Zeitmaschine 2.0

von Lomita (Eigenes Werk) [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)%5D, via Wikimedia Commons

Mulmig beschrieb das Gefühl nicht annähernd. Es war wie ein Sturz ins Bodenlose, eine rasende Fahrt auf einer Achterbahn, nur hatte jemand die Schienen entfernt. Ungeheurer Druck lastete auf meinen Ohren, bunte Kringel drehten sich vor meinen Augen. Ich kannte mich zwar in diesen Angelegenheiten nicht aus, doch selbst als Laie kapierte ich: Da stimmte was nicht. Und im nächsten Moment stürzte der Maschinist in die Zentrale, hektische Flecken im Gesicht und Panik im Blick.
„Verdammt, Käp’n, der Hebel klemmt. Ich krieg ihn nicht zurück!“
„Worauf steht er?“ fragte der Käp’n ruhig, nur enge Vertraute vernahmen das Zittern in seiner Stimme.
„Imperfekt!“
„Verflucht!“

Das aus dem Mund des Käp’ns hören zu müssen, traf uns alle hart. Die Lage mußte schier ausweglos sein.
Mit ein paar handfesten Männern eilte der Käp’n runter in den Maschinenraum der Zeitmaschine. Angeschnallt blieb ich zurück und tat, was mir zu tun blieb: Ich hoffte. Durchsagen ertönten, Techniker sprangen auf und hetzten hin und her. Niemanden hielt es noch auf seinem Platz, auch so folgte schließlich auch ich der allgemeinen Bewegung und fand mich an der halb geöffneten Tür des Maschinenraums wieder.
Fieberhaft arbeitete der Bordingenieur, blätterte in riesigen Zeichnungen, schraubte, ölte und tat manches, was mir unverständlich blieb. Ein grauhaariger, in vielen Lagen erfahrener Techniker ließ keine Sekunde den Blick von ihm und murmelte, wohl mehr zu sich selbst: „Der Mann hat goldene Hände, er ist unsere letzte Hoffnung. Wenn er das nicht packt, dann gnade uns…“
Da warf der Ingenieur den Schraubenschlüssel hin, wischte sich den Schweiß von der Stirn und schüttelte, Tränen in den Augen, den Kopf.
Ganz still wurde es und jeder mied die Blicke der anderen. Dann war es der Käp’n – natürlich, wer sonst? – der das aussprach, was den anderen, erfahreneren Kollegen wohl schon durch den Kopf ging.
„Der Duden!“
Keinem schien ganz wohl zu sein, als das dicke unansehnliche Buch geholt wurde. Würde es die Rettung bringen? Ich persönlich konnte mich an eine ganze Reihe von Fällen erinnern, in denen mir der Duden weitergeholfen hatte, aber das waren immer Problem wie: Schreibt man nämlich nun mit oder ohne h?
Von diesem einen Moment hing alles ab. Der Käp’n lud die ganze Last der Verantwortung auf seine Schultern und tat selbst, was niemand von ihm hätte verlangen dürfen. Er nahm das Buch in beide Hände, holte weit aus und donnerte es mit der ganzen Kraft seiner kurzen Arme gegen den festgeklemmten Hebel des Zeit-Raum-Koordinators. Ein metallisches Kreischen jagte mir einen Schauder über den Rücken, doch schon schrie der Ingenieur auf.
„Jaaa! Der Hebel hat sich bewegt.“
Der Alte wird auf die Knie sinken.
„Wenn er abgebrochen wäre…“ wird er flüstern und Tränen werden über seine bärtigen Wangen kullern.
„Zu weit, der Hebel ist zu weit gerutscht. Er steht voll auf Futur. Und ich fürchte, er klemmt!“ wird der Ingenieur rufen.

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7 Gedanken zu “Zeitmaschine 2.0

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