Ab durch die Mitte

von Vorwärts (Vorwärts) [Public domain], via Wikimedia Commons

„Zeit für mehr Gerechtigkeit“ fordert ein gewisser Herr Schulz, der in diesem Jahr für die Rolle des Kanzlerkandidaten gecastet wurde, während die Rolle der Kanzlerin ja bereits langfristig vergeben ist. Da inländisch keine geeigneten Bewerber mehr zu finden waren, weil in diesem Jahr der Posten des Vizekanzlers aus der Stellenbeschreibung gestrichen wurde, zudem Oettinger auf seine CDU-Vergangenheit und von und zu Gutenberg auf seine CSU-Zukunft verwiesen hatten, musste rasch eine europäische Lösung her.

Ablösefrei und mit einigen Vorschusslorbeeren kam dieser Herr Schulz aus Brüssel, möglicherweise sogar aus Straßburg, jedenfalls aus einer Stadt, die keinerlei Ambitionen auf die Championsleague hegt. Recht zügig erwies sich, dass die Vorschusslorbeeren in Wahrheit Knallerbsen waren. Selbst die üblichen Schaulustigen, die bei jeder Katastrophe massenhaft auflaufen, wandten sich rasch wieder aufregenderen Ereignissen zu, Steuererklärungen oder Buntstifte anspitzen zum Beispiel.

Lediglich in den Nachrichtensendungen wird zwischen dem Lokalteil und den Pollenflugvoraussagen noch kurz der Kandidat hervorgeholt und zu völlig belanglosen Themen befragt, die sich die Moderatoren aufschreiben mussten, um sie nicht gleich wieder zu vergessen.

Und was hatte sich Schulz vorgenommen? Soziale Gerechtigkeit. Jetzt nicht gleich das ganze Programm, sondern nur mehr. Ein bisschen mehr. Interessiert aber keinen. Schulz fordert eine Mehrheit, der es nicht schlecht geht, dazu auf, einer Minderheit, der es nicht so gut geht, etwas abzugeben.

Da gilt die simple Regel, dass, wer hat, nur abgibt, wenn der, der es haben will, stärker ist. Das war im neunzehnten Jahrhundert so, als Bismarck aus Angst vor der Revolution die Sozialversicherung hervorzauberte. Das war nach dem Ende des zweiten Weltkriegs so, als der Sozialismus, wie ihn die UdSSR sich dachte, einen weltweiten Führungsanspruch erhob und die soziale Marktwirtschaft als Wohlstandsmaschine eingeführt wurde.

Herr Schulz will nicht drohen, womit auch? Mit der Revolution? Herr Schulz? Er will nicht mal von Menschen gewählt werden, die das Wort kennen. Eigentlich nicht mal von denen, die auf soziale Gerechtigkeit angewiesen wären. Wird er ja auch nicht. Aber von wem dann?

Doch halt, steckt dahinter vielleicht ein großer Plan? Eine Art sozialdemokratischer Verschwörung? So ein ohne-uns-Ding? Wenn man weiß, dass, was gerade läuft, nicht gut gehen kann, weder ökonomisch noch ökologisch, man aber überhaupt keinen Plan hat, wie das zu ändern wäre, dann lässt man einfach die anderen machen? Eine Kanzlerin, die eigentlich auch nicht mehr wollte, aber weiter muss, einen Seehofer, der auch nicht mehr wollte, selbst der nicht. Der einzige, der wirklich zu wollen scheint, ist dieser Lindner, der mit seinem traurigen Blick für eine Partei wirbt, an die ich mich nicht erinnern kann.

Also, SPD, alles richtig gemacht. Glückwunsch, genau den richtigen Kandidaten ausgewählt.

6 Gedanken zu “Ab durch die Mitte

    • Ja. Die ideologische Krise dauert eigentlich an, seit die SPD den Anspruch aufgegeben hat, eine Arbeiterpartei zu sein und sich wie auch die CDU als Partei der Mitte versteht. Mit den Reformen der Agenda 2020, auch als Hartz-Reformen bekannt, hat die Partei dann Teile ihrer Wählerbasis verloren und sucht seither ihren Platz im Parteiensystem – und eine möglichst charismatische Führungsperson. Ich glaube, dass in den USA sowohl Demokraten als auch Republikaner in einer ähnlichen Krise stecken, auch wenn die Republikaner formal regieren.

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  1. Deine Polemik gefällt mir sehr. Mit der Gerechtigkeit hatte die SPD schon bei Schulz glorreichen Start Probleme. Das Parteiprogramm zierte der fehlerhafte Slogan: „Mehr Zeit für Gerechtigkeit.“ Das war ehrlicher, weil es sagt, dass derzeit nicht genug Zeit für Gerechtigkeit ist, was ja auch der richtige Slogan bedeuten könnte. Als der römische Kaiser Septimus einmal abwimmelte, er habe keine Zeit, rief aus der Menge ein altes Weib: „Du hast keine Zeit? Dann sei kein Kaiser!“
    Bei Pantoufle las ich über das Gerechtigkeits-Lippenbekenntnis die schöne Polemik, Schulz wolle die Harz-IV-Gesetze nach Kommafehlern durchgucken. Zu blöd nur, dass die Wähler die Substanz im Gerede von Schulz vermissen. „Knallerbse“ stimmt. Deren Knall ist sogar enttäuschend.

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  2. Die gesamte Geschichte der Sozialdemokratie ist eine einzige Abfolge von Katastrophen bzw. eben eher genau die Folge ihrer Ideologie/Weltanschaung. Komplett unrevolutionär in der Verbandelung mit den Gewerkschaften gegen die kommunistische Arbeiterbewegung, immer nur das kleinbürgerliche Glück im Sinn, immer für Deutschland, für Kriegskredite und Ermächtigungsgesetze. Immer ideologieangepaßt z.B. mit dem verbürgerlichten Godesberger Programm, immer der Ausputzer der Staatsräson z.B. unter Schmidt gegen die RAF und für Pershingraketen. Und natürlich immer gegen das eigene verdummte Milieu mit z.B. den Hartz-4-Gesetzen. Ich hoffe, diese SPD kommt bald unter die berühmte Hürde. Und nimmt das Schicksal der noch dümmeren F.D.P. an.

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