Lächerlich

Foto: Manfred Voita

In einem Schaukasten am Bahnhof hängt dieses Plakat, hinter Glas, deshalb die Reflektionen auf dem Bild. Was will, so lautet natürlich die Frage, der Künstler uns mit diesem seinem Werk sagen?

Beginnen wir mit den Farben, da gibt es sehr klare Strukturen. Blau dominiert, mehr als die Hälfte des Bildes wird von dieser kalten Farbe, denn so wird ihre psychologische Wirkung beschrieben, bedeckt. Nüchtern, sachlich und vertrauensvoll, ohne viele Emotionen zu vermitteln. Schon klar, warum es die Lieblingsfarbe der Deutschen ist. Selbst die positiven Assoziationen, die mit dieser Farbe verbunden sind, gefallen nicht jedem, autoritär und stark zum Beispiel. Langweilig gehört zu den negativen Assoziationen.

Rot spielt eine eher untergeordnete Rolle, der Bus im Hintergrund, die Jacke der Frau. Signalwirkung kann hier nur die Jacke haben. Ein Hingucker. Warm, vital, verführerisch, aber auch dominant, aggressiv und laut.

Bei dem Weiß der Schrift haben wir es mit einer neutralen Farbe zu tun. Sauber und schlicht, aber auch steril und kalt.

Bleibt noch das Grau. Emotionslos. Trist. Deprimierend. Gut, ich gebe zu: auch sachlich und elegant. Möglicherweise.

Doch wenden wir uns der Bildinformation zu. Vier Menschen, drei Männer und eine Frau, vor einem Bus, offenbar haben sie ihn gerade verlassen. Sie lächeln, strahlen geradezu in die Kamera. Busfahren ist ein Vergnügen, das soll wohl die Botschaft sein, oder ist es die Freude, heil dem Bus entronnen zu sein? Die Freude, ausnahmsweise pünktlich angekommen zu sein? Und warum sind es nur Senioren, die dem Bus entsteigen? Wo ist die Mutter mit dem Kinderwagen, der Rollstuhlfahrer, wo der Alltag des ÖPNV? Ja, wo ist überhaupt die Truppe minderjähriger Randalierer, die die ganze Reisegesellschaft mit Musikerzeugnissen von jenseits der Geschmacksgrenzen zugedröhnt hat? Gut, die waren schneller raus aus dem Bus, Senioren brauchen ihre Zeit.

Nähern wir uns noch etwas mehr der Realität an, die hier nicht gezeigt wird. Drei Frauen und ein Mann entsprächen der ÖPNV-Wirklichkeit eher und wer hat je vier Senioren gesehen, die strahlend einem Bus entstiegen? Als Eigentümer eines solchen Tickets und langjähriger Nutzer von Bus und Bahn ist mir das nicht einmal begegnet – und es hat mir auch nicht gefehlt.

Zum Schluss werfen wir einen Blick auf den Text, der uns darüber informiert, dass es möglich ist, ab 60 mit einem Abo Bus und Bahn zu nutzen und im Münsterland zum kleinen Preis mobil zu sein. Einfach hin und weg, so verspricht uns der Künstler.

Aber gibt es auch ein Zurück?

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15 Gedanken zu “Lächerlich

  1. Als versierte und leidgeprüfte Nutzerin des öffentlichen Nahverkehrs kann ich sagen…DIE LÜGEN. So glücklich macht kein Abo der Öffentlichen. Niemals sind das Gahrgäste. Ich glaube, die haben hier Modelle gesucht und für das Grinsen bezahlt. Ich bin mir sogar sicher. Und das nicht nur weil ich gerade im Bus eingezwängt bin und leide.

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  2. So isses – nicht einmal das mit dem „kleinen Preis“ stimmt. Hier jedenfalls nicht in unserem Verkehrsverbund, da ist das Seniorenticket (pardon, es heißt jetzt „60aktiv“) schon deswegen teuer, weil man ein Abo für 12 Monate abschließen muss, das macht immerhin 924 € im Jahr. Da müsste ich dann im Jahr 182 Mal die 30 km nach Köln fahren, damit sich das lohnt….

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  3. Solche Werbefotos, auf denen die Leute zwanghaft lachen, gehören ja zur alltäglichen Gestaltungsidee unserer Werbeleute. Das steht im totalen Gegensatz zum real Beobachtbaren. Nach deiner Auskunft, dass es dir noch nie begegnet ist, fiel mir auf, dass ich überhaupt so gut wie noch nie strahlende Menschen in freier Wildbahn gesehen habe. Man fragt sich, was die auf dem Foto geraucht haben. Der farbliche Eindruck trügt übrigens. Wir vom grafischen Gewerbe wissen, dass vom Vierfarbdruck die Farbe Gelb als erste verblasst, gefolgt von Rot. Wenn Plakate zu lange in der Sonne hängen, werden sie also immer blaustichiger.

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