Wisch und nicht weg

By Secondo Bianchi / user:Rainer Zenz (scan) (Eigener Scan) [Public domain], via Wikimedia Commons

Das ist jetzt der dritte Anlauf für diesen Text, und das, obwohl ich noch nicht einmal genau weiß, wie er nach dem ersten Satz weitergehen wird. Einfach nur anfangen und schreiben, das war mal. Zwei Töchter, eine davon gerade im Studium, da wird gegendert – und diese Form der Sprachkritik schlägt inzwischen selbst dann zu, wenn keine der beiden jungen Damen in der Nähe ist. Bevor ich aber erkläre, welche Textvarianten gerade rausgeflogen sind – wo bleiben eigentlich gelöschte Texte, entfernte Buchstaben? Gibt es ein Jenseits für verworfene Ideen?

Ich meine natürlich nicht verworfen im Sinne von verworfen. Solche Ideen habe ich nicht, bestimmt nicht, nein, sondern im Sinne von… jetzt, wo man es braucht, ist das Wort weg. Versteckt sich hinter all den anderen irgendwo in der Tastatur. Aber genau darauf wollte ich mich ja auch nicht einlassen, irgendwelche anderen Wörter, die ich benutzt hätte, wäre ich nicht auf die Idee gekommen, etwas ganz anderes zu schreiben. Genug damit.

Wir waren Eis essen.

Darum geht es hier.

Ganz simpel, also nicht auf die Hand, in einer Waffel oder im Becher, der sich, wenn man ihn später mit Cognac füllt, auflöst, das aber nur am Rande, also er löst sich nicht nur am Rande, sondern ganz auf, das nur am Rande angemerkt, sondern im Sitzen, am Tischchen und im Becher. Ich glaube, die haben in dem Eiscafe bzw. der Eisdiele für jede ihrer verschiedenen Eiskompositionen einen besonderen Becher. Größere, kleinere, verschiedene Materialien, Formen und Farben.

Aber: Alle Eisdielen in Deutschland verwenden die gleichen Papierservietten. Behaupte ich. Diese schmalen, rechteckigen Teile, aus einem eigenartigen Material hergestellt, das die Saugkraft einer Plastiktüte hat. Sie liegen unter dem Eisbecher auf dem Metalltablett. So gehört sich das: Metalltablett, Papierserviette, Eisbecher.

Nur: Welche Funktion haben diese Papiere? Dienen sie womöglich nur dazu, das Verrutschen des Eisbechers auf dem Tablett zu verhindern? Sind sie Werbeträger, damit ich bei jedem Happen Eis daran erinnert werde, wo ich mich gerade befinde? Eines sind sie jedenfalls nicht: Servietten, mit denen man sich das klebrige, lustig eingefärbte Schnäuzlein nach dem Ende der kalten Mahlzeit säubern könnte!

Dafür sind diese Dinger völlig ungeeignet. Schon immer. Regt sich eigentlich niemand darüber auf? 6,50 € für einen Becher Eis, da sollte doch eine Papierserviette finanzierbar sein! Aber nein, nichts da.

Doch seien wir dankbar, dass nicht die italienische Mama mit dem feuchten Lappen, dem, der sonst hinter der adretten Theke über einem fliegenumschwirrten Mülleimer baumelt, durch den Laden läuft und jedem Gast, jeder Gästin einmal ordentlich übers Maul fährt.

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15 Gedanken zu “Wisch und nicht weg

  1. Wenn die italienische Mama mit dem Lappen kommt, um den Mund zu wischen (hihi), muss sie vorher noch mit Spucke anfeuchten, das duftet so schön ansäuerlich. Gut, dass du mal ansprichst, worüber ich mich schon oft still gewundert habe. Hinter diesen Servietten mit der „Saugkraft einer Plastiktüte“ steckt garantiert die Mafia.

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  2. Bei den Servietten handelt es sich um Klosettpapier aus Italien, welches sozusagen flächendeckend, also in großen Mengen, vor dem letzten Krieg produziert und versehentlich zu klein geschnitten wurde. Nur wenige Eingeweihte innerhalb der internationalen Eismafia wissen über diese Hintergründe Bescheid und sind laut Eisehrenkodex zu lebenslangem Stillschweigen verpflichtet … 🙂

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  3. Welche andersartig gegenderten Formen verbergen sich hinter der Formulierung „Wir waren Eis essen“?
    Meine Theorie: Gelöschte Wörter und Buchstaben bleiben in der Tastatur hängen – wenn man sie umdreht und leicht darauf klopft, fallen sie heraus, neben allem anderen Unrat, weshalb man es unbedingt vermeiden sollte. Ich mache das jedenfalls nicht, deshalb kann ich das nicht verifizieren. Was ich aber unbedingt mal ausprobieren muß, ist, daß ein Eisbecher sich auflöst, wenn man ihn mit Cognac füllt. Hast Du diese Erfahrung wirklich gemacht? Ich kann mich nur ganz entfernt daran erinnern, daß man beim Italiener „Venezia“ eine Cola mit einer Kugel Vanilleeis bestellen kann, und daß das gut schmeckt. Die Erinnerung ist allerdings schon über 40 Jahre alt.

