Ich?

„Ich Denkmal“, memorial in Frankfurt, Main, Germany, created by Hans Traxler in 2005. CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=130116

Lange habe ich gezweifelt, aber nun steht es für mich fest: Das bin ich nicht. Schon in meiner frühen Kindheit gab es erste Indizien, die in diese Richtung deuteten. Immer, wenn irgendetwas kaputt gegangen war, irgendwer etwas angestellt hatte, wurde ich verdächtigt.

Ich kann mich zwar nicht mehr daran erinnern, was da im Einzelnen vorgefallen ist, wohl aber kenne ich noch meine Reaktion auf all die jahrelangen Verdächtigungen: Das war ich nicht. Seltsamerweise machte ich mir keine Gedanken darüber, wer es denn gewesen sein könne, wenn ich es denn nicht war. Aber das gehört ja auch nicht zu den klassischen Aufgaben des Beschuldigten.

Jahre später fiel mir auf, dass angebliche Tonaufzeichnungen meiner Stimme unmöglich von mir stammen konnten, denn so hell und ungelenk klang ich nun wirklich nicht. Da lief doch eine Verschwörung gegen mich – und siehe da, schon tauchte die nächste Ungereimtheit auf. Fotos und Videos, die mich zeigen sollten, zeigten in Wahrheit einen älteren übergewichtigen Mann, der nur entfernte Ähnlichkeit mit mir aufwies, offenbar aber dennoch von meinem gesamten Umfeld akzeptiert wurde.

Jetzt aber, nachdem wir eine neue Lampe im Badezimmer haben, offenbarte sich mir erst das ganze Ausmaß der Verschwörung, denn selbst mein angebliches Spiegelbild wird von diesem eher mäßigen Laiendarsteller gedoubelt.

Wundern Sie sich also nicht, wenn ich künftig unrasiert und ungekämmt daherkomme. Den Kerl guck ich mir nicht länger an!

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16 Gedanken zu “Ich?

  1. Ab einem gewissen Alter ist das anbringen von strahlenden Lampen im Bad grob fahrlässig.
    Mein Double lässt sich immer in Hotels blicken und grinst mich aus dem Schminkspiegel an.
    Ich versichere – die mopsige Alte kenn ich nicht!

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  2. Die Verschwörung gegen das Ich (und das Du) begann mit der Erfindung privat zu nutzender Glühlampen. Ende von Kerzenschein und flackernder Romantik auch sich selbst gegenüber. Später noch das Telefon (Stimme), das mit Kabel sogar bis an die andere Seite des Atlantiks … ach, wenn doch die ganzen Erfinder am Lagerfeuer gesessen geblieben wären: Das Ich hätte Geschichte gemacht!

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  3. Je est un autre“ – „Ich ist ein anderer“. – Ein schöner Satz von Arthur Rimbaud, der die Suche nach dem Selbst auf den Punkt bringt. Als ob die Frage, die dahinter steht, je beantwortet werden könnte. Ist aber halb so schlimm. Das Leben wäre ja sonst auch langweilig.

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  4. Lustig!

    Den Leuten in den Spiegeln ist nicht zu trauen: Schaue ich in den normalen – Licht von hinten oben – sieht alles ganz normal aus, was sag ich: Geradezu passabel, seit 20 Jahren unverändert! Seit neuestem steht darunter ein Schminkspiegel, der Doppelkinn, hängende Wangen und Augenringe zeigt, das Gesicht eines dem Bier nicht abgeneigten Rauchers – das darf ja wohl nicht wahr sein! Ich glaube, ich schmeiß den wieder weg.

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