In nächster Instanz: Landgericht

Landgericht, der Roman von Ursula Krechel, hat es als Zweiteiler ins Fernsehen geschafft, bevor ich ihn gelesen habe. Gelesen stimmt nur zum Teil. Ich hatte Buch gekauft, die ersten Seiten gelesen, dann blieb es bei meiner Tochter liegen und als ich es zurückbekam, hatte ich längst mit einem anderen Buch begonnen. Es blieb liegen, bis ich die Hörbuchfassung in der Stadtbücherei sah, sie mitnahm und tatsächlich hörte. Bis auf den Schluss, da kamen mir die Ferien dazwischen.

Hörbücher bleiben bei mir dem ÖPNV vorbehalten, also hätte ich bis nach den Ferien warten müssen, zu lange für das bisschen Resttext. Also habe ich den Schluss gelesen. Die Fernsehfassung habe ich mir nicht angeschaut, eine Wiederholung würde ich mir vermutlich ansehen.

Als Anmerkungen zum Buch mag das einigen noch ein wenig dünn erscheinen, aber all dem ist ja schon zu entnehmen, dass ich es geschafft habe, dass ich bis zum Ende durchgehalten habe. Das tue ich nicht immer, nicht mehr. Ich erlaube mir, bei Büchern, die mich nicht mitnehmen, sie auch nicht mehr mitzunehmen.

Krechel hat mich also nicht enttäuscht. Möglicherweise muss ich noch mehr von ihr lesen, denn ein Hörbuch funktioniert ja anders, selbst dann, wenn es um eine ungekürzte Lesung gehen sollte. Hier liegt eine autorisierte Lesefassung vor. Frank Arnold und Ursula Krechel haben dafür den Deutschen Hörbuchpreis erhalten. Den Deutschen Buchpreis hatte der Roman zuvor auch schon erhalten. Die Messlatte lag also hoch. Hörbücher, wie schon gesagt, funktionieren anders als Bücher, jedenfalls bei mir. Die Stimme Frank Arnolds, seine Betonung, seine Pausen, da übernimmt er Aufgaben, die eigentlich meine wären, die Aufgaben des Lesers. Dann lesen wir heute wohl auch anders, als das vor den Zeiten des Internets war, wir googeln, prüfen Orte, Personen, Zusammenhänge.

Das kann ich theoretisch mit dem Hörbuch auch tun, aber es hält ja nicht inne, es läuft weiter, wenn ich nicht unterbreche. Frank Arnold nimmt keine Rücksicht darauf, dass mein Handy klingelt oder eine Durchsage auf dem Bahnsteig gemacht wird. Bevor das in die falsche Richtung geht: Ich liebe Hörbücher, viele sind toll gemacht, manche erbringen einen Mehrwert, den ich sehr zu schätzen weiß. Aber es gibt Texte, die brauchen das Papier. Vielleicht ist das bei Krechel auch so. Die Feinheiten ihrer Sprache gehen unter, verschwinden hinter der Geschichte, die einfach weitergeht. Da gibt es nicht die Gelegenheit, über den einen Satz, die eine Formulierung nachzusinnen.

Doch zum Buch und nein, ich habe nicht die Absicht, den Inhalt jetzt kurz wiederzugeben. Krechel erzählt die Geschichte eines Juristen, eines Richters, eines erfolgreichen Mannes, der mit einer erfolgreichen Frau verheiratet ist, kleine Kinder hat, in Berlin lebt und Karriere macht. Bis der NS-Staat ihm dazwischen kommt, ihm sein Judentum, das bisher für ihn keine Rolle spielte, als Schild um den Hals hängt, ihm den Beruf verbietet und ihn mit der physischen Auslöschung bedroht. Krechel erzählt das mit, in Rückblicken des Mannes, der nach dem Krieg aus dem kubanischen Exil zurückkehrt, als Fremder in einem Land, dass nicht mehr wissen will, was war, in dem alle Opfer waren und sind und in dem jeder Heimkehrer aus dem Exil, jeder überlebende Jude als Verräter, aber auch als Aufforderung zur Selbstrechtfertigung erfahren wird. Wieso kann denn keiner dieses Deutschland und diese Deutschen, die es doch nun wahrlich schwer genug hatten und haben, in Ruhe lassen?

Die dreißiger Jahre, die vierziger Jahre und die Nachkriegszeit, der Wiederaufbau und die politischen und juristischen Karrieren, die Verfolgung der einst Verfolgten, die trotzige Ablehnung ihrer Ansprüche auf Wiedergutmachung dessen, was doch nie gutzumachen war, die Fremdheit, das Leiden unter dem Abbruch der bürgerlichen Existenz, das alles wird spürbar und manchmal, wenn ich die Hauptperson nicht verstand, fragte ich mich, ob es Krechel nicht auch darum ging, uns, den nach dem Krieg Geborenen, zu zeigen, dass wir eben nicht wissen und nicht fühlen können, wie das war, wie auch Menschen, die die Judenverfolgung scheinbar unversehrt überlebt haben, litten, unter dem NS-Staat, im Exil, aber auch in der Bundesrepublik mit ihrer so schnell wieder satten und selbstzufriedenen Normalität.

Für mich hat das Buch einen Beitrag dazu geleistet, mein Bild der fünfziger Jahre zu vervollständigen. Neben Adenauer und Erhardt, neben der Wiederaufrüstung und dem Wirtschaftswunder auch die Menschen zu sehen, die fremd waren im eigenen Land, vertrieben und nicht wieder angekommen, unerwünscht und wütend. Das Thema Exil hat mich schon länger beschäftigt, dabei habe ich nicht allzu viel darüber nachgedacht, wie wir, die deutsche Nachkriegsgesellschaft, mit den Menschen umgegangen sind, wie zurückgekehrt sind. Bei Schriftstellern wusste ich, dass wir sie vergessen haben, bei Filmstars, dass wir sie in amerikanischen Filmen bewunderten. Doch da gab es so viele andere, ganz normale, ganz durchschnittliche oder gänzlich undurchschnittliche Menschen, deren Zukunftshoffnungen, deren Lebenspläne und deren Lebensglück zerstört wurden. Auch daran erinnert dieses Buch.

Advertisements

2 Gedanken zu “In nächster Instanz: Landgericht

  1. Vielen Dank für die Rezension! Ich hatte mir das Buch auch schon genau angeschaut, hatte es beschnupert, wie man ein Buch beschnuppert, von dem man nicht recht weiss, wie man es einordnen soll. „Landgericht“ von Ursula Krechel könnte sich als lohnende Lektüre entpuppen. Aber wie das so ist, man möchte noch vieles lesen.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s