Kirchen, Kunst & Köttbullar

Foto: Elfie Voita

Zu einer Reise, auch wenn sie nicht als Bildungsreise angelegt ist, gehört notwendig die Besichtigung von Kirchen und Schlössern. Bei einer Schiffsreise ist das nicht anders, besonders dann natürlich, wenn es eine Reise ist, die, nach einem kurzen Anlauf an der schwedischen Ostseeküste, in den Götakanal einmündet und dann, munter zwischen Kanal und Seen wechselnd, Südschweden in westlicher Richtung durchquert.

Kirchen sind vermutlich Pflichtprogramm, um verlorenen Seelen die Chance auf Umkehr einzuräumen, hartnäckigen Leugnern ihre sämtlichen Vorurteile zu bestätigen und kirchen- und kunsthistorisch Interessierten zu zeigen, was sie noch nicht gesehen haben und vermutlich auch nicht unbedingt sehen müssten.

Ich persönlich kann romanisch zuverlässig von romantisch, Barock von Rock’n Roll unterscheiden, bin aber sofort für jede Führung zu haben. Leider muss ich gestehen, dass ich zu diesem nervigen Typ von Gästen gehöre, die Fragen stellen. Bei jeder Führung ist mindestens einer davon dabei. Eine sehr gute Frage, höre ich dann meistens und anschließend wird mir ein kleiner Weg gezeigt, der im Regelfall zu nichts führt. Außer dazu, dass ich Stunden brauche, um die Gruppe wiederzufinden.

Wie praktisch Religion sein kann, wussten nicht nur Ordensgründer, die so an großzügige Spenden und Nachlässe kamen, sondern auch Landesherren, die im Zuge der Reformation diese Kirchenschätze an sich brachten. Gustav Wasa erledigte das in Schweden so gründlich, dass sogar die Vergoldung von Altären und Skulpturen abgekratzt wurde. Wenn mir dann noch erzählt wird, wie die Visionen einer Hofdame zur Gründung eines Ordens und zum Bau eines Klosters samt Kirche geführt haben, dann schaue ich mit etwas mehr Zuversicht auf die Gegenwart. An Visionären mangelt es nicht, allerdings hat es seit dem 16. Jahrhundert deutliche Fortschritte bei den Psychopharmaka gegeben.

Fast hätte ich es vergessen: Den Gemäldeausschnitt zeige ich wegen der anatomisch anspruchsvollen Geste des Herren in Blau. Ich will ja nicht spotten, aber auch ansonsten hat das Bild einiges von Bauernmalerei, so z. B. die Köttbullar auf dem Tisch oder die prekäre Situation der Kerzenleuchter. Ich habe es mir überlegt: Ich will doch spotten.

Teil 6

Teil 4

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9 Gedanken zu “Kirchen, Kunst & Köttbullar

  1. Pingback: Ganz nah | Manfred Voita

  2. Schön, dass du dich für das Spotten entschieden hast. Früher waren es die Bilder, die mir Kirchenbesuche bei Reisen erträglich machten. Wir spielten „welcher hat die größten Glupschaugen“.
    Heute natürlich nicht mehr. Heute nur noch ganz ernst. Fast.

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  3. Die Wölbungen alter Kirchen sind innen ausstaffiert mit Trost-, Erbauungs- und Andachtsbildern, über die der Gläubige erfährt, wie er sich zu verhalten hat. Die Freiheit, sich mittels hochmoderner technischer Geräte Informationen zu beschaffen, ist grenzenlos. Das Gefühl von Freiheit entsprechend unendlich. Das Gewölbe ist dicht. Die bildnerischen Darstellungen von Menschen, die daraus den Kopf herausstrecken, liegen schon lange zurück.

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  4. Die vielen Bilder in den Kirchen waren den analphabetischen Gläubigen der Ersatz für die unzugängliche Bibel. So lesekundig und abgeklärt wir wir sind, können wir uns die Ergriffeneheit mittelalterlicher Menschen nicht mehr vorstellen. Das Gemälde im Bild ist vor der Wiederentdeckung der Zentralperspektive entstanden. Wer weiß, wann die in Schweden überhaupt angekommen ist. Daher die ungelenke Darstellung der räumlichen Verhältnisse. Es ist aber aus heutiger Sicht schlecht gemalt. Guck dir nur die Hände an. Es ehrt dich, dass ihr euch auf Reisen immer so ein Kulturprogramm antut. Ich war mal sieben Jahre mit einer Frau zusammen, die wollte überall nur in Schuhläden. Vor die Wahl gestellt zwischen ihr und einer Kirche nur mit mir, nahm ich den Schuhladen.

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    • Die kulturgeschichtliche Bedeutung der Kirchen ist es, die mich interessiert, neben den Zeugnissen religiöser Kunst, die manchmal so schön schräg sind.
      Die Perspektive dieses Abendmahls erinnert übrigens an Matisse, der allerdings sehr bewusst so gemalt hat.

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  5. Pingback: Ach, Bellmann | Manfred Voita

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