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    • Nein, ich habe Fake-News produziert, allerdings nehme ich an, dass es sich tatsächlich so verhält. Wir haben nämlich Cognac aus Coffee-to-go-Bechern getrunken – und die lösen sich auf. Das habe ich gerade sogar noch gegoogelt, sogar der Hersteller weist auf dieses Risiko hin. Je höher der Alkoholgehalt, desto besser löst sich die Beschichtung.
      Venezia heißt vermutlich in jeder Stadt mindestens eine Eisdiele.

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  4. Das Jenseits für verworfene Ideen quillt auch bei mit über. Die Texte die ohne viel Korrektur aus der Feder fließen sind aber dann oft die, die den meisten Anklang finden. Das sind nur Tropfenfänger diese Serviettchen, immerhin machen sich nun einige hier Gedanken um ein kleines Stück Papier 🙂

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      • Die Kunst darin ist vermutlich, einfach nicht zu kleckern.
        Das Ding fühlt sich so sehr nach Plastik an, dass es – so glaube ich – für die mehrfache Verwendung gedacht ist und man es tunlichst nicht beschmutzen sollte. So ganz abwaschbar ist es dann doch nicht.

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  5. Guten Morgen,
    da ich nicht wusste, was „gegendert“ ist, habe ich das natürlich gleich recherchiert und bin auf ein Wörterbuch gestoßen für Menschen, die gerne gendergerecht formulieren. Daran gefällt mir nur der Stabreim – alles andere ist fürchterlich. Statt „Absender“ soll man auf den Briefumschlag schreiben: „abgesandt durch“ – wobei die Bildung des Partizips lobend hervorzuheben ist, die Präposition „durch“ statt „von“ mich jedoch abstößt. Außerdem soll eines meiner Lieblingswörter, die „Frauenmannschaft“, abgeschafft werden. Das wäre schade, ist dieser Begriff doch ein liebgewonnenes Beispiel für originelle Wortverbindungen in der deutschen Sprache, die ich gerne mit interessierten ausländischen Gästen diskutiere (ein anderes ist „Gemüseteller“ versus „Kinder-“ oder „Seniorenteller“). Schöne Gespräche, die das rein sprachliche Territorium schnell verlassen können, sind auch möglich anhand der Begriffe „Vaterland“ und „Muttersprache“. Und diese gibt’s sinngemäß auch in anderen Sprachen.
    Ja, die Papierservietten im Eiscafé (oder auch schön: „Eissalon“), die sind wohl mehr Reminiszenz als Gebrauchsartikel. Ähnliche wenig nützliche Produkte finden sich im mediterranen Raum ja auch in normalen Cafés und Bars, oft so fest in metallene Behälter gepresst, dass man sie kaum herauszerren kann. Vielleicht brauchen die Menschen im Süden gar keine Servietten. Das Papier ist aber schön fest – schreib‘ ein Gedicht darauf oder deine Telefonnummer, die du einer schönen Frau (äähm – einer „Person“) mitgeben möchtest.
    Einen schönen Tag wünscht
    Elisabeth

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    • Hallo Elisabeth,
      ja, es ist nicht einfach mit der Sprache und ich finde auch viele Konstruktionen sehr gezwungen, obwohl z. B. Studierendenwerk statt Studentenwerk akzeptabel ist. Wie eigentlich immer fallen wir wohl vom einen in das andere Extrem. Das Frauen in der Sprache sichtbar sein sollen, ist ein ganz berechtigter Anspruch. Ich kenne z. B. Frauen, die eine Ausbildung zum Industriekaufmann absolviert haben und auf deren Abschlusszeugnis auch Industriekaufmann steht.

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      • Ja, das ist nervig. Wie du schreibst – es ist alles eine Frage des Maßes. Aber ich kenne auch zu wenige Männer, auf deren Stirn „Feminist“ geschrieben steht. Hier sollte auch die männliche Form viel stärker propagiert werden. Ich denke, du hast da gute Unterstützung im familären Umfeld.
        Schöne Grüße und Grüßinnen !
        Elisabeth

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