Mein neuer Job

Hermann Osthoff [Public domain], via Wikimedia Commons

Schon zum zweiten Mal stand ich auf, hielt es nicht mehr aus im Bett. Half warme Milch mit Honig nicht gegen Schlaflosigkeit? Aber was unternahm ich dann gegen den Brechreiz, den warme Milch bei mir immer verursachte?

Treppe runter, auf und ab im Wohnzimmer, schon um nicht zu frieren. Ach, besser etwas anziehen, die blaue Jacke vielleicht. Kaum ein Geräusch draußen, nur irgendwo weit weg ein Auto. Durch die Jalousie spähen. Dunkelheit. Wie zu erwarten.

Kein Mond, jedenfalls nicht auf dieser Seite. Stand der Mond nachts jemals im Westen? Könnte ich ja mal googeln, Zeit genug hatte ich ja. Die Nutzung von Smartphones oder Computern vor dem zu Bett gehen sollte allerdings Schlafstörungen hervorrufen. Hatte ich bei Spiegel online gelesen. Vermutlich kurz vor dem Schlafengehen. Bloß jetzt nicht noch mehr Schlafhindernisse schaffen. Lieber blöd bleiben.

Dann drängte sich mir ein Bild auf, etwas das ich gesehen hatte, vielleicht auch nur eine Sinnestäuschung. So spät in der Nacht, wer konnte sich da schon sicher sein? Im Garten, hatte da nicht etwas gesessen?

Konnte nicht sein, nichts und niemand saß nachts im Garten.

Andererseits, wenn so ein Gedanke sich eingenistet hatte, half nur noch ein Faktencheck. Noch ein Blick durch die Jalousie: Da hinten, auf der Mauer ganz am Ende des Gartens, saß jemand.

Und nun? Googeln, wie man sich zu verhalten hat, wenn nachts jemand im Garten sitzt? Vermutlich gab es sogar Ratschläge dazu. Von Deppen, die den Fragestellern in ihrer Ahnungslosigkeit um nichts nachstanden, aber ein ausgeprägtes Mitteilungsbedürfnis besaßen.

Da saß wirklich jemand, also fast sicher. Das ging doch nicht, man setzte sich doch nicht einfach nachts in anderer Leute Gärten. Was tun? Licht anmachen! Ein Blick durch die Jalousie. Jetzt saß da draußen jemand bei Licht im Garten. Bei Lichte betrachtet schien es sich um eine Frau zu handeln, was die Sache nicht besser, aber irgendwie anders machte. Ich stieg in meine Hose und ging raus, etwas zögerlich möglicherweise, aber nicht wirklich ängstlich.

„Buh“ sagte die Frau und es klang ein wenig resigniert.

Sie wirkte etwas transparent, nicht in dem Sinn, dass man ihren Mageninhalt hätte sehen können, sondern eher dunstig, so, als hätte sie Mühe, sich ordentlich zusammenzuhalten. Immerhin rang sie sich ein kleines Lächeln ab, als ich vor ihr stehen blieb und nach passenden Worten suchte.

„Sie sehen mich?“

„Genau deshalb bin ich hier. Es wäre mir lieb, wenn ich Sie hier nicht sehen würde.“

Sie stand auf, hob die Arme gegen den Nachthimmel und ließ ein langes Hu ertönen.

„Nichts?“ fragte sie „Kein Horror?“, und setzte sich wieder.

„Sie fürchten sich nicht.“ Traurig ließ sie den Kopf hängen und wurde noch ein wenig durchsichtiger.

„Ehrlich? Ich habe schon Schlimmeres gesehen. Es ist spät in der Nacht, ich bin müde… oder sollte es jedenfalls sein, habe morgen einen anstrengenden Tag vor mir und keine Lust, hier mit windigen Gestalten herum zu philosophieren.“

„Sie sehen die anderen also auch?“

„Nein! Ich lege auch keinen Wert darauf, noch mehr von Ihrer Sorte im Garten zu sehen.“

Sie wechselte die Farbe, ein Effekt, den man von der Bühne her kannte, mal roter, mal blauer Nebel.

