Fenstern

Klosterkirche Vadstena, Schweden
Eigenes Bild

Die Welt war einfach wunderschön – und so sollte es im Märchenland ja wohl auch sein – zog man nicht gerade aus, das Fürchten zu lernen oder legte sich mit Rotkäppchen, den Geißlein, dem tapferen Schneiderlein, Dornröschen, Schneewittchen, Aschenputtel oder sonst wem an.

Zugegeben, in vielen Teilen des Märchenlandes mochte es regelrecht scheußlich sein, hier aber war es zum Seufzen schön, märchenhaft schön eben. Jedenfalls an 364 von 365 Tagen – und das ist doch keine schlechte Quote, oder? Einige wenige Gattungen mochten das anders sehen. Amphibien, Kröten und Frösche im Speziellen, entwickelten gar eine ansonsten völlig unbekannte Allergie gegen Jungfrauen.

Es galt als allgemein anerkannte Tatsache, dass der Kuss einer Jungfrau verwunschene Prinzen erlöste. Einen kürzeren als diesen, zugegeben etwas unappetitlichen, Weg zu Reichtum und Ansehen gab es einfach nicht.

Dummerweise fehlten jegliche Angaben darüber, mit wie viel verwunschenen Prinzen zu rechnen war und in welcher Gestalt sie ihr Dasein fristeten. Rehe, Hirsche, Adler und Raben waren ohne Gewaltanwendung nur schwer in einen kussfertigen Zustand zu versetzen – und welches Mädel wollte schon einen Prinzen, dem man Gewalt angetan hatte oder dem infolgedessen gar einige Gliedmaßen fehlten?

Deshalb wurden viele wehrlose Amphibien ein ums andere Mal aus ihrem feuchten Element gezerrt und abgeknutscht, so dass Greenpeace gewiss eingeschritten wäre, hätte es eine Sektion Märchenland gegeben.

Das eigentliche Problem aber war der 365. Tag, der, an dem der Drache mit dem Opfer einer Jungfrau besänftigt werden musste. Und so knutschten sich die Jungfrauen des Märchenlandes 364 Tage lang durch die Sümpfe, Bäche und Tümpel, um dann in der folgenden Nacht ihrer Jungfernschaft auf Teufel komm raus zu entsagen – um es mal vornehm auszudrücken.

Grimm sei Dank war es den Vertretern des Jugendschutzes – den sieben Zwergen und der Hexe aus dem Wald – in langwierigen Verhandlungen mit dem Drachen gelungen, das Mindestalter auf 18 anzuheben, so dass immerhin keine sittliche Gefährdung der Jugend zu befürchten war.

Wie man es aber auch drehen und wenden mochte, die Tatsachen blieben bestehen: Während alles Küssen bisher nicht einen Prinzen erlöst hatte, holte sich der Drache Jahr für Jahr unverdrossen seine Jungfrau.

Seit der Einführung des Privatfernsehens im Märchenland war die Auslosung der Unglücklichen, wie ihre spätere Auslieferung an den Drachen, immer live übertragen worden.

Weil aber die märchenlandübliche Grausamkeit nicht garantiert werden konnte, sanken die Einschaltquoten so ab, dass zu dieser Sendezeit Wiederholungen von Schneewittchens Hochzeit ausgestrahlt wurden. Rot glühende Schuhe verloren ihren Reiz nie. Seither fürchtete wieder jede Jungfrau den 365. Tag.

Eine von ihnen war die Rosenmanie, die bisher nie die Gelegenheit bekommen hatte, in irgendeinem Märchen eine Rolle, und sei es eine Nebenrolle, zu spielen.

Rosenmanie ließ sich in ihrer Angst sogar einen Wintergarten aus angeblich drachensicherem Glas aufschwatzen – doch derweil sie am Abend des 365. Tages auf die friedlich gestimmte Natur blickte, landete der Drache vor ihrem Panzerglas, drückte mit den Knien seiner Hinterläufe mächtige Löcher in das Glas, schob den widerlichen Kopf zu ihr in den Wintergarten, grinste und ergriff sie mit krallenbewehrter Klaue.

Im Nu schwang sich das Untier in die Lüfte und die Geschichte hätte ihr ebenso unglückliches wie regelmäßiges Ende gefunden, wäre das Mädchen nicht auf den verzweifelten Gedanken verfallen, den Drachen zu küssen.

Bei einer mittleren Flughöhe von dreißig Metern und einer Reisegeschwindigkeit von gut zweihundert Stundenkilometern hätte die schlagartige Verwandlung des Drachen in einen Prinzen ein böses Ende nehmen können, doch gelten die Gesetze der Logik und der Schwerkraft im Märchenland immer nur nach dem Gutdünken des Erzählers. Und so lebten der Prinz und Rosenmanie gemeinsam bis an ihr seliges Ende. Nur das gewohnheitsmäßige Abknutschen von Amphibien bekam Rosenmanie nie ganz in den Griff. .

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6 Gedanken zu “Fenstern

  1. Tolle Geschichte! Wenn ich Kinder hätte, ich würde sie ihnen vorlesen – und beim letzten Satz ordentlich das Gesicht verziehen, das hätte zusätzliche erzieherische Wirkung: Kinder, macht das nicht, Frösche und Schlangen knutschen – kein Prinz will so eine Prinzessin.

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    • Mal ist viel zu tun und man schafft es trotzdem, sich noch mal an den Rechner zu setzen, mal ist viel zu tun und der Kopf nicht frei und mal ist nichts zu tun und der Blog ruft einfach nicht nach mir. Danke für dein Lob. Märchen und die Märchenfiguren bieten sich immer wieder mal als Vorlage an. Terry Pratchett hat da wunderschöne Ideen gehabt.

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