Familientreffen (3)

Fortsetzung

Neben dem gedrungenen Kirchlein lag der Friedhof, ein paar Steine, von wem auch immer gegen den Ansturm der rauen Natur verteidigt, blank gescheuert und lesbar gehalten. In der zur Heimat gewordenen Fremde unter ihresgleichen beerdigt, denn kein fremder Name fand sich an diesem tristen Ort. Dann, an der Kirchwand, doch noch etwas eigenartiges: eine Zeltplane deckt ein offenes Grab ab, daneben Werkzeug, wie es ein Totengräber kaum verwendet.

„Ein Volkskundler von der Universität aus Almaty!“ sagte uns der Pfarrer und nein, es sei kein Grab und doch wieder, er druckste herum, bis er uns schließlich die Fotos zeigte, die der Mann aus Almaty hier gelassen hatte. Schädel und Knochen hatte er ausgegraben, fast wie in einer Bärenhöhle, ein wüstes Durcheinander. Fachleute würden sich mit der Rekonstruktion beschäftigen müssen und erst dann könne endgültig gesagt werden, wie viele Menschen hier verscharrt worden seien. Er müsse nun zu einem Krankenbesuch, gab uns der Pfarrer zu verstehen, bat uns aber, uns zuvor in sein Gästebuch einzutragen, eine Bitte, der wir gern nachkamen.

„Voita?“ „Ja, bestätigte ich und schob gleich die Frage nach, wo denn der Mann aus Almaty jetzt sei, doch auf einmal schien der Pfarrer uns nicht mehr recht verstehen zu können. Wir drangen auch nicht weiter auf ihn ein, bedankten uns noch einmal für seine große Gastfreundschaft und zogen uns für die Nacht in ein kleines, etwas klammes Zimmer zurück, dass mich mit der großgeblümten Tagesdecke und den riesigen, prall gefüllten Kissen an das Schlafzimmer meiner Großmutter erinnerte.

„Ein Doppelbett!“ kommentierte Hergen.

„Keine Sorge, ich komm dir schon nicht zu nahe. Allerdings schnarche ich.“

„Genau das war meine Sorge!“ grummelte Hergen, bevor er sich auf den Weg in das Badezimmer machte.

„Fließendes Wasser, eiskalt!“ meldete er wenig später.

Als wir endlich unter den schweren Decken lagen, wurde Hergen ganz still.

„Hergen? Schläfst du schon?“

„Nein, Idiot. Ich denke an dieses Grab… Das passt so gar nicht zu den anderen Gräbern, es würde mich schon interessieren, wie der Volkskundler das erklärt. Auch unter touristischen Aspekten kann es ganz spannend sein, ein bisschen Aberglaube, ein rätselhaftes Ritual…“

Am Mittag des nächsten Tages kehrten wir zu unserem Basislager zurück, verzichteten aber darauf, der Rezeptionistin von unserem unvorhergesehenen Besuch in dem abgelegenen Dorf zu berichten. Stattdessen rief Hergen in Almaty an und ließ sich mit der Hochschule verbinden. Ein paar Stunden später rief uns Walter Stürer an, der Mann, dessen Ausgrabungen wir gesehen hatten. Schroff lehnte er unsere Bitte ab, uns dort hin zu begleiten. „Aber Sie haben doch eine Theorie, um was es sich bei diesem merkwürdigen Grab handelt?“ fragte ich ihn.

„Und ob… und mehr als eine Theorie. Aber darüber red ich nicht mit Ihnen, ganz besonders mit Ihnen nicht. Und von diesem verdammten Ort will ich auch nichts mehr hören, schlimm genug, dass noch meine Aufzeichnungen…“ er brach ab, hatte wohl mehr gesagt, als er mir erzählen wollte. Ich hörte nur noch das Klicken in der Leitung. Wenig später waren wir wieder unterwegs. Stürers Aufzeichnungen zu finden und zu lesen war für uns so etwas wie Ehrensache geworden.

Der Pfarrer schien nicht gerade erfreut, uns so rasch wieder zu sehen, nun, wir beabsichtigten nicht, seine Gastfreundschaft aufs neue strapazieren und als er hörte, dass wir nur an Stürers Unterlagen interessiert seien, händigte er uns fast hastig eine abgenutzte braune Ledertasche aus. Statt aber, wie wohl von ihm erhofft, gleich wieder davonzufahren, setzten wir uns in unseren Mietwagen und vertieften uns in Stürers Notizen.

(Fortsetzung folgt)

Teil 2

Teil 4

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