Am Höllensee (2)

Von Pierre Gorse – This file was provided to Wikimedia Commons by the Bibliothèque municipale de Toulouse as part of a cooperation project with Wikimédia France.Беларуская (тарашкевіца)‎ | English | Français | Italiano | +/−, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=26275033

Am Höllensee

Zweiter Teil

Er setzte seine Tasche, die er immer noch auf den Knien gehalten hatte, neben seinem Stuhl auf dem Boden ab und begann zu lesen.

„Es wurde schon Abend. Der Regen hatte nachgelassen, aber nach den Mühen der vergangenen Tage fühlte ich mich schwach. Möglicherweise hatte ich sogar leichtes Fieber, es kann aber auch die Anstrengung gewesen sein, schließlich war ich es nicht gewohnt, im Gebirge unterwegs zu sein und, wenn es spät geworden war, unter freiem Himmel zu übernachten. Auch an jenem Abend sollte ich mein Ziel, das Bergdorf, in dem ich einige Wochen bleiben und arbeiten wollte, nicht erreichen, denn der Weg war schmal und steil, schließlich verlor ich ihn in einer kargen Gerölllandschaft ganz und wusste in der beginnenden Dunkelheit nicht, wohin ich mich wenden sollte. Dunkle Wolken zogen über die Gipfel der Berge, verhüllten sie und völlig unvorbereitet fand ich mich auf meinem Weg eingehüllt von der schwarzen Nacht. Ich tat noch ein paar Schritte, hielt dann aber an, denn ich fürchtete, in einen Abgrund zu stürzen. Und richtig, als ich mich einen Moment später an eine Felswand lehnte, von der ich hoffte, dort Schutz vor der Kälte und den Gefahren der Nacht zu finden, riss die dichte Wolkendecke auf und ein ferner Mond offenbarte, dass wenige Meter vor mir der Weg endete. Ich näherte mich vorsichtig einer Abbruchkante und sah tief unter mir einen See, bedeckt von einer Schicht, die ich für Eis halten musste, was es aber wegen der herbstlichen Jahreszeit noch nicht sein konnte.

„Vorsicht!“ sagte eine tiefe Stimme und fast wäre mir gerade die Warnung zum Verhängnis geworden, denn niemals hätte ich erwartet, dort in der Nacht einen Menschen anzutreffen. Ich fing mich aber gerade noch und kehrte zurück zu der Felswand, um den Unbekannten in Augenschein zu nehmen. Der Mann, sicher schon weit in den Siebzigern, vielleicht Achtzigern, war ganz offensichtlich nicht für eine Bergtour oder auch nur einen langen Spaziergang gerüstet, eher sommerlich leicht gekleidet, übergewichtig und fast kahl. Er ertrug geduldig meine neugierigen Blicke, hatte aber offenbar nicht vor, sein plötzliches Erscheinen näher zu erklären – und ich empfand eine eigenartige Scheu davor, ihn danach zu fragen.

„Ob es Eis ist?“ begann er und nahm meine stillen Überlegungen so selbstverständlich auf, als hätte ich sie in die Nacht hinein gerufen. „Es gibt eine sehr alte Geschichte zu diesem See, so alt, dass kaum jemand sie noch kennt…“ Er zögerte, schien in seine eigenen Gedanken zu versinken, erinnerte sich dann aber wohl wieder an mich und fuhr fort: „keiner sie mehr kennt. Durch einen… nennen wir es Zufall, weiß ich von dem See und seinem Geheimnis. – Es ist kalt hier, lassen Sie uns ein paar Schritte gehen, dann erzähle ich Ihnen, was ich über den See weiß.“

Wie selbstverständlich fasste er meinen Arm und leitete mich über einen schmalen Pfad, den ich zuvor nicht bemerkt hatte, um die Felswand herum und zu einer Höhle, in deren Eingang er stehen blieb.

Der Alte hatte Recht, die Höhle bot Schutz vor Regen und Wind und war ein viel besserer Ort für die Nacht und ich fragte mich, warum jemand, der sich im Gebirge so gut auszukennen schien, nicht einfach den Weg zum nächsten Ort genommen hatte.

„Haben Sie sich schon einmal überlegt, wo das Böse in der Welt bleibt?“ fragte er mich und es klang so selbstverständlich, als hätte er nach der Uhrzeit gefragt.

„Das Böse…?“ ich zögerte.

„Ja… das Böse.“

Teil 3

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5 Gedanken zu “Am Höllensee (2)

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