„Jetzt kann ich Ihren Mageninhalt sehen. Das ist ekelig.“

„Ekel ist ja schon mal ein Anfang. Würden Sie sich vielleicht etwas fürchten, wenn ich mich in zwei Hälften zerreißen und bluten würde? Obwohl das immer sehr unangenehm für mich ist. Eisenmangel, wissen Sie.“

„Machen Sie sich meinetwegen keine Mühe. Ich glaube nicht an Geister.“

„Doch, tun Sie, sonst würden Sie mich ja nicht sehen.“

„Von jemandem, der so wenig Substanz hat, lasse ich mir doch nicht sagen, was ich zu glauben habe. Ich bin ein sehr rationaler Mensch.“

Sie rückte ein Stück zur Seite, soweit man das eben kann, wenn man über keine klar abgegrenzten Formen verfügt und ich setzte mich.

„Es gibt eine simple Erklärung dafür, dass Sie mich sehen, obwohl Sie nicht an Geister glauben. Das sind Reste des kindlichen Glaubens an den Weihnachtsmann, den Nikolaus und den Osterhasen. Dieser Glaube ist leider so positiv besetzt, dass er uns nicht weiterhilft. Knecht Ruprecht, der zog noch, aber das ist ja jetzt auch alles vorbei.“

„Da haben Sie ganz offensichtlich ein Problem.“

„Ja. Ich begann schon zu befürchten, dass Ihnen das überhaupt nicht auffällt.“

„Doch, tut mir wirklich leid für Sie, aber das ist doch kein Grund, hier mitten in der Nacht in meinem Garten zu sitzen.“

„Jetzt haben Sie es fast verstanden. Es ist nämlich doch mein Grund, hier zu sitzen. Mitten in der Nacht, denn bei Tageslicht hätten Sie mich überhaupt nicht bemerkt. Wir brauchen eine Kampagne, ein ganz großes Ding, das die Angst vor Gespenstern wieder weit nach vorne bringt. Bei der AfD und den Ausländern hat das doch auch geklappt.“

„Ach so, weil ich ab und zu mal ein bisschen was schreibe…“

„Und weil Sie mich sehen können, bei den großen Agenturen hat das… Oh, das wollte ich jetzt eigentlich nicht gesagt haben.“

„Letzte Hoffnung, was? Und wie wollen Sie mich bezahlen? Ein Eimer voll Gold am Ende des Regenbogens?“

Sie versuchte ein Lächeln, das so dünn in der Luft hing, dass es mich an die Grinsekatze erinnerte, der Alice im Wunderland begegnet war.

„Ich könnte Ihnen einige Türen öffnen.“

Ich stand auf. Das war doch unglaublich, zu harmlos für einen Job in der Geisterbahn, aber große Versprechungen machen. Auf dem Weg zur Haustür sah ich mich noch einmal um. Da war nichts mehr. Nichts und niemand. Dann steckte ich den Schlüssel ins Schlüsselloch. Bevor ich ihn umdrehen konnte, verschwand er, wurde einfach in Schlüsselloch gesaugt, war weg.

Ich starrte ihm nach. Entgeistert.

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6 Gedanken zu “Mein neuer Job

  1. Ein geistvoller Text in jeder Hinsicht 🙂
    Die Ängste sind nun mal in uns, so irrational sie auch scheinen mögen. Und je weniger wir sie wahr haben wollen, desto wirkungsvoller sind sie. Vor Geistern Angst haben ist nicht schlimm. Entscheidend ist, wie wir damit umgehen. Danke für den anregenden Text!

    Gefällt 2 Personen

  2. Eine fast allegorischer Geschichte, Die Entdeckung einer Person im nächtlichen Garten beschwört Angst herauf. Doch die Fremde wird in ihrer Fremdheit bald vertraut, und ihr Wunsch an dich verändert die Situation, macht sie noch alltäglicher. Wir lernen daraus, dass es nur das Unbekannte ist, das uns schreckt. Beruhigt lehnen wir uns zurück. Aber dann entschwindet ein Schlüssel ins Schloss und nimmt die trügerische Sicherheit einfach mit.

    Gefällt 2 Personen

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