Am Höllensee (3)

Am Höllensee

Teil 1

Fortsetzung und Schluss

Ich konnte in der Dunkelheit sein Gesicht nicht gut erkennen, nur seine Augen und seine sehr weißen Zähne blitzten ab und zu auf. „Nicht der Böse…, nein, all das Böse, das getan und gedacht wird. Glauben Sie etwa, das ist alles einfach… weg? Nun, wie ich schon angedeutet habe, eine uralte Sage erzählt vom Höllensee… das ist der See, den Sie übrigens auch von hier aus sehen können.“

Er deutete mit der Hand in die Nacht und tatsächlich, wie bestellt leuchtete der Mond durch ein dramatisch zerklüftetes Wolkenloch und da lag der See. Jetzt, beim zweiten Blick auf seine Oberfläche, schien es mir, als brodele es unter der ihn deckenden Schicht, die für Eis zu halten mir immer schwerer viel.

„Zu der Zeit, als das Paradies verloren war und die Menschen sich über die Welt verteilten, kam auch das Böse in die Welt und so, wie die Menschen sich vermehrten und langsam überall Fuß fassten, so vermehrte sich auch das Böse und schließlich war die Erde ein unerträglicher Ort geworden. Da beschloss ER..“

Ich unterbrach ihn: „Er? Wer ist er?“

Der Mann blieb still, dachte vielleicht nach und antwortete dann: „ER… ich möchte es bei ER belassen. ER beschloss also, ein Tal zu suchen und dort das Böse zu verschließen. Und er fand das Tal und begann, all das Böse dort zu sammeln und zu lagern und er versiegelte das Tal mit einer Lage Wasser und einem Deckel aus Salz, der in der Sonne wie Eis glitzerte. Und seither sammelt sich im Höllensee all das Böse, das nicht gerichtet, nicht gebeichtet und nicht bedauert wurde. Und immer, wenn eine böse Tat auf ewig ungesühnt bleibt, dann wird aus ihr ein Stein, ein kleiner oder ein großer, je nach der Tat und der rollt dann den Abhang hinab, durchschlägt die Oberfläche und versinkt im Höllensee, der sich sogleich wieder über all dem Bösen schließt.“

Ich hatte zugehört, wie man einem Märchen zuhört und wären wir nicht dort oben im Gebirge gewesen, mitten in der Nacht, und wäre der Mann nicht so urplötzlich dort erschienen und wäre es mir nicht so willkommen gewesen, in dieser Nacht nicht allein sein zu müssen, vielleicht hätte ich irgendetwas Spöttisches gesagt, aber so blieb ich still. Doch auch der Alte hatte offenbar nicht die Absicht, seiner Erzählung noch etwas hinzuzufügen, also fragte ich nach einem Weilchen der Stille, nur, um nicht unhöflich zu erscheinen: „Das Böse der Welt… das muss doch furchtbar viel sein. Wie kann denn ein einzelner See das alles aufnehmen?“

Da blitzten mich die Augen wieder an und nach einigem Knurren und Brummen sprach der Alte doch noch weiter. „Morgen, wenn es wieder hell ist, dann gehen Sie den Weg hinab und am See vorbei zum Dorf. Nicht ganz unten am See, sondern es gibt da einen Höhenweg, von da aus haben Sie noch einmal einen besseren Blick auf den See. Nur in manchen Nächten und nur wenn ich…“ Er unterbrach sich, schüttelte den Kopf und sprach dann weiter. „Ein großer Fels ruht dort mitten auf dem Hang, und von diesem Hang rollt immer wieder ein Stein hinab. Sie werden es ja erleben. Auf dem Felsen, schauen Sie genau hin, finden Sie einen Drudenfuß, das ist das Symbol des Bösen. Und wenn dieser Fels in den See stürzt, dann wird das Tal zerschmettert und all das Böse kommt wieder in die Welt. Es wird hinab regnen auf die Dörfer und Städte, die Länder und Ihre ganze Welt und sich verbreiten und… Aber wozu erzähle ich Ihnen das…“ Er schüttelte den Kopf, drehte sich um und tat ein paar Schritte zur Seite. Und während ich noch über seine Worte nachdachte, war er verschwunden, so plötzlich, wie er gekommen war.

Ich blieb in der Höhle, wartete auf den Morgen und tat kein Auge zu. Von den Ereignissen des Abends hatte ich wenig bis nichts verstanden, weder den See noch den Alten und sein Auftauchen und Verschwinden. Aber ich ging den Weg, den er mir gezeigt hatte, fand den See und den Stein mit dem Symbol und sah, dass da nicht mehr viel Raum war, das der See nur noch um ein Weniges steigen durfte, bevor… ach, was wusste ich denn. Also eilte ich in das Dorf, in dem ich einen Meister und eine Unterkunft fand und erzählte dort von meinen Erlebnissen, doch niemand hatte je vom Höllensee gehört. Also drängte ich darauf, mit dem Pfarrer und dem Bürgermeister ins Gebirge zu gehen und als sie sich endlich dazu bereit erklärten, fand ich den See nicht mehr, nicht den Hang und nicht den Felsen mit dem Drudenfuß. “

Niegel sah auf, der Herrscher hatte ihn nicht einmal unterbrochen. Jetzt warf er einen raschen Blick auf den Sterbenden, der mit geröteten Wangen in seinen Kissen lag. Niegel meinte, ein Lächeln auf dem vorhin noch so strengen Gesicht zu sehen.

„Es ist gut. Sie können jetzt gehen – und lassen Sie den Text hier. Er wird nicht mehr gebraucht.“

Noch bevor Niegel die Stadt wieder verlassen konnte, läuteten die Glocken aller Kirchen und in Windeseile verbreitete sich die Nachricht vom Tod des Herrschers. Die vorbereiteten Todesurteile hatte er nicht mehr unterschreiben können, wie Niegel mit einiger Erleichterung vernahm. Doch der Herrscher war ohne Reue und ohne die Tröstungen der Religion aus dem Leben geschieden und manche erzählten, dass noch in der gleichen Stunde ein mächtiges Grollen aus den nahen Bergen zu vernehmen gewesen war.

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7 Gedanken zu “Am Höllensee (3)

  1. Anders als die erste deiner dunklen Geschichten hat die hier etwas Kafkaeskes im ersten Teil, ist dann aber doch eher eine Parabel oder ein Märchen. Man muss schon glauben, dass es das Böse gibt. Wohingegen der Rationalist denkt, dass Gut und Böse immer Sache der Interpretation und kulturellen Vorstellungen ist und beide nicht physikalische Realität sind.

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    • Es wäre schön, wenn es so etwas wie das Böse gäbe, etwas, das sich bekämpfen, letztlich besiegen ließe. Aber obwohl uns viele Filme genau das erzählen, spricht wohl alles dafür, dass wir alle das Potenzial zum Guten und zum Bösen mitbringen. Was letztlich natürlich auch viel spannender ist.

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      • Schon bei der Trennung zwischen Gut und Böse geraten wir ins Schwimmen, am Beispiel deines Diktators zu sehen. Was ist mit dem Tyrannenmord? Waren die Hitler-Attentäter gescheiterte Mörder oder ehrenwerte Männer?

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  2. Pingback: Am Höllensee (2) | Manfred Voita

  3. Für Gut und Böse gibt es viele Bilder. Ich weiß nicht, ob das des Sees mit der Salzdecke neu oder doch typisch ist. Es ist auch egal. Ich mag den leichten Grusel in der Erzählung und ich mag das Ende. Hoffentlich kommen noch viele weitere Erzählungen.

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