Am Höllensee (1)

Diesmal gibt es einen Dreiteiler aus der Reihe meiner, nun, sagen wir dunkleren Geschichten.

Am Höllensee

Es herrschte Ruhe in der Stadt, niemand hatte Niegel in die Augen geschaut, ja, nicht einmal den Blick gehoben, um ihn zu mustern. Dennoch hatte Niegel das ungehagliche Gefühl, ständig beobachtet zu werden, keinen Schritt unbemerkt tun zu können. Soldaten standen herum und rauchten, Polizisten kontrollierten ausländisch aussehende Passanten, ließen sich Papiere und Taschen zeigen.

Die Kontrollen vor dem Palast waren streng. Niegels Dokumente wurden hin und her geschickt, geprüft, kommentiert, kopiert und schließlich akzeptiert. Der Privatsekretär holte ihn aus der großen, kalten Eingangshalle ab, in der Fahnen an den Wänden hingen und großformatige Gemälde an Schlachten erinnerten, deren Helden vergessen und Sieger längst gestorben waren. Breite Marmortreppen führten in den ersten Stock und weiter nach oben, schmalere hölzerne Treppen schließlich bis in die Privatgemächer, vor denen eine Doppelwache Dienst tat. Als auch diese letzte Prüfung bestanden war, geleitete der Sekretär ihn in das Schlafzimmer des greisen Herrschers.

„Der Archivar…, Majestät!“

Die Matratzengruft, schoss es Niegel in den Sinn, doch es war nicht Heinrich Heine, der sich da unter den Kissen regte, es war der Herrscher, der, von der Krankheit und dem nahen Tod gezeichnet, noch immer Gewalt, wenn nicht über das Leben, so doch über den Tod seiner Untertanen besaß und, so hatte man Niegel zugeraunt, zornig über sein unvermeidliches Ende, keine Gnade und kein Mitleid mehr kannte.

Mühsam richtete sich der Alte auf, Diener sprangen herbei, nahmen eine Unterschriftenmappe vom Bett und rückten die Kissen zurecht, so dass er Niegel sehen konnte. Mit einer schnellen herrischen Geste winkte er seinen Besucher näher, wies auf einen Stuhl neben dem Bett und räusperte sich, hustete, keuchte, rang um Luft und sprach schließlich.

„Haben Sie den Bericht?“

Niegel zögerte.

„Den Bericht!“ wieder diese herrische Geste. Schon trat ein großer, bleicher Mann hinter dem Bett hervor, offenbar der Leibwächter des Herrschers, der dort neben einem Geistlichen gestanden hatte und deutete auf Niegels Tasche.

Niegel gelang es nicht gleich, das Schloss zu öffnen, seine Finger rutschten mehrfach von dem Metallknopf ab, doch dann zog er eine Mappe hervor, öffnete sie und entnahm ihr ein paar Seiten, ein Schreiben, noch mit einer mechanischen Schreibmaschine verfasst. Er hielt es in der ausgestreckten Hand.

„Lesen Sie..“ befahl der Herrscher, der den Kopf zurück in die Kissen sinken ließ.

„Wenn Sie erlauben…“ Niegels Stimme zitterte etwas, er sah sich um, nein, niemand bot ihm ein Glas Wasser und vermutlich gehörte es sich auch nicht, in Anwesenheit des Herrschers darum zu bitten, „Dann fasse ich die ersten Absätze rasch zusammen, bevor wir…“

„Ja… aber nun machen Sie schon.“ unterbrach ihn der Mann im Bett.

„Es ist ein merkwürdiges Dokument, eine Art Reisebericht, verfasst von einem Handwerker, der vor vielen Jahren die Erlebnisse seiner Wanderjahre in einer Art Tagebuch notierte. Diese Notizen erbte schließlich sein Sohn, der sie so bemerkenswert fand, dass er sie veröffentlich sehen wollte. Deshalb schrieb er die Aufzeichnungen seines Vaters ab, bearbeitete sie wohl auch und schickte sie an einen Verlag. Noch bevor er die Absage des Verlags erhalten konnte, kam er durch sonderbare Zufälle ums Leben und der Text blieb unveröffentlicht. Nun, nach vielen Jahren, fanden die Akten und Unterlagen des Verlages, der inzwischen nicht mehr besteht, ihren Weg in unser Archiv und…“

„Das interessiert mich nicht. Deshalb habe ich Sie nicht her zitiert.“ unterbrach ihn der Herrscher.

Niegel blätterte. „Hier… hier wird es interessant.“

(Teil 2)

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5 Gedanken zu “Am Höllensee (1)

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