Familientreffen (4)

Fortsetzung und Schluss

Zum Glück ließ sich seine Handschrift recht gut entziffern, es fanden sich auch ein paar Skizzen und in einem schwarzen Umschlag steckten sogar einige Fotos. Wieder waren es Aufnahmen der Skelettteile, diesmal aber hatte Stürer sich seinen Motiven genähert und wir erblickten eingeschlagene Schädel, zerborstene Kiefer und abgesplitterte Wirbelsäulen. Wie mochte all das geschehen sein? Hergen, der den Umschlag in Händen hielt und die Fotos Stück für Stück herausnahm, hielt überrascht inne und zeigte mir den mit Bleistift geschriebenen Vermerk auf dem Umschlag: „Voita“ stand dort. Was bedeutete das? Die Reaktion der Frau an der Rezeption, jetzt das…Führte der Ursprung meiner Familie etwa doch hier her in die Karatau-Berge?

Aufklärung darüber war von Stürer kaum zu erwarten, doch Hergen zog eine weitere Notiz hervor. Stürer hatte sich offenbar an einen Kollegen gewandt, Anschrift und Telefonnummer standen unter dem flüchtig hingeworfenen Entwurf eines Schreibens. Hergen nutzte die Internetfunktion seines Handys und wenig später wussten wir, dass es sich bei Willard B. Prenthurst um einen Kryptozoologen handelte, was auch immer das sein mochte. Es gab einige Veröffentlichungen unter seinem Namen. Bigfoot, dem Yeti und anderen merkwürdigen menschenartigen Wesen galt sein Forscherdrang. Was mochte Stürer von ihm gewollt haben?

Die Welt ist klein, wenn es darum geht, aus den einsamen Bergen Kasachstans ein Gespräch mit einem Amerikaner in einem kalifornischen Institut zu führen. Prenthurst überfiel mich mit einem Redeschwall, ich verstand nur Bruchstücke, doch es war offenbar so, dass Stürer ihm Proben zugeschickt hatte und Prenthurst nun darauf brannte, gemeinsam mit Stürer die weitere Vorgehensweise zu planen. „Vergessen Sie Stürer, wenn Sie Informationen brauchen, helfen wir Ihnen weiter. Aber was ist hier überhaupt passiert?“

„Und das fragen Sie mich, Mr. Voita?“ Er lachte heiser, „Ich lese Ihnen mal ein paar Zeilen aus einem Lexikon der Kryptozoologie vor.“ Er blätterte, dann vernahm ich wieder seine Stimme. „Almas“ sagte er. „Darum geht es, große menschenähnliche Wesen, die immer wieder einmal gesichtet werden, vielleicht eine erhaltene Nebenlinie unseres menschlichen Stammbaums, vielleicht ein anderer Zweig der Evolution, der sich vor dem Homo Sapiens Sapiens in die unwirtlichsten Regionen der Welt flüchtete… Bigfoot oder der Yeti, ja, aber es gibt viel mehr davon, Almas, wie gesagt…. Und da unten bei Ihnen in Kasachstan…“ er räusperte sich „Voita, Kategorie: Kryptozoologie. Einer der vielen regionalen Namen, die den Alma gegeben wurden, einer großen affenähnlichen Kreatur, die in und um den Kaukasus in Kasachstan lebt.“

Hergen gab mir irgendwelche Zeichen, deutete auf einige Leute, die sich vor der Kirche versammelten und ziemlich wütend zu sein schienen, aber ich hatte keine Zeit für ihn. Es ist nicht so, dass ich leicht zu beeindrucken bin und Esoterik, Aliens und Kreise im Korn sind nicht gerade mein Thema, doch muss ich gestehen, dass ich schon … sagen wir: ein mulmiges Gefühl bekam, als Prenthurst mir das erzählte. „Die Proben, die Stürer Ihnen geschickt hat – konnten Sie die den…Almas zuordnen?“ Er schwieg, überlegte sich wohl ganz genau, was er jetzt sagen wollte.

„Ja.. schon, aber vielleicht nicht ganz so, wie Sie sich das jetzt vorstellen mögen. Es sind keine Proben von Almas, aber die Art der Verletzungen, die großflächigen Brüche… ich fürchte, wir müssen davon ausgehen, dass Almas das angerichtet haben.“

„Es sind… Opfer?“

„Wenn Sie das Wort nicht in einem religiösen Sinn verstehen …ja!“

Ich weiß nicht mehr, was wir noch besprochen haben, ob wir noch etwas besprochen haben. Denken konnte ich jedenfalls nicht mehr, oder doch, aber meine Gedanken waren wie auf einer Autobahn unterwegs, mit hoher Geschwindigkeit in immer der gleichen Richtung. Die Mistgabeln und Dreschflegel, Sensen und altertümlichen Gewehre, die von den Dörflern nun drohend in unsere Richtung geschwungen wurden, ließen jedoch nichts gutes vermuten, die Zeit reichte nicht einmal, um Hergen von meinem Telefonat zu berichten. „Wir müssen hier weg… da läuft etwas ganz entsetzlich schief!“ rief ich ihm nur noch zu und rannte auch schon. „Ich hoffe, du weißt, was du tust.“ brüllte Hergen mir nach – und verdammt, ich wusste es. Ich wusste ganz genau, wohin ich wollte. Das Auto stand mitten im Ort, wir hatten keine Chance, es unbehelligt zu erreichen, aber ich dachte nicht einmal an das Auto, ich lief hinaus aus dem Dorf, dorthin, wo wir bei unserem ersten Besuch die Ruinen entdeckt hatten. Und Hergen folgte mir.

Nackter Fels unter meiner Hand, draußen sind Menschen, jetzt höre ich sie. Habe ich die Höhle gefunden? Rauch steigt mir in die Nase, ich springe auf, schüttele den Arm ab, der leblos auf meinem Oberkörper ruhte, Hergens blutigen Arm, bin bereit zum Kampf und ich bin nicht allein. Voita heiß ich. Voita bin ich.

 

13 Gedanken zu “Familientreffen (4)

  1. Pingback: Familientreffen (3) | Manfred Voita

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