Was wahr ist klar, denn nur der Klare sieht das Wahre

Ostwestfalen. Ein Konflikt in sich. Ein Ost-West-Konflikt. Wie der Rheinländer auf Westfalen, schaut der Westfale auf Ostwestfalen herab. Obwohl er eigentlich hinauf schauen müsste, schließlich bietet Ostwestfalen einiges mehr an Höhe. Und ganz ehrlich, wenn keiner zuhört oder mitliest, könnte ich vielleicht sogar eingestehen, dass es da keineswegs so geschmacklos, lieblos, öde und was auch immer ist, wie wir immer behaupten. Es ist, schaut man mal genauer hin, überwiegend natürlich geschmacklos, lieblos und öde – aber eben auch bildhübsch, idyllisch, ländlich. Mit dichten Wäldern und Bergen, die hoch genug sind, um ins Schwitzen zu geraten, wenn man daran denkt, dort mit dem Fahrrad unterwegs sein zu wollen. Dörfern mit viel Fachwerk.

Und mit Werther. Mit Werther-Arrode.

Das ist das Dorf, in dem Peter August Böckstiegel geboren wurde. Kann man sich vorstellen, wie das gewesen sein muss, 1889 auf dem Land, in einem winzigen Bauernhaus, das seine Eltern gekauft hatten, um freie Bauern zu sein, in dem er mit fünf Geschwistern aufwuchs, die sich mit den Eltern ein winziges Schlafzimmer teilten?

Kann man sich erklären, was dazu führte, dass diese Kind armer Eltern Maler werden wollte, dann Maler wurde und erst nach dem Umweg über dieses Handwerk Künstler werden konnte? Einer, der zu den wichtigsten Expressionisten Westfalens gehört! Ja, ich weiß, das klingt nach einer Einschränkung. Wichtigster Expressionist Frankreichs oder wenigstens Deutschlands, das wäre eine Hausnummer.

Wurde er nicht, an den Franzosen und am großen van Gogh hat er sein Auge geschult, mit den deutschen Kollegen gearbeitet. Wie er seine Helden entdeckte und dann imitierte, sich wie van Gogh anzog, eine Kappe aufsetzte und ein Selbstporträt von sich malte, das hinreißend ist – und rührend. Wie konnte nur die Farbpalette eines einfachen Bauernsohnes so explodieren? Wo kommt die Kraft her, die Dynamik seiner Bilder?

In Arrode steht das Haus, in dem er gelebt hat, das er gestaltet und geprägt hat, mit seinen Ateliers und seinen Bildern und Skulpturen, mit seiner Schnitzerei, seinen Drucken und Zeichnungen. Ein eigenes Museum wird 2018 eröffnet, gleich vor der Tür des alten Hauses. Wir freuen uns schon darauf.

Übrigens: Den Sinnspruch hat Böckstiegel über den Eingang seines Hauses gesetzt, geschnitzt und gemalt.

Advertisements

14 Gedanken zu “Was wahr ist klar, denn nur der Klare sieht das Wahre

  1. Lieber herr Voita!

    Dass sich der Herr Böckstiegel beim werten Herrn Van Gogh den ein oder anderen Pinselstrich abgeschaut hat, ist eindeutig zu erkennen. Hätte er sich auch noch ein Ohr abgeschnitten, wer weiß, vielleicht wäre er heute sogar berühmter als sein Kollege 🙂

    Herzliche Grüße
    Mallybeau

    Gefällt 2 Personen

  2. Als Rheinländer fühle ich mich glatt angesprochen und versichere, nicht auf Westfalen hinabgesehen zu haben. Nur eins fand ich mal amüsant, eine Karnevalssitzung aus Münster zu sehen, in der stocksteife Herren sich sanft wiegten und dabei sangen: „Westfalenland, Westfalenland, ist wieder außer Rand und Band!“ Und was zu Ostwestfalen zählt, habe ich erst mal googlen müssen.
    Peter August Böckstiegel hingegen ist für mich eine Entdeckung. Danke für den Hinweis!

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s