat sich einen Kopf gemacht. Es musste, na, es sollte schon der richtige sein und den brauchte man sich ja nicht extra zu machen, der war ja da. War er vermutlich auch, selbst das lässt sich nicht mehr überprüfen.

Weil man alles eingeebnet hat, nachdem man dachte, man habe den richtigen Kopf und als dann klar war, dass es doch der falsche war, da war es eben zu spät. Alles platt gemacht. Typisch natürlich, dass es um Schillers Schädel ging, nicht Goethes, der wusste immer den Kopf oben zu halten und der war auch so gut vernetzt, so nah an den Mächtigen und Zahlungskräftigen, dass es keine Unklarheiten über seine letzte Ruhestätte geben konnte. Die Fürstengruft.

Und weil es Goethe war und ist, der dort ruht, ist es längst die Gruft des Dichterfürsten, in der neben ihm auch noch ein paar Adelige stehen dürfen. Schiller hingegen, nein, er wurde nicht verscharrt, so war das auch wieder nicht, aber der Mann, der als der erste freie Schriftsteller Deutschlands gilt, der nicht nur frei in dem Sinne war, dass er kein Gehalt bezog, sondern ganz abhängig von seiner Schaffenskraft war, frei war er auch im Denken, freier, radikaler wohl als Goethe, der die Annehmlichkeiten eines Ministerdaseins in der Provinz zu schätzen wusste und den Wohlstand in geschenkten Häusern genoss, war nicht wohlhabend genug für ein ordentliches Grabdenkmal auf dem Jakobsfriedhof in Weimar.

Also ab ins Kassengewölbe mit der Kiste. Klingt nach Kassengestell für die Brille. War aber eine staatlich finanzierte Massengruft für nicht ganz unbedeutende Bürger. So sah es zappenduster aus, als die Welt nach Schillers Grab rief, ihrem literarischen Helden Kränze bringen wollte. Also hinein ins Kassengrab, ein Wirrwarr von Särgen, Knochen, Fäulnis, Moder. Und keine ordentliche Beschriftung, kein blinkender Pfeil: Hier!

So stieg der Bürgermeister wenig später um Mitternacht, wie es sich in solchen Geschichten gehört, mit einem Totengräber und Gehilfen hinab in die Gruft und sammelte Schädel, die er für passend hielt und deren Eignung im Abgleich mit Schillers Totenmaske geprüft wurde. Man brauchte einen Schädel, also fand man auch einen. Und wo, wenn nicht in der bis heute berühmten Anna-Amalia-Bibliothek sollte ein Dramatiker seine letzte Ruhestätte finden?

Also beinah letzte Ruhestätte, denn Goethe, dem man den Schlüssel anvertraut hatte, nahm ihn mit, um ihn zu bedichten und unter dem Siegel der Verschwiegenheit zu präsentieren. Schließlich ging es zur letzten Ruhe in die Fürstengruft.

Also zur fast letzten Ruhe, denn inzwischen ist durch gentechnische Untersuchungen erwiesen, dass es nicht Schillers Schädel sein kann. „Wenn der Fürstengruft-Schädel doch von Schiller sein sollte, kann Schiller nicht der Sohn seiner Mutter gewesen sein“, sagte der Genealoge Ralf G. Jahn dem SPIEGEL. „Zudem wären seine Söhne Carl und Ernst Kuckuckskinder von demselben Liebhaber ihrer Mutter.“ Dieser aber, so Jahn, müsse dann der Sohn eines Verwandten ersten Grades von Schillers Schwester Christophine gewesen sein.

So sehen wir nun einen leeren Sarg in der Fürstengruft. Goethe, das scheint sicher, liegt nebenan, während Schiller, der Freigeist, sich auch im Tod nicht festlegen ließ und was will ein Autor mehr, als immer wieder verlegt zu werden?

12 Gedanken zu “Kopflos

  1. Dein letzter Satz zur Posse um Schillers Schädel: Herrlich. Auch ist es ziemlich ulkig, dass Goethe den Schädel eines Wildfremden bedchtet hat. Letztens erinnerte Hans Mentz in der Titanic-Humorkritik noch mal an die Theorie des Literaturhistorikers Rudolf Genée, Schiller sei Goethes Ghostwriter gewesen. Das Beste von Goethe war von Schiller.
    http://www.titanic-magazin.de/humorkritik/2017/oktober/hk/wer_war_goethe-5/

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    • Goethe hat gewiss das Ungestüm Schillers bewundert, sein Engagement für das, was man später bürgerliche Freiheiten nennen sollte. Zwischen Goethe und Schiller ist es, so viel scheint ja sicher, zum Austausch von Themen gekommen, auch zur Kooperation. Aber Goethe hat ja nicht verschwiegen, dass er Einfälle, Themen, jede Art von Material aufgesaugt und verarbeitet hat.

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  2. Auch mir hat dein letzter Satz besonders gut gefallen.
    Erstaunlich immer wieder, wie wichtig den Zurückbleibenden doch ein paar Knochen sind. Am Ende, war die Persönlichkeit groß genug, ist es sogar egal von wem ihre Knochen eigentlich stammen.

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  3. Der Schädel ist doch nun wirklich austauschbar. Schillers Werk steckt ja nicht in den Knochen. –
    Aber interessant fand ich die Zeichnung. Da sieht man, dass Schiller kein großer Zeichner war. Als Autor habe ich ihn auch noch nie gemocht, ohne dass ich sagen könnte, warum. War halt immer so.

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  4. Totenverehrung ist ja immer etwas suspekt – ob Goethe wirklich gefallen hätte, daß überall, wo er mal war, ein Schild angebracht wird, was er da mal gemacht hat? „Hier hat Goethe im Jahre soundso logiert“, habe ich mal über einer Pizzeria in der Schweiz gelesen. Wo er ging und stand oder schlief, hängt so ein Schild. Das immerhin ist Schiller erspart geblieben. Ich vermute, er hätte gelacht über die Schädelverwechslung.

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