Wen schert’s?

Foto: Elfie Voita

Vor Stockholm liegen die Schären. Sie liegen da nicht, weil sie beim großen Aufräumen vergessen wurden, sondern sie liegen da, weil das große Aufräumen dafür gesorgt hat, dass es sie überhaupt gibt. Während einer Eiszeit, ich mache mir jetzt nicht die Mühe, den korrekten Zeitraum zu recherchieren, war nämlich Skandinavien von einer dicken Eisschicht bedeckt und als die Eiszeit fertig war und, wie sich das für Eis gehört, langsam wegtaute und an der Waffel runter lief, nein, falsches Bild, schob das Eis weg, was im Wege lag, machte platt, was platt zu machen war und schliff selbst Granit gnadenlos ab.

Manchmal blieb allerdings etwas stehen und als das Wasser kam, das wir als Ostsee, alle anderen als baltisches Meer kennen, ragten kleinere und größere Inselchen heraus. Weil aber der Druck des Eises weg war, stieg und steigt der Boden dort langsam an und es ist eine Frage der Zeit, dass wir nicht mehr mit dem Schiff, sondern mit dem Aufzug nach Stockholm fahren müssen. Aber das hat, wie gesagt, noch ein wenig Zeit.

Nimmt man aber das Schiff, dann fährt man unter allerlei A-und-O-Rufen an diesen Schären vorbei, sieht große, auf denen Bäume, Häuser und schwedische Fahnen stehen, Gespensterinseln mit weißen, toten Bäumen und flache, langgestreckte Felsinselchen, auf denen ein Schiffbrüchiger trockenen Fußes die Retter erwarten könnte und genau ein ganz, ganz kleines Inselchen, eine Schäre, ein Schärchen, falls diese Verkleinerungsform nicht dazu führt, dass das Schärchen sich noch kleiner und unbedeutender fühlen sollte, als es das ohnehin schon tut. Ein Schärchen, um das sich keiner schert.

Ja, nehmen wir uns die Zeit, uns das Schärchen genauer anzuschauen, wie es da klein und allein im tiefen Wasser steht, vermutlich auf den Zehenspitzen, um den runden kleinen Kopf, der so gern der Gipfel eines mächtigen Berges wäre, überhaupt über die Wellenkämme zu erheben. Ein bisschen wenigstens. Strubblig steht es da, mit seinen grünen Haaren. Manchmal, ich mag es kaum erzählen, kommt sogar eine Möwe vorbei und…, nein, ich mag es doch nicht erzählen.

14 Gedanken zu “Wen schert’s?

  1. Noch nie wurde ich so unterhaltsam über Schären informiert. Sehr freundlich auch von dir, dass du das üble Geschäft der Möven ausgeblendet hast 😉 Dass der Boden immer noch ansteigt, weil das Eis nicht mehr auf ihm lastet, kommt mir vor wie das Langzeitgedächtnis der Natur. Beim tollen Foto frage ich natürlich nach dem Kamerastandpunkt, fotiografiert aus dem Hubschrauber?

    Gefällt 1 Person

    • Es wirkt tatsächlich so, als sei das Bild aus größerer Höhe gemacht worden und die Form der Wellen und die Sturmfrisur des kleinen Felsens legen nahe, dass es ein Hubschrauber sein könnte. Fotografiert wurde aber von Bord der Diana, ganz vorn am Bug stehend.

      Gefällt 1 Person

      • Faszinierend. Die Wellenstruktur oberhalb legt nah, dass es sich um eine sehr kleine Insel handelt, wobei der Bewuchs höchst kurios ist. Die glatteren Wellen im Vordergrund zeigen dann vermutlich den Windschatten der Diana an. Danke für den Hinweis und fürs Zeigen dieses inspirierenden Fotos.

        Gefällt 1 Person

Das Absenden eines Kommentars gilt als Einverständnis dafür, dass Name, E-Mail- und IP-Adresse gespeichert und verarbeitet werden. Jetzt aber los:

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.